Der Genfer Dauerregen kann der guten Laune von Alain Geiger nichts anhaben. Die Vorfreude auf das grosse Spiel ist enorm. Mit einem Sieg über Lausanne-Sport kann der Servette FC heute Abend nach sechsjähriger Abwesenheit die Rückkehr in die Super League klarmachen. «Wir rechnen mit 15 000 Zuschauern», sagt Geiger. «In der Stadt ist wieder Leidenschaft und Herzblut für Servette zu spüren.» Er selber hat in den 80er-Jahren während fünf Saisons für die Grenats gespielt und ist mit diesen Meister und Cupsieger geworden.

Mitte der Woche sitzt der 58-Jährige gleich neben dem Stade de Genève in einer Pizzeria beim Mittagessen. Er nimmt sich viel Zeit, um über Servette, seine spezielle Trainerkarriere mit zahlreichen Stationen in Nordafrika und über den FC Aarau zu sprechen. Dieser liegt ihm seit den beiden Engagements in den Nullerjahren noch immer sehr am Herzen. Es tut ihm heute noch leid, dass er kurz vor Weihnachten 2003 den Avancen von GC erlegen war, nachdem er die Aarauer in der Vorrunde auf Rang vier geführt hatte.

Kein Päckli

«Mein Abgang war ein grosser Fehler. Ich hätte geduldiger sein müssen», räumt Geiger ein. Seine zweite Tätigkeit in Aarau im Frühjahr 2006 war dann nicht mehr so erfolgreich. Kurz vor Saisonschluss hatte er seinen Trainerstuhl entnervt Urs Schönenberger überlassen, der den Ligaerhalt perfekt machte. «Daran kann ich mich nicht mehr erinnern», sagt Geiger augenzwinkernd. «Als ich später dann keinen Job hatte, hoffte ich dennoch sehr, ich könne ein drittes Mal Trainer in Aarau werden.» Doch ein entsprechendes SMS an den Verein sei unbeantwortet geblieben.

Der 112-fache frühere Nationalspieler ist beim Erzählen so richtig in Fahrt gekommen, bemerkt aber plötzlich mit Schrecken, dass er sich sputen muss, will er nicht zu spät zum Termin mit Didier Fischer kommen. «Ein Trainer sollte den Präsidenten nie warten lassen», schmunzelt der Walliser. Bevor er sich endgültig verabschiedet, wiederholt er jenen Satz, den er vor einer Stunde schon einmal gesprochen hat:

«Kein Aarauer muss befürchten, in der Westschweiz werde zwischen Servette und Lausanne ein Päckli geschnürt. Dafür ist die Rivalität zwischen den beiden Klubs viel zu gross.» Will heissen: Geiger und sein Team werden heute Abend alles daransetzen, das Léman-Derby für sich zu entscheiden. Es gäbe doch nichts Süsseres, als ausgerechnet vor den Augen der Waadtländer Konkurrenz die Promotion zu bejubeln!

Grosse Erwartungshaltung

Ein Festprogramm für den Fall der Fälle ist aber nicht vorgesehen. Der vier Runden vor Saisonschluss mit elf Punkten vor Lausanne und dreizehn Zählern vor Aarau führende Leader will demütig bleiben. Geiger sagt, für eine Aufstiegsfeier bliebe ja später noch etwas Zeit. Und der Trainer weiss natürlich auch, dass die Erwartungshaltung in Genf inzwischen so gross geworden ist, dass niemand sagen kann, wie sein Team nun gegen Lausanne damit umgehen wird.

«Es kann sein, dass wir 3:0 gewinnen, aber auch eine 0:2-Niederlage ist möglich.» Letzteres wäre aus Sicht des FC Aarau unerfreulich. Dieser hofft nämlich auf einen Ausrutscher des Tabellenzweiten, um am Samstag mit einem Sieg in Schaffhausen auf den Barrageplatz vorzustossen.

Natürlich ist Geiger prädestiniert für einen smarten Vergleich zwischen den Barrage-Kandidaten Aarau und Lausanne. «Vielleicht hat Lausanne individuell etwas mehr Klasse, aber Aarau ist mit Sicherheit im Kollektiv stärker und die reifere Mannschaft», sagt Geiger. Er denkt, seine Mannschaft habe im vergangenen Juli beim 2:0-Startsieg im Brügglifeld viel Glück gehabt.

Geiger wollte Tasar schon im Winter

Dass diese Niederlage die Aarauer aber derart verunsichern würde, dass gleich auch noch die nächsten fünf Spiele verloren gingen, habe ihn schon überrascht. «Überall sonst wäre der Trainer entlassen worden», sagt Geiger, «aber Patrick Rahmen zog in der Krise die richtigen Schlüsse, und der Transfer von Maierhofer war Gold wert». Überhaupt hat Geiger aus der Ferne konstatiert, dass in Aarau wieder bedeutend ambitionierter gearbeitet wird. «Wir wollten Varol Tasar bereits im Winter nach Genf holen», sagt Geiger, «dass Aarau ihn erst im Sommer ziehen lässt, war ein starkes Signal. Genau wie die Verpflichtung von Topspieler Neumayr.»

Dem Servette-Trainer ist vor zwei Wochen in der Heimpartie gegen Aarau aufgefallen, dass kaum ein Spieler der Gäste auf derselben Position auflief wie noch bei der Saisonpremiere. Geiger sagt: «Vielleicht haben die Aarauer ihre Krise gebraucht, um sich zu diesem starken Team zu entwickeln, das es heute ist.»