Kein Gschpürmi-Kitsch
Trainer beim FC Gränichen: Der unverwüstliche Roger Wehrli: «Ich bin kein Pfarrer»

Nach knapp sieben Jahren kehrt der unverwüstliche Roger Wehrli ins Fussball-Trainergeschäft zurück – ohne Psychologische Spielchen, dafür mit Kampfgeist, Willensstärke und Leidenschaft, will er den FC Gränichen vor dem Abstieg in die 3. Liga retten.

Ruedi Kuhn
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Gränichens Trainer Roger Wehrli (l.) und sein Sohn und Captain Marc.

Gränichens Trainer Roger Wehrli (l.) und sein Sohn und Captain Marc.

Severin Bigler

Nie mehr Trainer! Schluss! Aus! Fertig! Es war im Sommer 2011, als Roger Wehrli den Hut nahm und Adieu sagte. Endgültig! Und das, nachdem er mit dem FC Entfelden Aargauer Cupsieger wurde und den Aufstieg in die 2. Liga interregional schaffte.

Ein Rücktritt nach dem Gewinn des Doubles? Warum? «Was gibt es Schöneres, als mit zwei Titeln im Sack aufzuhören», blickt Wehrli mit einem schelmischen Lächeln zurück. «Man soll auf dem Höhepunkt gehen, dann, wenn es am schönsten ist. Aber ganz ehrlich: Entscheidend für meinen Rücktritt war die Belastung.

Entscheidend war die Belastung

Ich hatte ganz einfach genug am Hals. Meine Frau Anita, die Kinder und mein Beruf als Plättlileger waren mir wichtiger als der Trainerjob. Wissen Sie», fügt Wehrli hinzu, «ich stehe um halb sechs in der Früh auf, gehe auf die Baustelle, mache fast keine Pausen und komme erst gegen halb sieben am Abend nach Hause. Das schlaucht ganz schön. Die dreizehn Stunden gehen in meinem Alter nicht mehr spurlos an mir vorbei.»

Nach sieben Jahren kommt Wehrli auf seinen Entscheid zurück. Der Virus Fussball hat ihn nach eigener Aussage wieder angesteckt. Es hat ihn so richtig gepackt. Der 62-Jährige nimmt die Herausforderung an, den FC Gränichen vor dem Abstieg in die 3. Liga zu retten. «Das Reizvolle an der Aufgabe ist das Endgültige», erklärt Wehrli.«Es gibt nur schwarz oder weiss. Entwederich schaffe mit dem FC Gränichen den Ligaerhalt oder ich schaffe es nicht. In drei Monaten ist alles klar. Dann ist aber wirklich Schluss mit dem Trainerjob. Das musste ich meiner Frau versprechen.»

Der Sohn ist Sportchef

Ob für drei Monate oder für drei Jahre; Wehrli ist zurück im Trainergeschäft. Dass er in seinem fortgeschrittenen Alter ein Comeback gibt, überrascht nur auf den ersten Blick. Wehrli ist und bleibt ein Fussball-Verrückter. Der FC Gränichen ist für ihn seit Jahren eine Herzensangelegenheit. Das hat zwei Gründe: Erstens ist Wehrlis Sohn Marc Abwehrchef der Mannschaft. Mehr noch: Marc Wehrli übernimmt ab sofort auch das Amt des Sportchefs. Das spielt Roger Wehrli zweifellos in die Karten.

Der Sohn wird sich mit Sicherheit davor hüten, den Vater zu entlassen. Und zweitens hat Roger Wehrli ein gutes Verhältnis mit dem unlängst zurückgetretenen Präsidenten Samuel Keppler. «Samuel und ich kennen uns schon lange», sagt Wehrli. «Er bot mir immer wieder einen Job in der Grundschule des FC Gränichen an. Aber ich bin alles andere als ein Juniorentrainer. Mich reizt einzig und allein der Kampf mit der ersten Mannschaft gegen den Abstieg aus der 2. Liga. Diesem Kampf will ich mich stellen. Diesen Kampf will ich bestehen.»

Kein Gschpürmi-Kitsch

Roger Wehrli ist ein Trainer von altem Schrot und Korn. Psychologische Spielchen und der ganze Gschpürmi-Kitsch sind nicht sein Ding. Er verlangt von seinen Spielern in erster Linie Kampfgeist, Willensstärke und Leidenschaft. «Ich bin kein Pfarrer», spricht er Klartext. «Ich habe den Spielern vor dem ersten Training gesagt, dass es keine Einzelgespräche gibt. Hat jemand Probleme mit meiner Person, soll er kommen und mir das ins Gesicht sagen. Dann lösen wir das Problem gemeinsam. Punkt und Schluss!»

Wehrli bezeichnet sich selbst als Trainer der alten deutschen Schule. «Als Spieler bei GC hatte ich mit Hennes Weisweiler, Helmuth Johannsen, Timo Konietzka und Jürgen Sundermann gleich vier deutsche Trainer», blickt er zurück. «Für sie war Fussball ein rein körperliches Spiel. Ein Spiel Mann gegen Mann! Das war noch ehrliche Rivalität ohne die vielen Begleiterscheinungen, die heute mehr und mehr im Blickpunkt stehen. Meine ehemaligen GC-Coaches haben mich als Trainer genauso geprägt wie Friedel Rausch, mit dem ich beim FC Luzern zusammengearbeitet habe. Das waren alle harte Hunde und keine Weicheier.»

Was bewirkt der Trainerwechsel?

Bleibt schliesslich die Frage, ob dem FC Gränichen nach dem Trainerwechsel von Hansruedi Birrer zu Roger Wehrli Anfang März der Turnaround gelingen wird. Rein sportlich betrachtet ist die Entlassung von Birrer nachvollziehbar. Ein Blick auf die aktuelle Tabelle der regionalen 2. Liga macht die Brisanz im Abstiegskampf deutlich. Den FC Mellingen, Spreitenbach, Fislisbach, Koblenz und Gränichen trennen am Ende der Rangliste nach 13 Runden gerade einmal vier Punkte. Weil Ende Saison gleich drei Mannschaften absteigen, ist Spannung pur angesagt.

Am Samstag geht es für den FC Gränichen los: Im Heimspiel gegen Othmarsingen (Anpfiff auf der ZehnderMatte ist um 18.00 Uhr) soll zum Auftakt der Rückrunde ein erster Schritt in Richtung Ligaerhalt gemacht werden. Ob die Gränicher und Wehrli zusammenpassen, werden die nächsten Wochen zeigen. Was Wehrli wohl macht, wenn er mit dem FC Gränichen so richtig durchstartet und von Sieg zu Sieg marschiert? Hört der 68-fache Internationale und frühere Star von GC im Erfolgsfall tatsächlich auf? Wetten, dass nicht?