Motorrad

Tom Lüthi ergattert trotz Sieg nur wenig Medienpräsenz

Tom Lüthi bleibt in Japan auf der Strecke.

Tom Lüthi bleibt in Japan auf der Strecke.

Tom Lüthi feiert in Japan einen Start-Ziel-Sieg – aber Dominique Aegerter hat ihm die Show in den Medien gestohlen. Die grosse Medienpräsenz verdankt Aegerter dem Drama um den Teamwechsel in der nächsten Saison.

Der Sauerstoff des Töff-Geschäftes im 21. Jahrhundert ist die Medienpräsenz. Sie ist die Grundlage für den Verkauf von Werbefläche auf Verschalung, Kombi und Helm. Tom Lüthi (30) und Dominique Aegerter (26) verdienen damit etwas mehr als eine halbe Million pro Saison. In ruhigen Zeiten wird diese Medienpräsenz durch sportliche Leistungen erreicht. In unruhigen Zeiten genügen Siege nicht mehr.

Wir erleben in unserem Motorradrennsport gerade unruhige Zeiten. Dominique Aegerter wechselt auf nächste Saison das Team und ist deshalb von seinem bisherigen Team freigestellt worden. Er kann die vier letzten Rennen nicht mehr fahren. Und so kommt es, dass Tom Lüthi für die grandiose Siegesfahrt in Japan weniger Medienpräsenz bekommen hat als Dominique Aegerter für sein Theater: «Es ist schon verrückt, was in den letzten Tagen abgegangen ist», sagt Dominique Aegerter. «Es war mehr los als nach meinem Sieg 2014 auf dem Sachsenring.» Ohne einen Meter zu fahren, hat der Rohrbacher in den letzten zehn Tagen die Schlagzeilen beherrscht.

Tom Lüthi holt sich beim GP von Japan den dritten Saisonsieg – kommentiert wurde dieser Erfolg auf SRF2 unter anderem von seinem bisherigen Teamkollegen Dominique Aegerter.

Tom Lüthi holt sich beim GP von Japan den dritten Saisonsieg – kommentiert wurde dieser Erfolg auf SRF2 unter anderem von seinem bisherigen Teamkollegen Dominique Aegerter.

Das ewige Gesetz «the winner takes it all» («der Gewinner bekommt alles») stimmt bei Tom Lüthi nicht. Sportlich ist er der grosse Sieger des Tages – aber der Verlierer der Saison. Ja, dieser Triumph in Motegi untermauert eine polemische Analyse: Tom Lüthi hat 2016 den WM-Titel verschenkt.

Weltmeister und WM-Leader Johann Zarco (60) schien auch diese Saison lange Zeit nach Belieben zu dominieren. Aber auch er ist zwischendurch in Schwierigkeiten geraten. Damit haben wir im Gesamtklassement nach Tom Lüthis 13. GP-Sieg in Japan drei Rennen vor Schluss folgende Ausgangslage: 1. Johann Zarco, 222 Punkte, 2. Alex Rins, 201 Punkte, 3. Tom Lüthi, 179 Punkte.

Tom Lüthi hat im Sommer drei selbst verschuldete «Nuller» eingefahren. Weil er die Geduld verlor, zu viel wollte und zu stark forcierte, ist er in Assen und auf dem Sachsenring gestürzt. Er hätte in diesen beiden Rennen 20 bis 25 Punkte herausfahren können. Das Rennen zum GP von Tschechien in Brünn musste er nach einem schweren Trainingssturz auslassen. Auch da wären sonst mindestens 10 Punkte möglich gewesen. Und nun schauen wir, was wäre, wenn Tom Lüthi 35 Punkte mehr auf dem Konto hätte: 1. Johann Zarco, 222 Punkte, 2. Tom Lüthi, 214 Punkte, 3. Alex Rins, 201 Punkte.

Tom Lüthi wäre jetzt ein sehr, sehr ernsthafter Titelanwärter. Gewiss, wir sollten bei der Beurteilung eines Rennsportwochenendes nicht zu sehr ins Reich der «Historia Eventualis» abgleiten. Der «Hätte» und «Könnte» sind Zwillinge und stehen nicht nur im Sport am Ende immer mit leeren Händen da.

Aber in diesem Falle ist diese Spekulation angebracht. Denn nun folgt die Schlussphase mit den drei Rennen in Australien, Malaysia und Valencia. Auf allen diesen Strecken hat Tom Lüthi bereits Rennen gewonnen.

Nun mag man einwenden, Tom Lüthis Stärke im Herbst sei logisch. Weil er seine Moto2-Titelchancen mit einer Krise um die Saisonmitte herum bisher jedes Mal vorzeitig ruinierte, hat er in der Schlussphase nichts mehr zu verlieren, muss nicht mehr taktisch fahren und dominiert die Rivalen, die noch Chancen auf den WM-Titel haben. Diese These ist nicht ganz falsch. Aber Tom Lüthi hat 2005 in der letzten Phase der Saison, als es um die WM in der 125er-Klasse ging, maximalem Druck standgehalten, die Rennen in Malaysia und Australien gewonnen und sich schliesslich in Valencia den WM-Titel gesichert.

Und so hat Tom Lüthi in Japan einen bittersüssen Sieg gefeiert. Ein Triumph, der ihm bestätigt, dass er wohl den WM-Titel verschenkt hat. Und wer hatte dank seinem dritten Saisonsieg einen weiteren prestigeträchtigen öffentlichen Auftritt? Natürlich Dominique Aegerter. Er kommentiert in Zürich im Studio mit Claude Jaggi die TV-Übertragung von Tom Lüthis Siegesfahrt im fernen Japan.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1