Ägypten
Sie wissen noch nicht mal, wann der Flieger abhebt: Diese Aargauer reisen mit der Nati an die Handball-WM

Unverhofft kommt oft. So auch für die Schweizer Handballer, die am Dienstagabend von ihrer WM-Teilnahme erfahren und bereits am Donnerstag spielen. Mit dabei: Auch zwei Aargauer.

Alessandro Crippa
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Darf unverhofft an die WM reisen: Der Aargauer Marvin Lier.

Darf unverhofft an die WM reisen: Der Aargauer Marvin Lier.

Philipp Schmidli

An Kurzfristigkeit ist das wohl kaum zu überbieten. Es ist Dienstagabend, gegen 22 Uhr. Die Schweizer Handballer erfahren via Whatsapp, dass sie nun doch an der WM in Ägypten mit dabei sein werden. Die USA und Tschechien mussten aufgrund von mehreren teaminternen Coronfällen absagen. Weil die Schweiz als zweite Nachrückernation auf der Liste stand, war sie in Alarmbereitschaft. Und kommt nun zum Handkuss. Unverhofft.

Ab zum Coronatest und in die Bubble nach Schaffhausen

Marvin Lier.

Marvin Lier.

Sandra Ardizzone

Mit dabei sind auch zwei Aargauer. Einer von ihnen ist der in Ehrendingen aufgewachsene Marvin Lier, Flügelspieler bei Pfadi Winterthur. Er gehört zu den Leistungsträgern im Nati-Dress und spielte schon im vergangenen Jahr bei der EM in Schweden eine wichtige Rolle.

Er habe eine turbulente Nacht hinter sich, sagt er am Telefon. Dass er für diesen Anruf noch Zeit gefunden hat, ist alles andere als selbstverständlich, denn: Kurz darauf stand der Coronatest an. Ist der Test negativ, macht sich Lier auf nach Schaffhausen, in die sogenannte «Bubble».

Wann geht eigentlich der Flug? Das weiss aktuell noch niemand

Die Vorfreude muss riesig sein – die Schweiz nimmt zum ersten Mal seit 26 Jahren an einer Weltmeisterschaft teil. Oder etwa nicht? Lier ist verhalten und sagt:

Es ist im Moment noch sehr schwierig zu fassen. Ich werde mich aber sicher zu freuen beginnen, wenn wir im Flugzeug sitzen.

Wann dieser Flug geht, weiss Lier, der in seinen 67 bisherigen Länderspielen 161 Tore geworfen hat, zum Zeitpunkt des Telefonats am frühen Morgen übrigens noch nicht.

Ist alles eingepackt?

Ebenfalls an der WM mit dabei ist Arak Kin, der Teammanager des TV Endingen. Er ist neu im Kreise der Nationalmannschaft dabei und übernimmt die Aufgabe des Teambetreuers. Als die AZ ihn erreicht, ist der 39-Jährige bereits in Schaffhausen in der BBC-Arena eingetroffen. Den Coronatest hat er zu diesem Zeitpunkt ebenfalls absolviert und hofft selbstredend auf ein negatives Ergebnis.

Ob er an alles gedacht hat und nichts vergessen hat, einzupacken? Er weiss es nicht, sagt Kin. Er habe wenig geschlafen.

Arak Kin (links) darf ebenfalls an die WM fahren. TVE-Trainer Zoltan Majeri (rechts) hat damit kein Problem.

Arak Kin (links) darf ebenfalls an die WM fahren. TVE-Trainer Zoltan Majeri (rechts) hat damit kein Problem.

Alexander Wagner

Kin ist auch beim TV Endingen Teambetreuer und erst seit November bei der Nationalmannschaft dabei. Eingefädelt hat die ganze Sache Ariane Pejkovic, die Frau von TVE-Kreisläufer Leonard Pejkovic. Sie arbeitet beim Schweizerischen Handballverband und deshalb wurde Arak Kin angefragt, ob er sich den Job als Teambetreuer vorstellen könnte. Er sagte zu, war im Dezember beim Lehrgang in Tenero dabei und fliegt nun womöglich schon bald an seine erste WM mit der Nati.

Dankbar für die Chance

Arak Kin darf auf viel Goodwill seines Vorgesetzten zählen.

Arak Kin darf auf viel Goodwill seines Vorgesetzten zählen.

zvg

Seine Vorfreude ist riesig, auch wenn er sich noch ein bisschen in die neue Situation schicken muss, gesteht Kin. Er sagt, es stehe für ihn noch sehr viel Organisatorisches an, vor allem auch geschäftlich. Am Dienstagabend wird er gefragt, ob er Zeit hat, an die WM mitzureisen. Kin informiert seinen Chef – und dieser lenkt sofort ein. Dennoch wird der Teambetreuer, der als Senior Service Manager für die Firma Arcplace AG in Zürich arbeitet, nicht darum herumkommen, auch in Ägypten geschäftliche Angelegenheiten erledigen zu müssen. Arak Kin ist seinem Vorgesetzen sehr dankbar, dass er ihm dieses WM-Abenteuer ermöglicht hat. Das gleiche gilt für TVE-Trainer Zoltan Majeri, der sofort die Freigabe für den Teammanager erteilt hat. Deshalb sagt Arak Kin:

Das ist natürlich eine einmalige Chance für mich und ich freue mich extrem auf dieses Abenteuer.

Kin ist in der Aargauer Handballszene ein bekanntes Gesicht. Der in Nussbaumen aufgewachsene armenisch-schweizerische Doppelbürger ist seit 30 Jahren Miglied des SC Siggenthal, mit dem er 2011 in die Nationalliga B aufgestiegen ist. Mit dem TV Endingen schaffte er es 2017 als erster NLB-Vertreter in den Schweizer Cupfinal. Nun freut er sich, dass er die Schweizer Farben in Ägypten vertreten darf, er sei mächtig stolz.

Reise und erstes Spiel am selben Tag?

Grosse Freude bei Leo Grazioli über das Aufgebot.

Grosse Freude bei Leo Grazioli über das Aufgebot.

Alexander Wagner

Ebenfalls im Schweizer Aufgebot steht Leonard Grazioli. Der junge Torhüter, der hinter den beiden Gesetzten Nikola Portner und Aurel Bringolf stehen wird, ist zwar kein Aargauer, spielt aber für den HSC Suhr Aarau. Nach einer Verletzung an der Hand scheint er nun wieder fit genug, um die Reise an das WM-Turnier mitzumachen. Ob er denn auch im Einsatz stehen wird, ist aktuell – wie auch viel anderes – noch völlig offen. Dennoch sagt Grazioli:

Zu 100 Prozent fit bin ich erst seit kurzer Zeit wieder. Intensiv trainiert habe ich aber schon länger. Es freut mich natürlich ungemein, dass ich nach einer solchen Pause direkt dabei sein darf. Das bedeutet mir unglaublich viel.

Aktuell befindet sich ein grosser Teil der Schweizer Nationalmannschaft bereits in Schaffhausen in der «Bubble». Wann der Flug nach Ägypten geht, war vor dem Mittag noch nicht klar. Womöglich wird es sogar Donnerstag, bis die Schweizer fliegen können – nur schon, weil die Ergebnisse der PCR-Tests noch ausstehend sind. Und am Donnerstagabend steht – Änderungen nicht ausgeschlossen – bereits das erste WM-Spiel auf dem Plan. Gegner ist Österreich.