Orientierungslauf
Stadtkönig Matthias Kyburz will ein Waldmensch sein

Matthias Kyburz kam durch den Stadt-Sprint an die OL-Weltspitze. Inzwischen gehört er auch in den klassischen Walddisziplinen zu den Allerbesten – nur noch nicht an Titelkämpfen.

Rainer Sommerhalder
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Matthias Kyburz aus Möhlin will auch zwischen Bäumen und Büschen nach Medaillen greifen.

Matthias Kyburz aus Möhlin will auch zwischen Bäumen und Büschen nach Medaillen greifen.

Keystone

Orientierungsläufer werden bisweilen als Waldmenschen betitelt. Jahrzehntelang zelebrierten sie ihre Sportart an den abgelegensten Orten fernab jeglicher Zivilisation. Je verwunschener das Wettkampfgebiet eines WM-Einzellaufs daherkam, umso krönender und heldenhafter gebärdete sich ein Titelgewinn – so lautete die Maxime.

Man nähert sich der Stadt

Nach wie vor gilt das Rennen über die Langdistanz als Königsdisziplin der Weltmeisterschaften. Doch mit dem Paradigmenwechsel – raus aus dem Wald, hin zur Zivilisation – und der damit verbundenen Lancierung von Sprintwettkämpfen in vornehmlich urbanem Gelände veränderte sich die Wahrnehmung des Orientierungslaufes.

2003 an den Welttitelkämpfen in Rapperswil verfolgten Tausende auf den Strassen der Altstadt und Zehntausende bei der Live-Premiere einer TV-Berichterstattung im OL, wie Simone Luder ihren ersten Titel in der neuen WM-Disziplin gewann. Nicht nur die hübsche Burgdorferin war fortan das fotogene Gesicht der Sportart, sondern auch die für OL-Verhältnisse revolutionäre Wettkampf-Innovation Sprint.

2012 bei der nächsten Schweizer Weltmeisterschaft in Lausanne gewann «Gold-Sime» zur besten TV-Sendezeit erneut den Sprinttitel. Bei den Männern gab es sogar einen Schweizer Dreifach-Triumph. Dabei krönte sich der junge Fricktaler Matthias Kyburz mit seiner Goldpremiere definitiv zum Stadtkönig unter den Orientierungsläufern. Rekordverdächtige acht Weltcupsiege im Sprint hat der Biologiestudent auf dem Konto.

Eine ausgeglichene Waage schaffen

Nicht, dass sich Kyburz daran stören würde. Viel eher ist ihm die Einseitigkeit seines Palmarès ein Dorn im Auge. Im nationalen Vergleich – und dies bedeutet in der Schweiz immer auch ein Messen mit den Weltbesten – waren ihm längst schon wertvolle Siege über die prestigeträchtige Langdistanz gelungen, auf internationaler Bühne hingegen scheiterte er alternierend hauchdünn oder dann kolossal.

Doch nun, ausgerechnet vor den Titelkämpfen im schottischen Inverness, die dank einem seit der WM 1999 wettkampfmässig nie mehr betretenen «Urwald» schon im Vorfeld mit Legendenstatus belegt werden, ist Kyburz auch in der Königsdisziplin auf der allerhöchsten Stufe angelangt. Beide Weltcuprennen 2015 über die Langdistanz hat er gewonnen – im Juni sogar im WM-ähnlichen nordischen Gelände.

Das gibt dem seit knapp zwei Jahren in Bern wohnenden Möhliner auch mentalen Auftrieb. Sein WM-Programm konzentriert sich mit Ausnahme der Sprint-Staffel auf die Walddisziplinen. Dafür verzichtet er sogar auf die bereitliegende Medaille in seiner bisherigen Paradedisziplin. Und seine Ziele für die WM kommuniziert Kyburz offensiv wie selten: «Ich will endlich eine Medaille im Wald gewinnen. Vier Ränge auf den Positionen vier bis sechs reichen mir».

Kyburz sagt, es habe seine Zeit gedauert, bis er das persönliche Rezept für einen Erfolg über die Langdistanz gefunden habe. Es benötigte eine Adaption in allen drei Bereichen – beim Laufen, beim Kartenlesen und im Kopf. «Und es ist die Disziplin, in welcher ich mich noch immer am stärksten entwickle», sagt der Fricktaler. Dabei darf er mit Genugtuung konstatieren, dass seine physische Verfassung vor der WM so gut wie noch nie ist. Inzwischen gehört Kyburz auch im Strassenlauf zur nationalen Spitze.

Im Kopf muss es stimmen

Besonders wichtig war jedoch die mentale Arbeit. Zuerst einmal musste er sich vom Glauben verabschieden, dass eine Topform im Sprint automatisch auch Erfolg über die Langdistanz bedeutet. «In den 15 Minuten eines Sprintrennens hast du keine Sekunde Zeit, an etwas anderes zu denken als an das Hier und Jetzt. Unterwegs auf der Langdistanz hingegen machst du dir viel mehr Gedanken.»

Er habe sich zu häufig eingeredet, dass er zu langsam sei oder die falsche Route gewählt habe. Und er hat nach einem frühen Fehler den Fokus verloren und innerlich aufgegeben. «Heute gelingt die Gedankenkontrolle auch während der 90 Minuten über die Langdistanz viel bewusster. Vor allem stelle ich unterwegs keine Vergleiche mit mir selbst mehr an», sagt Kyburz.