Leichtathletik
Trotz erfüllter Limite bangt Philipp Weissenberger um die EM-Teilnahme

Philipp Weissenberger aus Windisch ist seit Jahren der schnellste 400-m-Läufer der Schweiz. Die Limite für die Leichtathletik-EM in Zürich erfüllte er bereits letztes Jahr. Doch in diesem Jahr läuft er seiner Bestzeit hinterher.

Andreas Fretz
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Genug vom Wassertraining: Der Windischer Philipp Weissenberger auf der Holzbrücke in Turgi, seinem Arbeitsort.

Genug vom Wassertraining: Der Windischer Philipp Weissenberger auf der Holzbrücke in Turgi, seinem Arbeitsort.

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Philipp Weissenbergers Plan ging auf. Und wie. Bereits vor einem Jahr knackte er die EM-Limite über 400 m. An den Schweizer Meisterschaften in Luzern holte er nach 2009, 2011 und 2012 seinen vierten Titel, lief in 46,62 eine persönliche Bestzeit und unterbot die geforderte Limite um 13 Hundertstel. Alles bestens. Die Planung für die Heim-EM in Zürich konnte in aller Ruhe angegangen werden.

Doch blickt man auf die 400-m-Zeiten des laufenden Jahres, fällt der Windischer, der für den LC Zürich startet, weit ab. Eine 48,44 steht zu Buche. Eine Zeit, knapp zwei Sekunden über seiner Bestzeit. Was ist passiert? Ende Februar, während eines Trainingslagers in Südafrika, entzündete sich eine Sehne an Weissenbergers linkem Fuss. «Nichts Weltbewegendes», dachte der 31-Jährige zunächst. Doch das Problem zog sich in die Länge. Vier Monate musste der Aargauer pausieren. Erst Ende Juni absolvierte er seinen ersten Wettkampf. «Auf den 48,44 kann ich aufbauen», sagt er heute mit zurückhaltendem Optimismus.

Ein Streich des Schicksals

Dabei war die Ausgangslage nach der früh erfüllten Limite so vielversprechend. Bewusst hatte Weissenberger an seiner bewährten Vorbereitung nichts verändert, um Verletzungen zu vermeiden. Er trug die gleichen Schuhe, betrieb den gleichen Trainingsaufwand, wählte die gleiche Methodik und arbeitete weiterhin 100 Prozent als Quality-Manager bei ABB. «Dieses Programm hat vier Jahre reibungslos funktioniert», erklärt Weissenberger. Doch im EM-Jahr spielt ihm das Schicksal einen Streich.

Nach der Verletzung musste Weissenberger alternative Trainingsformen finden. Anstatt auf der Bahn trainierte er viel im Wasser. «Im Hallenbad in Altstetten bin ich zum Stammgast geworden», sagt er mit einem leicht gequälten Lächeln. Psychologisch war die Verletzung für den Routinier eine Herausforderung, vor allem in der Anfangszeit, als es galt, das Vorbereitungs-Programm umzustellen. «Inzwischen habe ich das Ganze verarbeitet. Jetzt versuche ich, aus der Situation das Beste zu machen», sagt Weissenberger.

Gerne hätte er an der Heim-EM Mitte August seine beste Leistung abgerufen, auf dem Karriere-Höhepunkt in Zürich noch einmal geglänzt. Für Weissenberger ist aber klar: «Ein Start macht nur dann Sinn, wenn die Leistung stimmt.» Dasselbe gilt für die 4-mal-400-Meter-Staffel, für die er als Teamcaptain selektioniert wurde. Die endgültige Nomination erfolgt nach den Schweizer Meisterschaften am kommenden Wochenende in Frauenfeld. Weissenberger ist optimistisch, dass seine Formkurve nach oben zeigt, sagt aber auch: «In Zürich sollen nur die Schnellsten für die Schweiz am Start stehen.» Hinterherrennen ist nicht sein Ding.

Die Tendenz stimmt

Dass die Tendenz nach oben zeigt, davon ist er überzeugt. Bereits die 48,44 Ende Juni waren besser als erwartet. Auf einen weiteren Test eine Woche danach hatte er verzichtet, weil der Fuss wieder schmerzte. Doch inzwischen läuft er im Training über 350 m so schnell wie nie zuvor.

Vieles wird nun davon abhängen, wie das 400-m-Rennen an den Schweizer Meisterschaften verläuft. Eine tiefe
47er-Zeit wäre ohne Zweifel ein grosser Erfolg. Aber es geht Weissenberger nicht alleine um die Zeit, sondern in erster Linie um die Tendenz und das Gefühl. Er will, ja er muss zeigen, dass das Potenzial für einen EM-Start in Zürich vorhanden ist.