Derzeit treten die besten Spieler in Paris an. Dort kann ein Spiel auch mal vier bis fünf Stunden dauern. Was bringt die Menschen dazu, einem einzelnen Match so lange zuzuschauen?

Bernhard Schär: Aussergewöhnliche Leistungen faszinieren die Menschen, egal in welchem Bereich. Und diese Spieler erbringen aussergewöhnliche Leistungen, das wird von den Zuschauern gewürdigt. Denn diese wissen genau, wie schwierig es ist, sich über eine so lange Zeit zu konzentrieren, sich gut zu bewegen, taktisch richtig zu entscheiden und stets sein Bestes zu geben.

Aber viel passiert ja nicht. Die Phasen zwischen den Ballwechseln sind meist viel länger als die Action auf dem Court.

Man muss ein solches Spiel als Gesamtpaket anschauen. Bei solchen Partien herrscht eine besondere Ambiance, da passiert ganz vieles. Man spürt die Zuschauer, sieht ihre Reaktionen. Man schaut den Spielern zu, wie sie mit sich hadern, sich aufmuntern, mit sich kämpfen.

Wie schwierig ist es, solch lange Spiele zu kommentieren?

Für mich es ist nach wie vor Herausforderung und Faszination zugleich,  bei solchen Spielen dabei zu sein und sie zu kommentieren. Es ist mein Ziel, die Hörer möglichst bei der Stange zu halten. Das geht nur, wenn man auch viele zusätzliche Informationen liefern kann und über genug Fachwissen verfügt. Das bedeutet umgekehrt, dass man sich auf solche Spiele stundenlang vorbereitet.

Sie kommentieren seit 30 Jahren. Wie viel ist heute bloss noch Routine?

Was den Umgang mit der Technik betrifft, da ist heute vieles Routine für mich. Auch die richtigen Worte finde ich inzwischen schneller. In dieser Hinsicht ist es einfacher geworden. Aber ich bin auch so vielen Jahren noch immer extrem fasziniert vom Tennis. Jedes Spiel erzählt eine andere Geschichte. Jede Partie verläuft anders.

Sie gelten in der Schweiz sozusagen als «Stimme des Tennis». Gefällt Ihnen diese Rolle?

Ich bin froh und dankbar um meine Stimme, die bei den Leuten offenbar sehr gut ankommt. Sie ist mein Kapital. Sie ermöglicht mir, diesen spannenden Beruf auszuüben.

Sie verfolgen unsere Schweizer Tennisstars seit vielen Jahren. Wie ist Ihr Verhältnis zu ihnen?

Als Journalist ist es nötig, eine professionelle Distanz zu bewahren. Ich habe grossen Respekt vor den Leistungen dieser Sportler. Von ihnen kann man viel lernen, gerade auch im Umgang mit Niederlagen. Die Begegnungen mit Spitzensportlern erachte ich als ungemein wertvoll und bereichernd.

Haben die Spieler auch Respekt vor Ihrer Arbeit?

Ich könnte jetzt niemanden aufzählen, der sich mir gegenüber unkorrekt verhält. Im Gegenteil: ich erfahre immer eine grosse Wertschätzung. Das Verhältnis untereinander ist gut und professionell. Immer mit der nötigen Anerkennung und Achtung.

Hat der Tennissport in der Schweiz einen anderen Stellenwert als in anderen Ländern?

Wir erleben eine fantastische und privilegierte Situation mit zwei solch aussergewöhnlichen Spielern. Es ist noch nicht lange her, da waren Federer und Wawrinka die Nummern 1 und 3.  Um diese Situation beneiden mich meine ausländischen Kollegen – ein kleines Land, das solche Erfolge feiern kann, das ist nicht selbstverständlich. Gerade was Roger Federer leistet, ist immer wieder und von neuem extrem bewundernswert.

Kann man sagen: Federer macht Tennis populär in der Schweiz?

Auf jeden Fall, er hat sehr viel dazu beigetragen. Nicht nur durch seine Leistungen, sondern auch durch seine Ausstrahlung, seine Persönlichkeit und sein Verhalten neben dem Platz. Er ist heute ein Vorbild für ganz viele Junge. Mit einem Roger Federer zusammenarbeiten zu können, ist enorm faszinierend. Er ist stets kommunikativ, fair, korrekt und respektvoll. Ein äusserst wertvoller Botschafter fuer die Schweiz.

Trotzdem ist Tennis noch kein Massensport in der Schweiz. Woran liegt das?

