FC Wohlen-Serie
Statt Geld zu bekommen, gab er Geld aus: Andy Wyder über seine turbulente Zeit bei Wohlen

Der Langzeit-Präsident Andy Wyder war hauptverantwortlich für den Höhenflug des FC Wohlen. Der freiwillige Abstieg aus der Challenge League und der Rückzug aus dem Profifussball tun ihm weh, trotzdem will er mit Sicherheit nicht mehr in die operativen Geschäfte des Vereins eingreifen.

Ruedi Kuhn
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Nach über 18 Jahren im Amt trat Andy Wyder (hier auf einer Aufnahme aus dem Jahr 2006) 2014 als Präsident des FC Wohlen zurück.

Nach über 18 Jahren im Amt trat Andy Wyder (hier auf einer Aufnahme aus dem Jahr 2006) 2014 als Präsident des FC Wohlen zurück.

Aargauer Zeitung

Andy Wyder schaut sich die Tabelle der Challenge-League-Saison 2005/06 an. «Sportlich war der FC Wohlen auf Kurs», blickt der langjährige Präsident zurück. «Wir erreichten Rang sechs. Und das mit einer Mannschaft voller Amateure! Die Anforderungen wurden aber nicht nur auf, sondern auch neben dem Spielfeld grösser», fügt Wyder an. «Mit der Infrastruktur im Stadion Niedermatten, der Grösse des Vereins, der Mitgliedschaft in der Swiss Football League, der Umstellung auf den Profibetrieb und der Erhöhung des Budgets begann eine neue Zeitrechnung.»

Der kleine FC Wohlen war gefordert. Das Budget der Saison 2005/06 betrug nur knapp eine Million Franken. Nach dem Zwischenhoch folgte der Beinahe-Abstieg in der Saison 2006/07. Es war ein Wink mit dem Zeigefinger und es führte zu einem Umdenken. Der Profibetrieb wurde eingeführt. Dieser Umstand und die strengeren Auflagen der Liga führten zu einer Kostenexplosion. Das Budget für die erste Mannschaft stieg und knackte im Lauf der Jahre sogar die Grenze von zwei Millionen.

Wyders Ziel Ende der 1990er-Jahre und Anfang der 2000er-Jahre war die 1. Liga. Diese Hürde nahm er locker. Nun aber war der FC Wohlen in der zweithöchsten Spielklasse mit dabei, im Kreis der Top 30 des Schweizer Fussballs. Mehr noch: In der Saison 2007/08 starteten die Freiämter so richtig durch. Trainer Martin Rueda führte den FC Wohlen in der Startphase auf den Leader-Thron und beendete die Meisterschaft auf Rang vier.

Erfolg liess Ansprüche wachsen

Verrückt! Plötzlich war die Super League näher als die 1. Liga. Die Krux an der Sache: Mit den Erfolgen wuchsen die Ansprüche. «Den hohen Erwartungen der Trainer, Spieler und Fans gerecht zu werden, war eine riesige Herausforderung», erinnert sich Wyder. «Für mich wurde die ehrenamtliche Tätigkeit als Präsident zu einem heissen Tanz. Ich war in diesem Arbeitsfeld grösstenteils auf mich allein gestellt. Die Grenze der Belastbarkeit war erreicht. Irgendwann habe ich die Grenze sogar überschritten.»

16 Jahre FC Wohlen im Spitzenfussball

Am 8. Juni 2002 stieg der FC Wohlen in die Nationalliga B (heute Challenge League) auf und verteidigte seinen Platz in der zweithöchsten Spielklasse während 16 Jahren. Finanzielle und infrastrukturelle Probleme führten dazu, dass die Freiämter im Frühling freiwillig absteigen. In einer 17-teiligen Serie blicken wir auf 16 Saisons zurück. Heute: Teil 5 – die Saison 2005/06.

Wyders Dasein für den FC Wohlen war ein Spiel ohne Grenzen. Wyder konnte nicht aufhören. Er wollte sich als Führungskraft der Verantwortung nicht entziehen. Vielleicht trieb ihn aber auch der Drang, ja die Sucht nach Siegen. Er ist nun mal einer, der das Maximum will und nie aufgibt. Wyder bezeichnet sich selbst als Beisser, als Terrier. Das ist der Grund, warum er sich dem FC Wohlen buchstäblich zum Frass vorwarf. Mit Leib und Seele, mit Haut und Haaren.
Damit nicht genug: Es gab Zeiten, da opferte er nicht nur einen Grossteil seiner Freizeit für den Verein, sondern öffnete sogar sein Portemonnaie.

Es ist grotesk: Statt Geld für seine Arbeit zu bekommen, gab der Architekt in Notsituationen sogar Geld aus. Im Wissen, dass er es nie zurückbekommen wird. Die guten Zeiten genoss Wyder. In vollen Zügen. In den schlechten Zeiten vertraute er seiner dicken Haut. Er hielt den Kopf hin. Immer und immer wieder Seine Nehmerqualitäten und Leidensfähigkeit waren extrem. Was Wyder auch immer tat – er stellte das Gemeinwohl vor das Eigenwohl.

Schlusstabelle der Saison 2005/06

Schlusstabelle der Saison 2005/06

AZ

Am 21. Oktober 2014 trat Wyder als Präsident zurück. Nach mehr als 18 Jahren. In Erinnerung bleiben sein diplomatisches Geschick und seine ruhige, sachliche, besonnene und menschliche Art. Wyder bekam nach seinem Rücktritt jede Menge gut gemeinte Geschenke und wurde von den Mitgliedern an einer Generalversammlung zum Ehrenpräsidenten des FC Wohlen ernannt. Von der Swiss Football League erhielt er eine Ehrennadel, die er nie zur Schau stellte, sondern bis zum heutigen Tag in einem Safe aufbewahrt.

Windisch statt Winterthur?

Dreieinhalb Jahre nach Wyders Abgang steht der FC Wohlen am Scheideweg. Der Absturz in den Regionalfussball liegt in der Luft. Man darf sich schon die Frage stellen, ob es mit Wyder an der Spitze anders, besser, gelaufen wäre. Natürlich ist ihm das Schicksal des Vereins alles andere als egal. Aber er wird mit Sicherheit nicht mehr ins operative Geschäft eingreifen.

Das ist vorbei, sagt er. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass ihm der freiwillige Abstieg aus der Challenge League und der Rückzug aus dem Profifussball wehtun. Er fragt sich, ob das Märchen des FC Wohlen 16 Jahre nach dem Aufstieg in die Nationalliga B tatsächlich zu Ende gehen muss. Ist die neue Realität wirklich die 2. Liga? Heissen die Gegner der Freiämter in Zukunft Klingnau, Windisch und Othmarsingen statt Schaffhausen, Winterthur und Wil?