Patrick Rahmen, es ist der schlechteste Saisonstart seit dem Meistertitel 1993. Was ist los mit FC Aarau?

Patrick Rahmen: Wir hatten eine gute Vorbereitung und stecken nun in einer Situation, die nicht absehbar war. Lamentieren bringt nichts: Wir müssen schleunigst anfangen, Spiele zu gewinnen. Bei genauerem Hinschauen wird deutlich, dass die Leistungen nicht den Resultaten entsprechen. Wir hätten in jedem Spiel in Führung gehen müssen – wäre das gelungen, hätten wir mehr Punkte. Aber hinter dieser Erkenntnis dürfen wir uns nicht verstecken.

Gibt es Grund zur Panik?

Nein. Aber die Situation ist 180 Grad anders als das, was wir uns vorgestellt haben.
Wenn es nicht läuft, sind die naheliegende Reaktion Veränderungen.
Grundlegend werden wir nichts ändern. Wir waren in keinem Spiel chancenlos, wir hatten immer mehr Ballbesitz als der Gegner und mehr Chancen. Wir waren im Abschluss nicht effizient und haben dumme Fehler gemacht, die zu Gegentoren geführt haben. Man darf die Situation nicht verkomplizieren.

Nach jeder Niederlage steigt der Druck und sinkt das Selbstvertrauen.

Druck ist immer da. Auch wenn wir schon sechs Punkte hätten.

Wie gross ist Ihr Anteil am Fehlstart?

Auch ich reflektiere meine Arbeit. Doch jetzt alles über den Haufen zu werfen, wäre falsch. Viele Dinge funktionieren. Die Resultate entsprechen nicht den Leistungen. Ich hoffe, das Publikum erkennt das. Die Grundstimmung darf nicht ins Negative kippen.

Für Sie ist es die erste Krise beim FC Aarau. Die Fans werden seit Jahren enttäuscht. In Aarau entsteht schnell einmal eine Euphorie, aber das Eis ist hauchdünn und kurz vor dem Einbrechen.

Das verstehe ich. Ich bin jedoch überzeugt, dass die Fans erkennen: Die Mannschaft ist unter Wert geschlagen.

Das Thema der Woche ist die Goalierochade. Welchen Anteil
hat Steven Deana am Fehlstart?

Keinen grösseren als die anderen Spieler. Dass er das 0:1 in Winterthur halten muss, das weiss er. Dass man über zwei, drei andere Gegentore diskutieren kann, das weiss er auch. Aber Gegentore sind nicht auf einen einzelnen Spieler zurückzuführen.

Hatten Deanas Unsicherheiten mit der Handverletzung zu tun, die ihn schon länger plagt?

Das glaube ich nicht. Jedenfalls hat sich Steven nie in diese Richtung geäussert. Jeder Fussballer hat irgendwo Schmerzen. Es gibt kein Goalieproblem beim FC Aarau.


Aber es spielt Ihnen doch in die Karten, dass Deana wegen der Verletzung ausfällt. Schliesslich wollten Sie Djordje Nikolic schon im Juni holen, doch der wollte nicht. Das ist kein Vertrauensbeweis für Deana.

Der Wunsch im Juni war es, auch auf der Goalieposition einen Konkurrenzkampf auf Augenhöhe zu haben. Aus verschiedenen Gründen klappte das damals nicht.

Hand aufs Herz: Wäre Nikolic schon im Juni gekommen, dann wäre er sofort Stammgoalie gewesen.

Die Leistungen in der Vorbereitung hätten entschieden.

Hat Deana das Misstrauen gespürt?

Nein, weil es kein Misstrauen gibt. Wir entscheiden auch auf der Goalieposition nach dem Leistungsprinzip, keiner kann sich sicher sein. Eines will ich klarstellen: Wäre Steven nicht verletzt, hätten wir keinen neuen Goalie verpflichtet.

Einig sind wir uns über die Mängel im defensiven Mittelfeld. Kommt Alain Wiss vom FC St. Gallen?

Wir sind interessiert, die Entscheidung fällt in den nächsten Tagen. Bei ihm haben noch andere Klubs angefragt.

Der FC Aarau hat seit Juni zehn Spieler verpflichtet, aber der dringend benötigte Mittelfeld-Abräumer ist nicht darunter. Das irritiert.

