Tokio 2020
Ernüchterndes Fazit zur Halbzeit der Paralympischen Spiele: Die Infektionszahlen steigen rasant an

Wegen ihrer sozialen Bedeutung sind die Paralympischen Spiele von Tokio weniger Kritik ausgesetzt gewesen als die ­Olympischen. Doch die rasant steigenden Infektionszahlen rücken die Pandemie erneut in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.

Felix Lill
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In Tokio steigen die Infektionszahlen während der Paralympischen Spiele rasant an.

In Tokio steigen die Infektionszahlen während der Paralympischen Spiele rasant an.

Alex Pantling / Getty Images AsiaPac

«An die Völker der Welt, die diese Eröffnungsfeier ansehen», sagte Seiko Hashimoto am Dienstag letzter Woche in einem leeren Tokioter Nationalstadion, «wir gehen nun von den lebendigen Erinnerungen der Olympischen Spiele über zur Bühne der Paralympischen Spiele. Willkommen in Japan, willkommen in Tokio.»

Einige Momente später betonte die Vorsitzende des Organisationskomitees: «Diese Spiele werden grosszügigerweise von den Menschen in Japan veranstaltet. In Dankbarkeit werden wir weiterhin alle Präventivmassnahmen gegen Covid-19 treffen, um sichere Spiele zu garantieren.»

Im Kontext der vergangenen Wochen klangen diese Worte immerhin beim ersten Hinhören wohltuend. Die pandemische Lage verschlimmert sich in Japan derzeit laufend. Ungefähr zeitgleich mit dem Start der Olympischen Spiele Ende Juli begann eine neue Infektionswelle über das Land hereinzuschwappen, die grösser ist als jede vorige. Wegen Überlastung wird Krankenhäusern empfohlen, nur noch Covid-19-Patienten mit schweren Symptomen aufzunehmen. Die Zahl schwerkranker Patienten erreichte diesen Freitag wieder einmal einen neuen Höchstwert.

Athleten in einer (undichten) Blase

Die Olympiaorganisatoren beteuern, dass die rasant steigenden Infektionszahlen nichts mit der Sportveranstaltung zu tun haben, zu der Zehntausende ins Land gekommen sind. Schliesslich haben sich alle Olympiateilnehmer nur innerhalb einer Blase bewegen können, durch die sie von der japanischen Bevölkerung isoliert gewesen seien. Kritiker geben zu bedenken, dass die Blase erstens nicht ganz dicht war, weil etwa Freiwilligenhelfer zwischen den zwei Welten pendelten.

Zudem habe die blosse Austragung der Spiele das Signal an die Bevölkerung gesendet, dass eben doch einiges möglich sei – was zu unvorsichtigem Verhalten verleitet habe. Angesichts der grossen Kritik an den Olympischen Spielen – rund 80 Prozent waren vorab gegen die Austragung, weil man dies in der Pandemie für zu gefährlich und ausserdem für viel zu teuer hielt – hätte eigentlich auch an den Paralympics grosse Kritik folgen müssen. Aber hier blieb es im Vorfeld relativ ruhig. Vermutlich liegt dies daran, dass die grösste Behindertensportveranstaltung der Welt als weniger kommerziell betrachtet wird und nicht zuletzt im Licht der Gleichheit und Inklusion strahlt.

So schien sich für viele Olympiakritiker eine allzu laute Kritik an den Paralympics moralisch zu verbieten. Die obersten Offiziellen haben dies verstanden. Andrew Parsons, Vorsitzender des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC), hat sich über die letzten Tage ganz anders geäussert als Thomas Bach, sein Pendant beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC). Während Bach immerzu die eigenen Sicherheitsregeln lobte und damit die Risiken runterspielte, sagte Parsons kurz vom Start der Paralympics: «Wer an den Spielen teilnimmt, darf nicht selbstgefällig sein.» Die steigenden Fallzahlen in Tokio könne man nicht ignorieren.

Wertschätzung von Diversität in Japan als grosses Ziel

Auch mit dieser vorsichtigeren Einstellung hat sich das IPC in Japan Sympathien erspielt. Die Eröffnungsfeier hat knapp ein Viertel aller japanischer Haushalte gesehen. So besteht in einem Land, in dem Menschen mit einer Behinderung über Jahrzehnte vom öffentlichen Leben weitgehend ausgeschlossen waren, nun die Hoffnung auf eine gesellschaftliche Öffnung. Seit längerem werden mehrere Kampagnen gefahren, die das Wertschätzen von Diversität zum Ziel hat – insbesondere in Bezug auf alle möglichen Formen von Behinderung.

Die Rekordzahl von insgesamt rund 600 Stunden, die der öffentliche Rundfunksender NHK von den Wettkämpfen überträgt, kann hierzu nur beitragen. Nur droht bei diesen Paralympics, die diesen kaum abzustreitenden sozialen Wert haben, nun das einzutreten, was IOC-Chef Thomas Bach für unmöglich zu halten schien und wovor IPC-Chef Andrew Parsons gewarnt hat: Die Sicherheit von «Tokyo 2020», wie die Spiele auch nach der pandemiebedingen Verschiebung um ein Jahr offiziell heissen, ist jetzt noch deutlich wackliger geworden, als sie während der zweieinhalb Olympiawochen ohnehin schon war.

Bei den Olympischen Spielen infizierten sich insgesamt 547 Personen. Bei den Paralympics sind es eine Woche nach der Eröffnungsfeier schon 241 – während die Teilnehmerzahl aber nur ein gutes Drittel von jener der Olympischen Spiele ist. Die Ansteckungsquote der Paralympics ist damit schon nach einer Wettkampfwoche ungefähr so hoch, wie sie bei den Olympischen Spielen erst am Ende war. Am Donnerstag wurde zudem die erste Person, die im erweiterten Sinne zu den Paralympics-Teilnehmern gehört, mit Covid-19 ins Krankenhaus eingeliefert.

Ob die Paralympics nun nach all den Kontroversen um die Olympischen Spiele die von den Veranstaltern erhoffte Versöhnung mit der japanischen Bevölkerung bringen können, ist ungewiss. Es wird wohl auch von der Infektionslage am Ende der Veranstaltung abhängen. Denn die Olympischen Spiele haben zwar hohe Einschaltquoten erzielt. Aber nach der Abschlussfeier zeigte eine Umfrage des Senders NHK, dass an die 60 Prozent der Menschen in Japan denken, die Spiele seien nicht sicher gewesen. Diese Einschätzung steht im klaren Widerspruch zur Haltung der Organisatoren und der Regierung. Und die Paralympics scheinen auf dem besten Weg, den Eindruck zu unterstreichen.

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