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Silvan Dillier, der tragische Held von Gippingen

Lokalmatador Silvan Dillier wurde beim GP in Gippingen für seinen Angriff nicht belohnt. Er fühlte sich zwar in Topform, die Niederlage bedeutet für ihn auch einen Dämpfer hinsichtlich der Tour de Suisse.

Simon Steiner
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Lange sah es gut aus, doch am Ende reichte es nicht: Ein enttäuschter Silvan Dillier braucht nach der Zieleinfahrt am GP Gippingen einen Moment für sich.

Lange sah es gut aus, doch am Ende reichte es nicht: Ein enttäuschter Silvan Dillier braucht nach der Zieleinfahrt am GP Gippingen einen Moment für sich.

Keystone

Silvan Dillier versuchte gar nicht, seine Frustration zu verbergen. «Das ist eine ganz bittere Pille», sagte er nach dem Rennen. Der 24-jährige Aargauer hatte sich viel erhofft von diesem Einsatz in seiner engeren Heimat – erst recht nach dem zweiten Rang vor einem Jahr. Doch am Ende stand er mit leeren Händen da.

Viel vorwerfen musste sich Dillier nicht – im Gegenteil. Auf der letzten von 15 Runden hatte der Lokalmatador beim GP des Kantons Aargau das Heft in die Hand genommen: Im langen Aufstieg ging er in die Offensive, passierte den Bergpreis als Erster und setzte sich in der Folge von seinen letzten Begleitern ab.

In bester Zeitfahrmanier baute er seinen Vorsprung in der Folge bis auf 17 Sekunden aus und hatte den Solosieg vor Augen. Doch die letzten Kilometer erwiesen sich als zu lang. Knapp 400 Meter vor dem Ziel wurde er vom heranbrausenden Feld geschluckt und überquerte die Ziellinie am Ende als 58.

So wurde der grosse Hoffnungsträger der Zuschauer letztlich zum tragischen Helden von Gippingen. «Ich war überzeugt, dass es zum Sieg reichen könnte», sagte Dillier. «Meine Form ist nach dem Giro d’Italia perfekt.»

Auch über die Unterstützung durch das Team konnte sich der Weltmeister im Mannschaftszeitfahren nicht beklagen. Nachdem sich bereits in der erste Runde eine sechsköpfige Fluchtgruppe vom Feld abgesetzt hatte, besorgten seine BMC-Kollegen zusammen mit der Equipe Orica-Greenedge des zweifachen Gippingen-Siegers Michael Albasini den Löwenanteil der Nachführarbeit.

Alexander Kristoff jubelt bei der Zieleinfahrt beim GP in Gippingen.
15 Bilder
Es war der 52. GP des Kantons Aargau - zwischenzeitlich konnte sich eine Fluchtgruppe absetzen und zirka zehn Minuten Vorsprung herausfahren.
Wie jedes Jahr feuern viele Radsportfans die Fahrer an - auch hier in Schlatt, wie Gippingen ein Dorfteil von Leuggern.
Hinauf gehts zum höchsten Punkt der Strecke am Weiler Schlatt vorbei.
Zuschauer am Streckenrand in Schlatt.
Zuschauer am Streckenrand in Schlatt.
Alexander Kristoff, hier zweiter von links, während des Rennens.
Der Norweger Kristoff war im Sprint nicht zu schlagen.
Alexander Kristoff gewinnt den GP in Gippingen
Kristoff triumphiert vor dem Schweizer Michael Albasini, Lokalmatador Silvan Dillier wird nach einer Flucht erst wenige hundert Meter vor dem Ziel gestellt.
Gross ist die Enttäuschung bei Silvan Dillier nach der Zieleinfahrt und dem knapp verpassten Triumph.
Siegerehrung: Sieger Alexander Kristoff in der Mitte, links der Zweite Michael Albasini, rechts der Dritte Niccolo Bonifazio.
Impressionen vom GP in Gippingen.
Impressionen vom GP in Gippingen.
Impressionen vom GP in Gippingen.

Alexander Kristoff jubelt bei der Zieleinfahrt beim GP in Gippingen.

Keystone/Ennio Leanza

Die Niederlage in seinem Heimrennen bedeutet für Dillier zugleich einen Dämpfer im Hinblick auf die Tour de Suisse, die morgen mit einem Prolog-Zeitfahren in Rotkreuz beginnt. Neben den prominenten Teamkollegen Philippe Gilbert und Greg van Avermaet, die bei der Schweizer Rundfahrt beide auf Etappensiege spekulieren werden, dürfte für Dillier neben der Helferrolle wenig Spielraum für eigene Ambitionen bleiben. Erst recht, nachdem er nicht einmal in Gippingen auf das volle Vertrauen der Teamleitung zählen konnte und keine uneingeschränkte Leaderrolle erhielt. Die Chance, sich mit einem Sieg in der internen Hierarchie für höhere Aufgaben zu empfehlen, verpasste er nun.

Seriensieger Kristoff überragend

Ob es Dillier zum grossen Coup gereicht hätte, wenn er eine andere Taktik gewählt und sich auf den Massensprint eingelassen hätte, ist zu bezweifeln. Mit Alexander Kristoff trug sich einer der endschnellsten Fahrer überhaupt im aktuellen Profifeld in die Siegerliste des GP Gippingen ein. Vor zwei Jahren hatte der 27-jährige Norweger im benachbarten Leuggern im Rahmen der Tour de Suisse seinen ersten Sieg auf der World Tour gefeiert. In Gippingen gelang Kristoff nun bereits der 17. Erfolg in dieser Saison – den prestigeträchtigen Triumph bei der Flandern-Rundfahrt mit eingerechnet.

«Ich hätte nicht damit gerechnet, dass ich hier gewinnen könnte», sagte Kristoff, der gegen Ende des Rennens beinahe den Kontakt zum Feld verloren hätte. Auf der letzten Runde schöpfte der Norweger jedoch neue Energie. «Wenn ich das Ziel rieche, werde ich jeweils nochmals stärker.»

Zu spüren bekam dies auch Michael Albasini, der Kristoffs Antritt auf der langen Zielgeraden nichts entgegenzusetzen hatte. Dem Thurgauer reichte es immerhin zum zweiten Platz, womit er sich nicht unzufrieden zeigte. «Nach der langen Wettkampfpause mit Höhentraining ist es keine Schande, von Kristoff geschlagen zu werden.» Kristoff wie Albasini gehören nun auch zu den aussichtsreichsten Anwärtern auf einen Etappensieg bei der Tour de Suisse, obwohl ihr Hauptfokus der Tour de France im Juli gilt.