Es fällt schwer, das aufkeimende Gefühl der Euphorie zu unterdrücken. Ist er der Erlöser, der Knipser, der dem FC Wohlen in der ersten Saisonhälfte fehlte? Der Fan hofft. Dass es für beide Mannschaften der erste Ernstkampf seit acht Wochen ist, die Formstände dadurch noch variieren oder Winterthurs fehlende Abstimmung darauf gründet, das ein neuer Trainer mit neuen Ideen an der Seitenlinie steht, scheint nebensächlich. Nur Grafs Treffer interessieren, ja sie blenden.

Der Realist aber warnt vor überhöhter Erwartungshaltung. Auch, weil das Etikett des FCZ-Talents zwar Potenzial suggeriert, aber keinen fortwährenden Erfolg in dieser physischen Liga garantiert. Natürlich wollen wir dem Neuen eine Aussage zu seinem extraordinären Einstand entlocken. Es sind aber nur wenige Worte, die wir von ihm zu hören kriegen: «Ich darf nicht reden, Anweisungen des Vereins.» Graf wird also abgeschottet.

Wie schon beim FCZ. Vom Zürcher Noch-Super-League-Verein hat Wohlen diese Maulkorb-Politik aber weder übernommen noch auferlegt bekommen. Es ist ein eigenständiger Entscheid des Freiämter Fussballvereins. «Einzig und allein zum Selbstschutz der Spieler», wie FCW-Präsident Lucien Tschachtli betont.

Zum Schutz der Spieler

In den Schlussminuten, in denen Graf in Winterthur zauberte, hätte man sich laut Tschachtli für die Massnahme entschieden, Graf und die weiteren jungen Neuankömmlinge für die ersten drei Monate für Mediengespräche zu sperren. «Sehen Sie», setzt Tschachtli zu seinen Ausführungen an, «die Jungen laufen Gefahr, den Erfolgsmoment nicht richtig einzuordnen.

Genau solche Spiele wie jenes von Graf in Winterthur sind gefährlich. Die Presse will dann natürlich mit dem Talent sprechen, lobt den Jungen und schenkt ihm Aufmerksamkeit. Viele Talente heben dann ab, sehen sich bereits in der Super League, doch wenn man als Junger nach Wohlen ausgeliehen wird, dann ist die Super League noch immer ein Traum, keine Garantie.

Wir versuchen mit unserer Massnahme all dem entgegenzuwirken.» Im Freiamt gilt die hiesige Parole: «Liefern statt Lafern». Es ist nicht das erste Mal, dass Spieler des FC Wohlen den Medien nicht sofort zur Verfügung stehen.

Und doch: Selten kamen junge Neuankömmlinge in Wohlen von Beginn weg zu so viel Spielzeit wie die drei Winterzuzüge Graf, Kleiner und Castroman. Das weckt das Fan-Interesse. Gerade die Neuen werden mit Argusaugen beobachtet, ihre Darbietungen seziert. In Zeiten, in denen der FC Wohlen gerne eine grössere Fanunterstützung ausweisen würde, wäre es zu begrüssen, in diesen drei Monaten zumindest Spieler-Porträts zuzulassen.

Der Blick unter das Trikot

Dass diese Spieler nach den Partien nichts sagen dürfen, ist verständlich. Weil Aussagen nach den Spielen oftmals auch von Emotionen geleitet sind. Wenn man aber mittels Porträt etwas über die Person unter dem Fussballtrikot erfährt, kann das aus der Perspektive des Fans für die Identifikation mit der eigenen Mannschaft förderlich sein. Vielleicht kann sogar die Toleranz gegenüber dem Neuankömmling gesteigert werden.

Stimmt bei einem Talent beispielsweise die Fitness nicht, rümpft man bald die Nase. Wissen wir aber, dass dieser Junge seit sechs Monaten kein Pflichtspiel mehr absolviert hat oder sich erst von einer langwierigen Verletzung rehabilitierte, räumen wir ihm mehr Zeit zur Akklimatisierung ein. So läuft das eben im Fussball: Sind keine Gründe bekannt, bewertet man das, was man sieht.

Die Angst, dass Talente wegen fehlender Wortgewandtheit oder Medienerfahrung ins falsche Licht geraten oder missinterpretiert werden, ist zudem unbegründet. In der Branche ist es nämlich längst Usus, dass die Spieler ihre Zitate vor der Publikation autorisieren.

Unterschiedliche Strategien

Fest steht: Nicht alle Talente, die von der Super League ins Freiamt wechseln, durchliefen ein Medientraining. Während der FC Zürich einen Jungen wie Graf ohne Briefing einfach abschottet, bieten die Young Boys ihren Talenten an, den Umgang mit den Medien professionell zu erlernen.

Die Erfahrungen variieren also. Mit der Defensivstrategie gegenüber den Medien bleibt sich der FC Wohlen immerhin in seiner Rolle als Ausbildungsverein treu. Von Graf, Kleiner und Castroman wissen wir heute trotzdem noch nichts. Zum Glück ist die Sperrfrist nun vorbei.