Hallwilerseelauf
Taubstummer läuft Streckenrekord

Er kann nicht hören, er kann nicht reden, er kann weder lesen noch schreiben. Aber Daniel Kiptum kann rennen. Der Kenianer Daniel Kiptum wird mit Parforceleistung über 21,1 Kilometer 36.

Mac Huber
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Und wie er rennen kann! Trotz widrigen Bedingungen, trotz Regen, Kälte und zum Teil schlammigen Streckenpassagen legte der Kenianer den Halbmarathon um den Hallwilersee in 1:02:47 Stunden zurück. Eine Weltklasseleistung!

Kiptum verbesserte damit den Streckenrekord seines Landsmanns Paul Kiptoo aus dem Jahr 2004 um über eine Minute. Entsprechend breit lachte er hinterher, hob strahlend den Zeigefinger und gab seinem Freund, Florian Wahli, per Handzeichen zu verstehen, dass er an diesem Tag der Beste gewesen sei.

Kiptum, der sich als 32-Jähriger ausgibt, aber selber nicht genau weiss, wie alt er wirklich ist (Wahli: «So zwischen 30 und 33 müsste passen»), legte von Beginn weg los wie die Feuerwehr: Den ersten Kilometer passierte er in 2:40 Minuten, die ersten zehn in 28:25, und schliesslich lief er auch seinem hartnäckigen Begleiter, Landsmann Fredrick Ndunge (20), der ihn beim Murtenlauf noch geschlagen hatte, derart auf und davon, dass der geneigte Beobachter glaubte, Ndunge sei völlig eingebrochen. Dabei blieb auch er noch unter dem alten Streckenrekord.

Wie schnell das Rennen trotz des misslichen Wetters war, verdeutlichte der Auftritt von Abraham Tadese. Der dreifache Hallwilersee-Champion lief persönliche Bestzeit, wurde aber nur Dritter. Selbst Viktor Röthlin, der Marathon-Europameister, der im Festgelände eine Stunde lang Autogramme gab, staunte ob der Leistung der Afrikaner.

Für Kiptum wars erst der zweite Halbmarathon in seiner Karriere. Den ersten lief er vor drei Jahren... am Hallwilersee (Rang 3). Pikantes Detail: Beim Laufklassiker im Aargau ist ihm bereits sein Adoptivvater Geoffrey Tanui vorausgeeilt. Tanui siegte im Jahr 1993.

Für Aufsehen sorgte Kiptum bislang aber vor allem beim Marathon. Da wurde er Weltmeister, Olympiasieger und beim diesjährigen Zürich-Marathon mit 2:14 Stunden auch Weltrekordhalter bei den Gehörlosen.

Betreut wird er jeweils von Florian Wahli, einem Jurassier, der ihn fünf Monate pro Jahr zu Hause in Reconvilier aufnimmt und mit ihm die Wohnung teilt. «Wir habens oft lustig», sagt Wahli, obwohl – oder vielleicht gerade weil – sich die beiden nur in der Gebärdensprache verständigen können. «Ich bewundere Daniel», sagt Wahli, «obwohl er nichts hört und in unserer Kultur auch nichts versteht, ist er immer fröhlich.»

Tatsächlich wirkte Daniel Kiptum im Zielgelände ausserordentlich fröhlich. Kein Wunder: Mit 600 Franken Preisgeld für den Tagessieg und den 1000 Franken Extraprämie für den Streckenrekord kann er in den nächsten Wochen wieder Essen kaufen und vielleicht auch eine warme Jacke.

Und er weiss, dass er in dieser Form auch bei den kommenden Stadtläufen gross auftrumpfen kann. Wie die Kenianerin Jane Muia (24), die Siegerin bei den Frauen, die den Streckenrekord von Tola Zenebech aus dem Jahr 2002 nur um neun Sekunden verpasste. Bei der Siegerehrung wirkte Muia indes fast so stumm wie Kiptum. Auf die Frage, wie ihr das Rennen gelaufen sei, antwortete sie zögerlich mit «Yes».