Mit diesem Ergebnis hatte wohl keiner gerechnet: Der Aargauer Silvan Dillier beendete die 116. Austragung des Rad-Klassikers Paris–Roubaix als Zweiter, geschlagen nur vom bereits dreifachen slowakischen Weltmeister Peter Sagan. Mehr als 210 der insgesamt 257 Kilometer legte Silvan Dillier an der Spitze des Rennens zurück, nachdem er sich in die Fluchtgruppe des Tages begeben hatte. Der 27-Jährige zeigte über die steinigen Feldwege aus den Zeiten Napoleons eine grossartige Willensleistung.

Nach dem Rücktritt von Fabian Cancellara, der dieses wohl schwerste Rennen 2006, 2010 und 2013 dreimal gewann, hatte man nicht erwarten können, dass so schnell wieder ein Schweizer auf das Podium kommen würde. Dillier zeigte seine wohl beste Leistung als Radprofi überhaupt, womit er eine ähnliche Überraschung realisierte wie einst Thomas Wegmüller, der 1988 bei Paris–Roubaix Zweiter geworden war.

Dillier ist stolz

Dilliers bisher wertvollstes Resultat war der letztjährige Sieg der 6. Etappe am Giro d’Italia. Dennoch war er damals vom BMC-Team nicht für die Tour de Suisse nominiert worden. Auf diese Saison wechselte der im Veloklub Schneisingen gross gewordene Dillier zur französischen Equipe AG2R-La Mondiale. Anfang März brach er sich aber bei einem Sturz bei der Strade Bianche in Italien einen Finger, weshalb er rund einen Monat pausieren musste.

Doch Dillier fand den Tritt schnell wieder. Schon Ende März gewann er mit der Route Adélie ein kleines Rennen in Frankreich. Dass er nun aber auf auch auf ganz grosser Bühne derart bestehen würde, ist als nahezu sensationell zu werten. Dillier hatte sich nach bereits 40 km in eine ursprünglich neunköpfige Fluchtgruppe begeben. Sagan konnte sich gut 50 km vor dem Ziel aus der Verfolgergruppe mit den Favoriten lösen und zur Spitze aufschliessen, die zu diesem Zeitpunkt nur noch aus drei Mann bestand.

Dillier war schliesslich der Einzige, der das Tempo des Weltmeisters mitgehen konnte. Im Spurt auf der Rennbahn war Dillier gegen Sagan jedoch ohne Chance. «Sagan war einfach stärker. Als wir gemeinsam über die Pavé-Sektoren gefahren sind, habe ich gestaunt, was er für einen Motor hat», sagte Dillier. «Aber ich bin stolz auf meine Leistung, stolz darauf, überhaupt in die Situation gekommen zu sein, um den Sieg zu kämpfen.»

Sagan errang seinen ersten Sieg bei Paris–Roubaix und seinen zweiten in einem der fünf grossen Eintagesrennen. 2016 hatte er die Flandern-Rundfahrt für sich entschieden. Gestern fuhr der 28-Jährige, so etwas wie der Rockstar imFeld, als erster Weltmeister seit Bernard Hinault 1981 im Regenbogentrikot dem Triumph entgegen.

Nicht allen Schweizern lief es so gut wie Dillier. Stefan Küng musste früh aufgeben. Der Thurgauer war eines der vielen Sturzopfer. Er zog sich eine Schnittwunde am Kinn zu, wurde zur Sicherheit für eine Röntgen-Untersuchung mit der Ambulanz ins Spital gebracht. Am schlimmsten erwischte es den erst 23-jährigen Belgier Michael Goolaerts, der am Streckenrand sogar reanimiert werden musste und in sehr kritischem Zustand mit dem Helikopter ins Spital von Lille geflogen werden musste. Goolaerts hatte einen Herzstillstand erlitten.