EM 2016

Tristesse hinter dem Eiffelturm: Ein Augenschein in der Fanzone von Paris

Viele freie Tribünen-Sitzplätze.

Viele freie Tribünen-Sitzplätze.

Ein Augenschein in der Fanzone von Paris zeigt ein ernüchterndes Bild und wirft Fragen auf. Viele Pariser haben angesichts der aktuellen Situation im Land, kein grosses Interesse mit den Gästen die EM und das Leben zu feiern

Aussteigen! Selbst die Rikschas werden nun nicht mehr durchgelassen. Die Polizei hat die riesige Fanzone hinter dem Eiffelturm weiträumig abgesperrt. Zu Fuss geht es weiter. Nach 200 Metern gibt es eine Kontrolle: Sieben Sicherheitskräfte stehen bereit, um die Fans zu filzen. Sie nehmen es genau, tasten jeden sorgfältig ab und durchsuchen Rucksäcke und Taschen. Nach weiteren 300 Metern erfolgt ein identischer Check: Abtasten, Taschen durchwühlen. Ausweisen muss sich niemand.

Jetzt könnte das Vergnügen beginnen. Es ist halb neun und in einer halben Stunde wird über die zahlreichen Grossbildschirme die Partie zwischen Spanien und der Türkei flimmern. Aber es haben sich nur wenige Fans dieser beiden Teams eingefunden. Auch sonst sind nicht viele da. Eine Schätzung ist angesichts der Weitläufigkeit schwierig. Ein paar tausend vielleicht? Viele sind damit beschäftigt, ihre Schuhe sauber zu halten. Die Regengüsse am Nachmittag haben das Gelände teilweise in einen Sumpf verwandelt. Einer Gruppe Engländer, die schon zünftig gebechert hat, ist es egal. Sie spielt Fussball und hat Freude am Dreck.

Keine Kundschaft

Über die Leinwände läuft Endloswerbung der Hauptsponsoren. Was tun bis zum Anpfiff? Das Zelt mit Computerspielen ist leer. Im Superstore mit EM-Souvenirs wie Bällen und Käppchen herrscht auch kein Gedränge. An den Imbissständen langweilen sich die Verkäufer, das Geschäft läuft nicht. Selbst der McDonald’s ist schlecht frequentiert. Das Gebäude mit Touristen-Infos der Stadt Paris bleibt verwaist, vor den Bancomaten gibt es keine Schlangen.

Die Engländer spielen noch immer Fussball und sind noch schmutziger. Aber sie haben Spass und animieren ein paar Schweden, mitzutun. Schade um deren gelbe Leibchen. Die Tribünen im hinteren Bereich sind längst nicht voll besetzt, als die Nationalhymnen aus den Lautsprechern dröhnen und das Spiel kurz darauf beginnt.

Immer mal wieder schlendert eine Patrouille von ein paar Polizisten vorbei. Die Menschen hier sollen das Gefühl haben, es könne nichts passieren. Doch jene, die da sind, rechnen ohnehin nicht mit einem Anschlag durch Terroristen. Und jene, die nicht gekommen sind, können nicht gefragt werden, ob sie aus Angst oder nur des schlechten Wetters wegen zu Hause oder anderswo geblieben sind. Aber: Es ist nur sehr schwer vorstellbar, dass Terroristen hier nicht Wege finden würden, Sprengstoff in die Fanzone zu bringen, wenn sie es wollten. An einen Hochsicherheitstrakt erinnert jedenfalls nichts. Vielleicht haben die Organisatoren auch gedacht, in einem solchen liesse sich nicht feiern.

Keine Lust, zu feiern

Es scheint, dass der Grossteil der Unentwegten sich aus Touristen zusammensetzt und die Pariser angesichts der aktuellen Situation im Land kein grosses Interesse haben, mit den Gästen die EM und das Leben zu feiern. Das Spiel wird von den Zuschauern ziemlich emotionslos verfolgt, und weil die Spanier zu gut für die Türken sind, ist auch die Spannung bald weg. Der Eiffelturm hinter dem Bildschirm bildet zwar eine hübsche Kulisse, aber irgendwann hat man sie gesehen. Nein, an ein französisches Sommermärchen erinnert hier wenig bis nichts.

Nur die Engländer sind ausgelassen. Sie kicken auch im schummrigen Licht weiter. Doch das Ganze lädt nicht zum Verweilen ein. Der Abgang in der Halbzeit des Spiels drängt sich auf. Die zweite Hälfte in einem Bistro zu schauen, ist in jedem Fall angenehmer.

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