Mit ihren 1,85 Metern ist Kristina Santiago auf dem Spielfeld nicht zu übersehen. Die 27-jährige Amerikanerin fällt aber nicht nur wegen ihrer Körpergrösse auf. Sie ist auch gut zu hören. Lautstark fordert sie die Bälle, gibt ihren Mitspielerinnen Anweisungen und motiviert diese.

Mit ihrer Präsenz und ihrer physischen Spielweise bringt sie ein neues Element ins Aarauer Spiel: die Härte. Etwas, das die jungen Aarauerinnen gut gebrauchen können – insbesondere in den bevorstehenden Playoffs.

Bei den Männern abgeschaut

Die körperbetonte und aggressive Spielweise von Kristina Santiago kommt nicht von ungefähr. Als kleines Mädchen wollte sie unbedingt ihrem älteren Bruder nacheifern. «Er war mein grosses Vorbild. Als er Basketball gespielt hat, wollte ich auch Basketball spielen», erinnert sie sich. So verbrachte sie viele Stunden in der Halle und beobachtete ihren Bruder und seine Teamkollegen beim Training, das jeweils ihr Vater geleitet hat.

«Ich habe mir viel von den Jungs abgeschaut. Wie sie sich bewegen und wie sie werfen. Hin und wieder durfte ich dann auch mal mittrainieren. Davon habe ich enorm viel profitieren können und das ist auch der Grund, weshalb ich heute so aggressiv spiele», ist sie überzeugt.

Zehn Kilo Muskelmasse zugelegt

Als Jugendliche gehörte Kristina Santiago, die im kalifornischen Santa Maria aufgewachsen ist, schnell zu den besten Spielerinnen der Region. Erst am College wurde sie richtig gefordert. «Vorher war ich ein grosser Fisch in einem kleinen Teich. Am College war ich dann plötzlich einer von ganz vielen kleinen Fischen in einem grossen Teich. Ich musste extrem hart arbeiten, damit ich meinen Traum vom Profidasein verwirklichen konnte», sagt sie.

In ihrem ersten Collegejahr absolvierte sie vor allem viele Extraschichten im Kraftraum. Fast zehn Kilogramm Muskelmasse legte sie in dieser Zeit zu. «Das war auch bitter nötig, denn ich war ein sehr dünnes Mädchen», sagt sie lachend.

Das Knie macht nicht mit

Die harte Arbeit hat sich ausbezahlt. Bald gehörte sie zu den besten College-Spielerinnen des Landes und tauchte auf dem Radar der Scouts der amerikanischen Frauen-Profiliga WNBA auf. Doch ausgerechnet in dieser entscheidenden Phase ihrer Karriere verletzte sie sich am Knie und fiel ein Jahr aus.

Obwohl sie bei ihrem Comeback überzeugte, erhielt sie keinen Vertrag in der WNBA. «Die Teams hatten Angst, dass ich mich wieder verletzen würde», so Santiago, die nach ihrem Collegeabschluss verschiedene Angebote aus Europa erhielt.

Drei Jahre lang spielte sie daraufhin in Bulgarien und gewann drei Meistertitel, ehe sie zum Schweizer Spitzenteam Fribourg wechselte. Ihr Gastspiel in der Westschweiz war jedoch nur von kurzer Dauer. Bereits nach wenigen Spielen verletzte sich Kristina Santiago erneut am Knie, musste sich operieren lassen und fiel zehn Monate aus.

Mutter-Rolle in Aarau

Aufgrund dieser Verletzung verpasste sie auch den Saisonstart mit Fribourg, das sich daher die Dienste einer anderen Ausländerin sicherte. So stiess Kristina Santiago im Herbst mitten in der Saison zum Team der Alten Kanti Aarau, das nach dem Rücktritt von Captain Karen Twehues am Ende der letzten Saison eine neue Leaderfigur gesucht hatte.

Eine Position, die perfekt zu Kristina Santiago passt. «Aarau hat ein sehr junges Team. Ich sehe mich daher in einer Art <Mutter-Rolle> und versuche, meine Erfahrungen weiterzugeben», so die Profispielerin, die in der Aarauer Telli wohnt.

Mit Härte zur Überraschung

Ihre Erfahrung und vor allem ihre physische Präsenz können die Aarauerinnen im Playoff-Halbfinalduell gegen Titelverteidiger Hélios gut gebrauchen. Die Alte Kanti, die in der Vorrunde mit Rang drei überzeugt hat, will in der Neuauflage der Halbfinalpaarung aus dem Vorjahr besser abschneiden und den Walliserinnen ein Bein stellen.

«Natürlich ist Hélios der grosse Favorit, aber wenn wir hart spielen und von Anfang an dagegenhalten, haben wir eine Chance», glaubt die Aarauer Topskorerin. Eine Herausforderung, die perfekt auf die Fähigkeiten von Kristina Santiago zugeschnitten ist.