Der Weg nach Tokio

Um die halbe Welt für ein paar Sekunden

Olympia-Kolumne «Der Weg nach Tokio», Cyril Grossklaus

Cyril Grossklaus

Olympia-Kolumne «Der Weg nach Tokio», Cyril Grossklaus

Die Olympischen Sommerspiele 2020 sind das grosse Ziel der vier Aargauer Athleten Oliver Hegi (Kunssturnen), Aline Seitz (Rad Bahn), Ciril Grossklaus (Judo) und Michelle Heimberg (Wasserspringen). In ihrer wöchentlich erscheinenden Kolumne geben sie abwechselnd Einblicke in ihren Alltag auf dem Weg nach Tokio. Diesmal Ciril Grossklaus.

Keine Sportart ist so unbe­rechenbar wie Judo. So zu­mindest meine zugegebenermassen freche Behauptung. Ich mag mich täuschen, weil ich andere Sportarten zu wenig kenne. Für meine Hypothese habe ich aber gute Gründe. Lassen Sie mich, liebe Leserin, lieber Leser, Ihnen heute unser Wettkampfsystem und das Regelwerk etwas näherbringen und urteilen Sie dann selbst.

Vor jedem Turnier findet eine Auslosung statt, wo die ersten Paarungen im Zufallsprinzip bestimmt werden. Allerdings sind aus dem jeweiligen Teilnehmerfeld immer die acht Bestplatzierten der Weltrangliste «gesetzt». Das bedeutet, dass sie ­frühestens im Viertelfinal aufeinandertreffen ­können.

Es kann schnell vorbei sein

Dies ist insofern ein Vorteil, weil der Viertelfinal eine wichtige Hürde darstellt. Alle die vor den Viertelfinals ver­lieren, sind nämlich ausgeschieden. Es gibt keine ­Gruppenphase wie oftmals in den Ballsportarten, in der man wenigstens ein paar Begegnungen hat. Zudem dauert die reguläre Kampfzeit gerade mal vier Minuten. Es kann brutal schnell vorbei sein.

Ähnlich wie im Schwingen versucht man den Gegner zu werfen. Landet dieser dynamisch und flach auf dem Rücken, ist der Kampf vor­zeitig beendet. Schlimmstenfalls fliegt man also um die halbe Welt und ist nach ­wenigen Sekunden ausge­schieden, respektive ist man bestenfalls nach wenigen Sekunden eine Runde weiter. Natürlich ist ein perfekter Plattwurf schwierig zu be­werkstelligen, da der Gegner
die gleiche Absicht verfolgt.

Die verschiedenen Techniken

Da eine Gewichtsklasse an einem Tag komplett durch­gekämpft wird, winken im Normalfall fünf bis sechs Kämpfe, bis man auf dem Podium steht. Jedes Duell kann sich sehr schnell in die eine oder andere Richtung entwickeln. Fällt der Gegner auch nur annähernd auf die Seite, wird ein halber Punkt vergeben. Zwei halbe Punkte summieren sich notabene bereits zur Höchstwertung  auf, womit wir wieder bei einem sofortigen Sieg wären.

Neben den Techniken, die im Stand ausgeführt werden, gibt es noch den Bodenkampf. Hier eröffnen sich drei weitere Möglichkeiten für einen schnellen Sieg. Entweder gelingt es, den Gegner mit einem Festhalter für zwanzig Sekunden auf dem Rücken zu fixieren oder man kann ihn mit einer Armhebel- oder Würgetechnik zur Aufgabe zwingen.

Die Statistik sagt nicht viel aus

Hinzu kommt der Aspekt mit den Bestrafungen. Der Kampfrichter kann die Kämpfer für Dinge wie Passivität, sperrige Griffe oder das Verlassen der Kampffläche verwarnen. Die Liste der möglichen Fehlbarkeiten ist fast so vielfältig wie der Interpretationsspielraum der Unparteiischen. Anders formuliert: Der technisch beziehungsweise taktisch Unterlegene gerät extrem schnell unter Zugzwang,
da bereits die dritte Strafe zur Disqualifikation führt.

Klingt das alles ziemlich ­komplex und vielschichtig? Das kann gewiss so gesagt werden. Das Schöne daran ist, dass die Statistik im Judo aufgrund der vielen Erfolgs­faktoren nicht allzu viel Aus­sagekraft hat. So ist es mir gelungen die beiden letzten amtierenden Weltmeister im Direktduell zu bezwingen, auch wenn mein Platz in der Weltrangliste dagegen sprach.

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