Der Ball fliegt durch die Luft. Ich fliege mit. Xamax-Torhüter Karl Engel streckt sich, hechtet ins Leere. Das Netz zappelt. Ich zapple mit. Die Fans des FC Aarau jubeln. Ich juble mit, lasse meinen Emotionen freien Lauf, reisse die Arme in die Höhe und schreie ein Wort ins weite Rund des Stadions Wankdorf in Bern: «Tor!»

Dieses Tor zum 1:0 ist die Entscheidung. Die Entscheidung im Cupfinal zwischen Aarau und Xamax: Der FC Aarau versetzt am 27. Mai 1985 Berge. Es ist der Tag des bisher einzigen Cup-Sieges in der 117-jährigen Vereinsgeschichte. Für mich ist es ein denkwürdiger Tag, weil die Weichen meines Tätigkeitsfeldes als Sportjournalist gestellt werden. Ich schreibe von diesem Tag an nicht nur über den FC Aarau. Ich lebe den FC Aarau.

Ein besonderer Tag

Das Brügglifeld wird während dreieinhalb Jahrzehnten mein zweites Zuhause. Ich bin Beobachter, Verbündeter und Kritiker in einer Person. Läuft es gut, gibt es positive Schlagzeilen. Läuft es schlecht, gibt es negative Schlagzeilen. Ich begleite die sechs Präsidenten Peter Treyer, Ernst Lämmli, Peter Kappeler, Michael Hunziker, Christian Stebler und Alfred Schmid. Ich bin nahe an den Spielern dran und erlebe, wie 35 Trainer kommen und gehen. Mehr noch: Ich beeinflusse, welcher Trainer kommen darf, welcher Trainer gehen muss.

Der 27. Mai 1985 ist also ein besonderer Tag. Massgeblich beteiligt an dessen Entwicklung ist Walter Iselin. Der Mittelfeldspieler mit dem grossen Kämpferherzen schiesst in der 87. Minute mit einem Knaller aus 27 Metern das Traumtor zum Sieg. Iselin ist der Mann der Stunde. Er hat das Werk vollendet, das Ottmar Hitzfeld innert eines Jahres geschaffen hat. Im Frühling 1984 wurde Hitzfeld trotz Widerstand von namhaften Sponsoren zum Trainer des FC Aarau ernannt.

Der Kleinklub wird national

Ein Jahr später stemmen er und sein Team die Cup-Trophäe in die Luft. Der Verein vom Brügglifeld steht Kopf. Hitzfelds Anteil an der Siegesserie und am Erfolgsrausch ist gross. Er hat der Mannschaft das 4-4-2-System mit einem aggressiven Pressing und dem Vorrücken der Viererabwehr bis nahe an die Mittellinie auf den Leib geschneidert. Er hat es verstanden, die Spieler an ihre Leistungsgrenzen zu bringen und wie eine Zitrone auszupressen.

Das aggressive Spielsystem und die Solidarität waren die Grundlagen für den Erfolg. Der 27. Mai 1985 veränderte das Bild des FC Aarau. Der Kleinklub wurde von einer Sekunde auf die andere auf nationaler, ja sogar auf internationaler Ebene wahrgenommen. Nachdem Captain Rolf Osterwalder im alten Stadion Wankdorf die Cup-Trophäe in Empfang genommen hatte, wurde die Busfahrt von Bern in die Innenstadt nach Aarau zu einem Triumphzug. Ich durfte mitfahren, sass im Bus neben Dauerläufer Charly Herberth. Dem Mann also, der Anfang der 1980er-Jahre von 1860 München zum FC Aarau wechselte und im Brügglifeld zum Dauerbrenner wurde.

Herberth und ich sprachen über den sportlichen Wert des Cup-Sieges und über Geld, genauer gesagt über Prämien. Ich wusste, dass jeder Spieler 2000 Franken erhält. Dazu gab es einen kleinen Zinnbecher und ein Buch über die Stadt Aarau. Mehr nicht!

Von Geld und Schlagzeilen

Wirklich nicht? Herberth schmunzelte und erzählte mir eine verrückte Geschichte. Eine Geschichte, die offenbarte, dass der Deutsche nicht nur ein hervorragender Fussballer, sondern auch ein Schlitzohr war. Herberth handelte bei den Vertragsverhandlungen eine Prämie für den Cup-Sieg aus. Weil die FCA-Führungscrew nicht einmal in den kühnsten Träumen mit diesem Titelgewinn gerechnet hatte, kassierte Herberth satte 25 000 Franken. Herberth hatte das Geld, ich die Schlagzeile!

34 Jahre später schliesst sich für mich ein Kreis. Der FC Aarau trifft wieder auf Xamax, dieses Mal in der Barrage. Die Vorzeichen sind ähnlich. Wie schon damals in Bern ist Xamax der Favorit, Aarau der Aussenseiter Dieses Mal allerdings wird nach zwei Spielen abgerechnet. Am Donnerstag, 30. Mai, gastiert der FCA im Stade de la Maladière, am Sonntag, 2. Juni, reisen die Neuenburger ins Brügglifeld. Für den FC Aarau geht es um den Aufstieg, für Xamax gegen den Abstieg.
Am 27. Mai 1985 jubelte der FC Aarau. Welche Mannschaft jubelt am 2. Juni 2019?