Das ist schwierig zu sagen. Denn die Voraussetzungen sind eigentlich gut. Wir haben kurze Wege, viele Clubs, einen sehr guten und aktiven Verband. Und wir verfügen über ganz gute Trainer in der Schweiz und eine tolle Infrastruktur. Natürlich, es ist kein ganz billiger Sport, aber wenn jemand ein grosses Talent ist, dann erhält er auch Unterstützung.  Vielleicht scheuen viele auch das Risiko: Wer ganz nach oben will, der muss schon in jungen Jahren ein klares Bekenntnis zum Tennis geben.

Woher kommt Ihre eigene Faszination für den Tennissport?

Für mich ist Tennis eine Art Königssportart. Tennis verlangt ganz viele Fähigkeiten. Es fordert Geist, Körper, Fitness, man benötigt Beweglichkeit, taktisches und technisches Können, Intelligenz, Spielwitz und Kreativität. Tennis verlangt extrem schnelle Entscheidungen und unglaubliche mentale Stärke. Ein einzelner Schlag kann über Sieg und Niederlage entscheiden. Umgekehrt ist es möglich, ein fast schon verlorenes Spiel nochmals zu drehen. Tennis bietet faszinierende Duelle auf einem hohen Niveau. Auch die körperliche Herausforderung ist riesig.

Und wie lange spüren Sie schon diese Liebe zum Tennis?

Ich habe selber früher Tennis gespielt, als zweite Sportart neben dem Handball. Aber im Handball war ich deutlich erfolgreicher (lacht). Später habe ich in jungen Radiojahren die Erfolge von Martina Hinggis erlebt. Und natürlich hat meine Begeisterung viel mit unserem  Sohn Jonas zu tun, der Tennis spielt, seit er fünf Jahre alt  ist und noch heute mit grosser Freude und Leidenschaft diesen faszinierenden Sport ausübt. Als Mitglied des nationalen C Kaders hat er an  Schweizermeisterschaften der Junioren schon sieben Medaillen gewonnen, unter anderem je Gold im Einzel und Doppel.

Spielen Sie heute noch selber Tennis?

Ab und zu trainiere ich mit meinem Sohn – wobei ich ihm da eher die Bälle zuspiele, er bewegt sich natürlich auf einem ganz anderen Niveau. Aber ich spiele auch mit meiner Frau oder mit Kollegen im Club. Aber wirklich nur zum Spass. Auf Interclub oder Turniere verzichte ich.

In Kürze beginnen die offenen Aargauermeisterschaften der Aktiven in Wohlen. Haben solche Turniere noch einen Reiz für einen Tenniskenner wie Sie?

Natürlich lohnt sich für mich ein Besuch der ATM. Schon allein darum, weil mein Sohn dort antritt (lacht). Inzwischen kenne ich natürlich auch viele seiner Gegner und freue mich auf seine Duelle mit ihnen. Ich finde es generell wichtig, dass man solche Turniere wie die ATM unterstützt, sie sind ein wichtiges Sprungbrett für viele junge Spieler und bieten den Zuschauern attraktives Tennis. Indem ich solche Anlässe besuche, zeige ich auch meine Dankbarkeit gegenüber den Organisatoren,  denn dort  in den Vereinen wird viel Freiwilligenarbeit geleistet, viel Zeit investiert.

Wenn man wie Sie ständig Spitzentennis sieht, langweilt man sich dann nicht bei solchen Partien?

Im Gegenteil. Wir waren letztes Jahr mit der ganzen Familie am Interclub-Finalwochenende in Lausanne, und gerade auf nationalem Niveau gibt es ganz spannende Duelle. Da werden tolle Leistungen geboten.  Technisch bewegen sich diese Spieler alle auf einem hohen Level. Ich bin überzeugt: Auch am Finale der Aargauermeisterschaften wird man einen tollen Final auf hohem Niveau sehen.

Ihr Sohn Jonas ist aktueller Schweizermeister U 18 und ist an den Aargauermeisterschaften auch dabei. Aber sollte er den Einzug in den Final schaffen, könnten sie nicht mal zuschauen. Sie sind dann in Wimbledon.

Also eine Finalqualifikation des noch jungen Jonas wäre schon ein immenser und überraschender Erfolg. Aber grundsätzlich ist das Problem für mich nicht neu. Ich konnte noch nie an einer grossen Meisterschaft mit dabei sein. Entweder bin ich in Wimbledon, an den US Open oder dann am Lauberhorn, Aber ich werde natürlich immer per SMS informiert oder verfolge die Partien mit einem Auge auf dem Live-Ticker. Ich fiebere also aus der Ferne mit.

Und welchen Tipp haben Sie für Wimbledon?

Wimbledon ist ein grossartiges Turnier. Und ich habe das riesige Privileg, dass ich in den letzten Jahren stets vor Ort sein durfte und dank Roger Federers Erfolgen auch immer bis zum Schluss dabei war. Wenn er  fit und gesund ist, gehört er ohne Zweifel  zu den Topfavoriten.