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Verletzung als Auslöser: Der beste Schweizer Boxer wechselt die Gewichtsklasse

Erkältungen und Verletzungen: Das Immunsystem von Davide Faraci spielte nicht mehr mit. Schockierende Diagnosen sind indes nichts Neues im Leben des Aargauer Boxers.

Andreas Fretz
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Davide Faraci.hat seine sportliche Heimat verlassen.

Davide Faraci.hat seine sportliche Heimat verlassen.

Fretz

Spätestens, als Davide Faraci vom Verband zum erfolgreichsten Schweizer Amateur-Boxer der letzten 50 Jahre erkoren wurde, dürften die letzten Zweifler verstummt sein. Falls es überhaupt je Zweifel an seiner Qualität gab. Von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, holte der Gippinger Bronze an der U22-EM und verpasste die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2012 denkbar knapp. Ein Sieg mehr, und Faraci wäre als erster Schweizer Boxer seit München 1972 im Olympia-Ring gestanden. Mit dem feinen Unterschied, dass 40 Jahre zuvor keine Qualifikation vonnöten war.

Der 22-jährige Gippinger dominiert die helvetische Szene in seiner Gewichtsklasse nach Belieben. Viermal in Folge wurde er Elite-Meister im Mittelgewicht (bis 75 kg). Davor waren es drei Titel im Nachwuchs. Nun wechselt der beste Schweizer Boxer die Klasse. Vom Mittel- ins Halbschwergewicht (bis 81 kg). So überraschend der Entscheid, so nachvollziehbar ist der Grund. Es geht um Faracis Gesundheit.

Vor jedem Kampf musste er sein Gewicht reduzieren. Um vier bis fünf Kilogramm. Das ist zwar nicht unüblich, «aber auch nicht gesund», wie Faraci betont. Er ist überzeugt, dass sein Immunsystem darunter gelitten hat. «Ich war oft erkältet, hatte Verletzungen. Ich habe von meinem Körper viel verlangt, ihm aber wenig gegeben.»

So sah Davide Faracis Hand nach der Operation aus

So sah Davide Faracis Hand nach der Operation aus

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Im März war eine Sehne seiner rechten Hand angerissen und hatte sich verschoben. Während eines Kampfs. Eine Operation unter Vollnarkose war die Folge. Seitdem trägt Faraci eine Schiene, die er in diesen Tagen abnehmen kann.

Schockdiagnose Tumor

Schockierende Diagnosen sind nichts Neues im Leben von Davide Faraci. Mit 18 Jahren musste er sich einen bösartigen Tumor an der Ohrspeicheldrüse entfernen lassen. Zwei Operationen waren nötig. Noch heute sieht man eine feine Narbe unter seinem Ohr.

Was einen durchschnittlichen Jugendlichen wohl ziemlich aus der Bahn geworfen hätte, war für ihn kein Grund, klein beizugeben. «Ich fühlte mich nicht wirklich krank. Es war schlimmer für meine Eltern als für mich. Mir war immer klar, dass ich es schaffen werde, und ich versuchte, so normal wie möglich weiterzuleben.»

Fehlprognose der Ärzte

Die nächste Hiobsbotschaft erreichte Faraci im letzten Jahr. Im Training war eine wichtige Sehne an der linken Schulter angerissen, hing nur noch an einem seidenen Faden. Die Ärzte sagten, dass er 30 Prozent seiner Schlagkraft einbüsse. Wieder musste Faraci unters Messer. Und wieder bewies er Kämpferqualitäten. Die Prognose der Ärzte erwies sich als falsch. Faracis Schlagkraft liegt, zur Überraschung der Halbgötter in Weiss, wieder bei 100 Prozent.

«Vom Spruch ‹Was dich nicht umbringt, macht dich härter› halte ich nicht viel», sagt Faraci entschieden. Auf die zahlreichen Rückschläge hätte er gut verzichten können. Aber sie haben ihn mental geprägt. «Ich versuche immer, das Positive zu sehen. Im Leben wie im Ring.» Geholfen hat ihm auch die Beziehung zu seiner Freundin Lidija. Die beiden kennen sich seit ihrer Schulzeit, sind seit fünfeinhalb Jahren ein Paar. «Sie hat mich immer unterstützt, war wichtig bei den Rückschlägen», sagt Faraci.

Unterstützt wird Faraci beim Entscheid, die Gewichtsklasse zu wechseln, auch von seinem langjährigen Trainer Engin Köseoglu. Zudem hilft ihm ein Ernährungsberater in Zürich, in der neuen, schwereren Kategorie anzukommen. Faraci nimmt fünf Mahlzeiten pro Tag zu sich. «Ich will Muskeln und nicht Fett aufbauen», sagt der Boxer, der Teilzeit als Automatiker arbeitet. Sobald die Schiene an seiner Hand weg ist, beginnt die Therapie. Derweil hält er sich mit Konditions- und Krafttraining fit.

Wie seine Chancen in der neuen Gewichtsklasse stehen, bleibt abzuwarten. Die Konkurrenz im Mittelgewicht ist traditionell gross, «aber auch im Halbschwergewicht wird es nicht einfach. Ich muss mich erst beweisen», sagt Faraci. Nach den Sommerferien wird er wieder Kämpfe bestreiten. Das grosse Ziel sind die Weltmeisterschaften 2015 in Katar, die gleichzeitig als Olympia-Qualifikation gelten. Eine Teilnahme in Rio 2016 wäre ein Riesenerfolg, weiss Faraci. Er wäre der erste Schweizer Boxer, der sich auf sportlichem Wege für Olympische Spiele qualifiziert.

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