Challenge League

Unantastbar in der Krise: Warum Aarau-Trainer Patrick Rahmen nicht um seinen Job bangen muss

Sportchef Sandro Burki (links) und Trainer Patrick Rahmen sind über das Berufliche hinaus auch freundschaftlich miteinander verbunden.

Sportchef Sandro Burki (links) und Trainer Patrick Rahmen sind über das Berufliche hinaus auch freundschaftlich miteinander verbunden.

GC hat Trainer Uli Forte entlassen, weil es die Zielvorgabe «Barrage» zu verpassen droht. Der FC Aarau ist schon gar nicht mehr im Kampf um Rang 2, trotzdem gibt es im Brügglifeld nicht einmal im Ansatz eine Trainerdiskussion. Die Analyse von AZ-Fussballreporter Sebastian Wendel.

Von der anfänglichen Zielvorgabe «vorne mitspielen» meilenweit entfernt, trotz des drittteuersten Kaders der Liga auf Rang 8, zehn Punkte Rückstand auf den Barrage-Platz, sieben Heimspiele ohne Sieg, keine sichtbare Weiterentwicklung, Fanpfiffe nach dem erneuten Rückschlag gegen Vaduz: Zutaten für eine Trainerdiskussion beim FC Aarau wären mehr als genug vorhanden. Unabhängig davon, ob Patrick Rahmen ein guter oder schlechter Trainer ist.

Zum Vergleich: Die Grasshoppers haben am Samstag Uli Forte entlassen, obwohl die Zürcher neun Punkte mehr als Aarau auf dem Konto haben und als Dritter im Rennen um den Barrage-Platz alle Karten in der Hand halten. Doch trotz des sportlich viel schlechteren Gesamtbilds wird es im Brügglifeld auch in den nächsten Tagen ruhig bleiben, Patrick Rahmen braucht sich auch nach dem 1:2 gegen die Liechtensteiner, der achten Niederlage im 21. Saisonspiel, nicht um seinen Job zu fürchten.

Das hat mehrere Gründe: Der wichtigste heisst Sandro Burki, ist Sportchef des FC Aarau und hat in der vergangenen Saison schon einmal bewiesen, dass er nicht den Totomat über die Trainerfrage entscheiden lässt. Damals hat Burki trotz null Punkte nach sechs Spielen «seinen» Trainer durch alle Böden hindurch verteidigt. Die Barrage-Qualifikation hat ihm recht gegeben. Im Spätsommer 2019 hat Burki ohne zeitliche Dringlichkeit Rahmens Vertrag bis 2021 verlängert – ein weiteres Indiz dafür, wie unantastbar der Basler für Burki ist. Die beiden sind, daraus machen Burki und Rahmen keinen Hehl, über das Berufliche hinaus auch freundschaftlich miteinander verbunden. Im Erfolgsfall eine florierende Konstellation, in der Krise aber droht – menschlich absolut nachvollziehbar – Verblendung.

Der FC Aarau und die Trainerfrage: AZ-Sportredaktor Sebastian Wendel im Tagesgespräch bei Tele M1

Der FC Aarau und die Trainerfrage: AZ-Sportredaktor Sebastian Wendel im Tagesgespräch bei Tele M1

Und dann profitiert Rahmen auch von der Übergangsphase auf der Führungsebene: Philipp Bonorand, der Ende Mai zum Präsidenten gewählt wird, hat sein Okay für Rahmens Vertragsverlängerung gegeben – mitgegangen, mitgefangen.

Kommt dazu, dass die Entscheidungsmacht bis Ende Saison bei Noch-Präsident Alfred Schmid und Noch-Vizepräsident Roger Geissberger liegt. In den verbleibenden gut drei Monaten ihrer Amtszeit werden sie das Trainerfass nicht mehr auftun – Abwärtstrend hin oder her. Darauf zurückkommen werden Schmid und Geissberger nur, sollte der FCA in den verbleibenden 15 Spielen weiter nach hinten durchgereicht werden und in Abstiegsnöte geraten. Zwölf Punkte beträgt aktuell der Vorsprung auf Schlusslicht Chiasso – und so, wie die Tessiner sich trotz Kaderaufrüstung seit dem Rückrundenstart präsentieren (ein Punkt aus drei Spielen), wäre eine Siegesserie ein kleines Wunder.

Zu Rahmens Verteidigung sei gesagt, dass er sich mit einem Spielerkader voller Baustellen herumschlagen muss. Ein Fakt, der in erster Linie der Sportchef zu verantworten hat. Der Trainer aber, der mit dem vorhandenen Material arbeiten muss und auf den der Misserfolg in erster Linie zurückfällt, hätte sich stärker gegen die personellen Mängel wehren müssen. Es beginnt bei der abenteuerlichen Strategie mit drei profiunerfahrenen Eigengewächsen auf der Goalieposition, geht weiter bei der von Anfang an qualitativ ungenügenden Abwehr und endet beim Umstand, dass vorne ein zuverlässiger Torjäger fehlt. Den mit sechs Treffern in der Vorrunde besten Stürmer Patrick Rossini hat der FCA in der Winterpause zum FC Chiasso ziehen lassen. Und bei Neuzugang Shkelzen Gashi durfte man wegen seiner langen Wettkampfpause zwar nicht von Anfang an Wunderdinge erwarten. Dass er aber auch im dritten Rückrundenspiel nicht einmal für einen Teileinsatz in Frage kam, überrascht dann doch.

Trotzdem: Der FC Aarau spielt unter seinen Möglichkeiten. Eine Platzierung unter den Top 5 der Challenge League ist Pflicht. Aus den erwähnten Gründen jedoch scheint derzeit das Leistungsprinzip im Brügglifeld ausgehebelt. Verständlich, dass sich Teile der treuen und zahlenden Fans verschaukelt fühlen.

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