Michael Bächli

Unglaubliche Leidensgeschichte: Wie ein Aargauer Schwinger-Talent von seinem Körper in die Knie gezwungen wurde

Michael Bächli (oben) hat im Sägemehl oft dominiert. Gebremst wurde er vom eigenen Körper.

Michael Bächli (oben) hat im Sägemehl oft dominiert. Gebremst wurde er vom eigenen Körper.

Vielleicht wäre Michael Bächli heute Schwingerkönig – aber was hilft ein Vielleicht, wenn immer wieder das Kreuzband reisst. Eine Leidensgeschichte.

Um zu verstehen, wie sich Michael Bächli fühlt, muss man zuerst zurückblicken. Es ist der 26. Juli 2015. Auf dem Brünig werden die begehrten Bergkränze verteilt. Insgesamt vier Schwinger, die noch keine 20 Jahre alt sind, schmücken sich am Abend mit dem Eichenlaub, das ihnen die Welt bedeutet. Ihre Namen: Nick Alpiger, Joel Wicki, Remo Käser und Michael Bächli. Alpiger gewann im vergangenen Jahr das Innerschweizer Fest. Wicki stand am Eidgenössischen im Schlussgang. Alpiger ist heute 24, Wicki 23 Jahre alt.

Bächli ist der Jüngste des Quartetts. Doch während die anderen die Sägemehlwelt erobern, hat der 21-jährige Aargauer seine Karriere am 9. April beendet. «Zum einen bin ich sehr stolz, dass ich zu diesem Kreis gehörte. Zum anderen macht es mich traurig, zu sehen, was sie erreichen. Weil das vielleicht auch für mich möglich gewesen wäre.» Bei Bächli paaren sich Gefühle, die so unterschiedlich sind und doch zusammengehören.

Schon seit Jahren nicht mehr schmerzfrei

Zum Beispiel auch dann, wenn man mit ihm über seinen Körper spricht. Zwei Monate nach der Sternstunde auf dem Brünig reisst bei Bächli das Kreuzband im rechten Knie. Es ist der Anfang einer brutalen Serie. Die Saison 2016 verpasst er komplett – dann reisst das Kreuzband erneut. Und als sich das Ganze ein drittes Mal wiederholt, ist längst klar, dass es nicht nur Pech sein kann. Bächli ist 2.05 Meter gross. Und die Kräfte, die beim Schwingen wirken, sind bei solchen Hebeln offenbar zu gross. «Soll ich nun sauer sein, dass mein Körper den Belastungen nicht standhält oder glücklich, dass mich meine physischen Voraussetzungen überhaupt dorthin gebracht haben, wo ich 2015 war?»

Stolz und traurig. Glücklich und doch sauer. 2019 nimmt Bächli einen letzten Anlauf. Sein Traum: das Eidgenössische Schwingfest in Zug. Doch im Februar zwickt es erneut im rechten Knie. Die Diagnose – unfassbar: Teilriss des Kreuzbandes. Auf eine Operation verzichtet er, um sein Ziel weiter zu verfolgen. Getragen wird er von der Sehnsucht.

Bächli startet also verletzt in die Saison und sagt: «Schmerzfrei ist mein Knie ja seit 2015 nicht mehr.» Am Aargauer, am Baselstädtischen und als Gast am Waadtländer gewinnt er den Kranz. Doch nach dem Solothurner ist das Knie so geschwollen, dass kurz darauf klar wird: es geht nicht mehr. Saisonabbruch. Erneut. Bächli taucht ab. Die Enttäuschung ist so gross, dass er einige Tage lang nicht darüber reden kann und will. Heute sagt er: «Ich muss mich seit 2015 immer wieder mit dem Thema Rücktritt befassen. Ein Schock war das erneut drohende Aus nicht.» Weniger brutal aber nicht.

Ein fataler Fehltritt auf blankem Eis

Trotzdem hält er sich im Winter fit. Ob sein Kreuzband erneut ganz gerissen ist, weiss Bächli nicht. Klar ist: Er will nicht noch eine Operation, nachdem vor dem dritten Eingriff bereits in einer zusätzlichen OP der Knochen repariert werden musste, damit das Band überhaupt befestigt werden konnte. So lässt er ein letztes Türchen offen, doch weiter zu machen. Im Februar geht Bächli Skifahren, alles geht gut. Auf dem Weg zurück in die Wohnung rutscht er auf dem Eis aus. Laufend. Das Knie schwillt an. Es ist das Ende.

Und der Anfang. Im Herbst beginnt Bächli ein Wirtschaftsstudium mit Fachsprache Englisch. Manchmal ist er traurig, wenn er an das Schwingen denkt. Manchmal glücklich.

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