«Surreal», stammelt der Aarau-Fan auf der Toilette. Er hätte auch sensationell, gigantisch, kolossal benutzen, die Neuenburger Maladière mit einer Kiste voller Superlative fluten können. Item: Surreal trifft es ziemlich gut.

Neben Sion-Präsident Christian Constantin gab es nicht viele, die den FC Aarau in der Barrage gegen Xamax als absolut chancenlos einstuften. Aber ein 4:0 auswärts? Nein, unvorstellbar. Ein Unentschieden vielleicht, wenn es richtig gut läuft. Schliesslich waren die Vorzeichen nicht die allerbesten. Mit den gesperrten Schindelholz, Jäckle und Schneuwly sowie dem verletzten Neumayr fielen vier ausgebuffte, für solch kapitale Partien ausgesprochen wichtige Stammspieler aus.

Aber haben wir Trainer Patrick Rahmen im Vorfeld je darüber hadern gehört? Nein. Er hat die Situation angenommen, wie sie ist. Und damit der Mannschaft Mut, Zuversicht und den Glauben in die eigenen Stärken vermittelt.

Die Ergänzungsspieler überzeugen

Bester Beleg dafür, wie exzellent Rahmen das Ganze moderiert, sind die Darbietungen der Hinterbänkler. Also jener. die man als Ergänzungsspieler betitelt. Gezim Pepsi beispielsweise. Erst 20 zwar, aber mit viel Talent und Selbstbewusstsein aus Basel gekommen. In Aarau aber musste er konstatieren: Fussball bedeutet auch für Hochbegabte harte Arbeit.

Und er musste lernen – wahrscheinlich das erste Mal in seiner Karriere – hinten anzustehen. Im Barrage-Hinspiel bekam er die Chance. Und wie man ihn beobachtete, glitt man in die Surrealität ab, in dem man für kurze Augenblick glaubte, Granit Xhaka würde beim FC Aarau kicken.  

Oder Norman Peyretti. Trainingsweltmeister ist das wenig schmeichelhafte Attribut, das am Franzosen hängt wie Kaugummi am Schuh. Sprinten, schiessen, dribbeln, tricksen - Peyretti beherrscht sein Metier. Aber halt meist nur, wenn es um nichts geht. Wer Peyretti in Neuenburg sah, denkt sich: Blockade, fehlendes Selbstvertrauen? Ein Mythos. Wie er den Ball forderte, wie er den Ball hielt, wie er dribbelte, wie er rackerte – grosse Klasse für einen, der von vielen schon abgeschrieben wurde.

Gross, dieser Maierhofer

Homogenität und Schlauheit, das sind wohl die grössten Qualitäten, die in diesem Aarauer Kader stecken. Bester Beleg dafür ist der Treffer zum 1:0. Linus Obexer tankt sich links durch. Varol Tasar, mit 1,74 m zwangsläufig ein Kopfball-Kuscheltier, ist sich trotz der aussichtslosen Situation nicht zu schade, Richtung ersten Pfosten zu sprinten. So zieht er die Xamax-Hünen mit sich. Und der ausgefuchste Stefan Maierhofer nickt souverän zum 1:0 ein.

Dieser Maierhofer allein ist ein Ereignis sondergleichen. Wie er Minuten vor Anpfiff die Fans animiert, wie er unentwegt Löcher stopft, Passwege zustellt, hinten aushilft, provoziert, giftelt, aufmuntert, dirigiert – ein echter Typ. Ein Phänomen. Ein Leader, der Halt und Orientierung gibt. Dabei wird Maierhofer im August 37. Irgendwie surreal. Andere Fussballer sind in diesem Alter längst mit dem Sofa verschmolzen.

«Logik in Form unseres Matchplans»

Oder Varol Tasar. Nicht nur seiner beiden Treffer wegen der herausragende Offensivakteur. Die Neuenburger versuchten zwar, den feingliedrigen, quirligen Tasar mit Härte zu brechen. Oder ihm zumindest die Lust zu nehmen. Doch der Tasar liess sich schlicht nicht bremsen.
Trainer Rahmen räumt ein, dass «vieles für uns gelaufen ist». Damit spricht er auch die rote Karte gegen Raphaël Nuzzolo (52.) an. Der Xamax-Topskorer soll Schiedsrichter Klossner angespuckt haben. «Ich kann nicht akzeptieren, dass ich für etwas bestraft werde, was ich nicht getan habe», sagte Nuzzolo.

Zurück zu Rahmen: «Das 4:0 gründet nicht auf Glück, sondern da steckt Logik in Form unseres Matchplans dahinter.» Sein Antipode Stéphane Henchoz, der nächste Saison in Sion Trainer ist, resümierte: «Nach dem 0:1 hat bei uns überhaupt nichts mehr funktioniert. Das zeigt, dass die Spieler mit dem Kopf nicht bei der Sache waren, weil viele wegen auslaufender Verträge vor einer ungewissen Zukunft stehen. Trotzdem müssen die Barrage noch anständig über die Bühne bringen.»

Apropos anständig: Aaraus überragender Abwehrstratege Nicolas Bürgy sagte: «Wir müssen am Boden und demütig bleiben.» Es gibt ja noch ein Rückspiel. Am Sonntag, im Brügglifeld. Nicht das wir das bei aller Irrealität – in dieser Saison war auch mal von Abstiegskampf die Rede – vergessen.

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