Gute Sechser sind rar und die begehrtesten Spieler auf dem Transfermarkt. Wir suchen seit langem und haben einige Kandidaten im Auge, die momentan finanziell nicht machbar sind.

Zurück zu Ihrem Krisenmanagement: Haben Sie nach der dritten Niederlage etwas an Ihrer Arbeitsweise geändert?

Das müsste ich, wenn die Leistungen durchs Band schlecht gewesen wären. Ich passe Details an.

Vor den ersten zwei Heimspielen durften die Spieler nach dem Mittagessen nochmals nach Hause. Kommen Sie darauf zurück?

Das überlege ich mir, ja.

Junge Spieler wie Mats Hammerich scheinen am Druck zu zerbrechen. Werden Sie diese Spieler in Wil schützen und nicht einsetzen?

Das werde ich Ihnen nicht verraten. Mats habe ich im Kriens-Spiel zur Halbzeit rausgenommen, weil ihn die Situation belastet. Anderen Spielern geht es ähnlich. Wir haben zweifellos eine gute Mannschaft, aber wir haben auch eine junge Mannschaft. Die Jungen müssen sich daran gewöhnen, dass im Profifussball die Resultate über allem stehen: Manchmal muss der Ball über das Tribünendach gehauen werden, statt ihn zwanghaft im Spiel zu halten.

Es wäre falsch, den Jungen die Schuld zu geben. Die erfahrenen Spieler haben genauso enttäuscht, was weniger nachvollziehbar ist. Einverstanden?

Von ihnen erwarte ich Unterstützung für die Jungen. Leistungsmässig sehe ich ihre Leistungen nicht so kritisch wie Sie.

Können Sie böse sein?

Glauben Sie mir: Intern sprechen wir die Dinge schonungslos an. Aber was bringt mir im nächsten Match mehr: Ein eingeschüchterter Spieler oder ein Spieler, der Vertrauen spürt?

Auffällig war in allen drei Partien der Leistungsabfall nach der Pause. Woran liegt das?

Die Laufleistungen vor und nach der Pause sind identisch, auch die Anzahl Sprints. Die Spieler sind topfit. Wenn wir in Rückstand sind und der Gegner nur das eigene Tor verbarrikadiert, sieht das automatisch nicht gut aus. Für mich ist wichtig: Die Spieler haben in jeder Partie bis zum Schluss gekämpft. Psychologisch und dramaturgisch lief es immer gegen uns.

Kann Ihr Team zu null spielen?

Klar! Wir haben kein Gegentor in personeller Unterzahl kassiert. Am Ursprung standen immer naive Fehler. Die müssen wir abstellen.

Wie entgegnen Sie der Kritik, Harakiri-Fussball spielen zu lassen?

Damit kann ich nichts anfangen. Offensiv spielen und konsequent verteidigen ist kein Widerspruch. Ausserdem: Wenn sich der Gegner zurückzieht, sollen wir dann auch hinten bleiben und den Ball nur hin- und herschieben?

Warum nicht? Ein 0:0 ist besser als ein 0:2. Irgendwann müssen Sie punkten, irgendwann geht es auch um Ihren Job.

Wir halten an unserem Weg fest, weil ich überzeugt bin, dass es gut kommt. Das Kader wurde zusammengestellt, um offensiven Fussball zu spielen. Kürzlich habe ich ein Testspiel zwischen Bayern München und Manchester United gesehen: Manchester hat sich 95 Minuten mit zehn Spielern vor dem eigenen Strafraum aufgereiht und nichts für die Offensive getan. Mit solchem Mist kann ich nichts anfangen. Schon gar nicht, wenn man pro Saison dreistellige Millionenbeträge in neue Spieler investiert. Dass Aufsteiger Kriens mit seinen bescheidenen Mitteln auf Abwarten spielt, dafür habe ich vollstes Verständnis. Aber als FC Aarau muss man den Weg nach vorne suchen.

Hätte es der FC Aarau mit seiner Spielstärke in der Super League einfacher als in der Challenge League, wo die meisten Teams nur gut verteidigen wollen?

Dafür werden in der Super League die Fehler noch konsequenter bestraft. Dieser Vergleich hinkt. Es ist generell so im Fussball: Das 1:0 hat einen immer grösseren Wert. Immer weniger Spiele werden gedreht, weil heutzutage jede Mannschaft gut verteidigen kann.