Die Ringerstaffel Freiamt steht kurz vor ihrem siebten Schweizer Mannschaftsmeistertitel der Vereinsgeschichte. Die Ausgangslage vor dem zweiten Finalduell in der Best-of-three-Serie gegen Kriessern heute Samstag in Muri (Bachmatten, 19 Uhr) ist offen, wobei die Resultatentwicklung für die Aargauer spricht. In einem Gespräch äussert sich Trainer Thomas Murer zur erstaunlichen Entwicklung seines Teams.

Thomas Murer, was machen Sie am nächsten Samstag?

Thomas Murer (lacht): Dann bin ich sicher am traditionellen Freiämter Ringerfest vor Weihnachten. Hoffentlich haben wir vorher keinen Kampf mehr.

Zweifeln Sie, dass Sie den Final in zwei Kämpfen gewinnen?

Nein, nein, ich bin sicher. Ich bin immer optimistisch, aber trotzdem realistisch.

Vor einem Jahr erreichte Freiamt erstmals seit 23 Jahren keine Medaille. Was ist in der Zwischenzeit geschehen?

Wir haben zwei, drei kleine Sachen im Training geändert, aber über den Haufen geworfen haben wir nichts. Ich schenkte den jungen Ringern weiterhin mein Vertrauen und glaubte immer an sie. Jetzt zahlt sich dies aus.

Im Vorjahr standen Sie und die Ringer oft in der Kritik. Wie reagierte der Vorstand?

Wir haben nach der Saison die Situation analysiert. Aufgrund der Kritik gewichte ich die Trainingspräsenz noch höher. Drei bis vier Trainings pro Woche sind für jeden Nationalliga-A-Ringer Pflicht.

Ist die Konkurrenz schwächer geworden?

Das glaube ich nicht. Wir sind primär stärker geworden. Die jungen Ringer haben ein Jahr mehr Erfahrung.

Freiamt hatte aber zu Saisonbeginn Mühe und verlor einige Matchs.

Vor allem die Niederlage gegen Schattdorf schweisste unser Team zusammen. Plötzlich jammerte niemand mehr über harte Trainings. Dazu gingen Ringer wie beispielsweise Michi Bucher mit seinem Einsatz bis 61 statt 65 kg mit gutem Beispiel voran.

Warum zitterte Freiamt plötzlich um den Halbfinal?

Wir haben nie gezittert. Wir waren immer überzeugt, dass wir im Halbfinal dabei sein werden. Dies haben wir im Rückkampf gegen Schattdorf mit dem 27:9-Sieg gegen Schattdorf auch bewiesen.

Was war ihr Motivationstrick, um den haushohen Favoriten Willisau im Halbfinal zu schlagen?

Einen Motivationstrick brauchte es nicht einmal. Die knappe, ja die unnötige Niederlage in der Rückrunde war die Initialzündung. Weil wir zuvor so knapp verloren hatten, glaubten alle daran, dass wir Willisau schlagen können.

Was sind die Erfolgsfaktoren, dass Freiamt jetzt sogar vor dem Titelgewinn steht?

Die Niederlagen in der Qualifikation schweissten uns zusammen. Die Ringer waren bereit, noch härter zu trainieren. Der fehlende Erfolg stachelte uns an. Das zeigt, dass auch Niederlagen helfen können, weiter zu kommen.

Zurück zum Final gegen Kriessern? Wird der zweite Kampf schwieriger?

Kriessern glaubt an sich, ist topmotiviert und steht mit dem Rücken zur Wand. Für uns ist der Druck jetzt grösser. Wir wollen keinen dritten Kampf. Das ist aber auch Motivation.

Kriesserns Trainer sagt, sein Team sei auswärts stärker…

Papperlapapp! Das ist ein Motivationsversuch oder Schönrederei. Wir sind zu Hause noch stärker.

Gibt’s einen Aufstellungspoker?

Ja, bei Kriessern rechne ich mit Überraschungen in der Aufstellung. Aber entscheidend ist die Form der Ringer. Wer im Ringen pokert, verliert.

Was wird heute Abend entscheidend sein?

Wir müssen unseren Weg fortsetzen, das heisst das Selbstvertrauen und die Lockerheit mitnehmen. Da habe ich ohnehin keine Sorge. Die Stimmung im Team war schon immer gut.

Kommt der Meistertitel mit den vielen jungen Ringern nicht zu früh?

Natürlich habe ich nicht damit gerechnet. Aber inzwischen muss ich sagen, dass unser Titelgewinn verdient wäre. Die Jungen haben extreme Fortschritte gemacht.

Mit Andrej Malzew, Christian Huwiler, Sandro Vollenweider und Thomas Wild haben sie auch ältere Ringer im Team. Gäbe es nach einem Titel Abgänge?

Nein, solche sind nicht vorgesehen. Aber Andrej Malzew ist ja normalerweise Greco-Nationaltrainer.

Freiamt hat seit 2002 nie mehr zu Hause einen Titel feiern können. Haben Sie etwas vorbereitet?

Nein. Überhaupt interessieren mich solche Statistiken nicht. Wir konzentrieren uns auf dem Kampf. Alles andere ergibt sich dann spontan.