Immer besser, immer stärker, immer mehr. Die Karriere von Elena Quirici entwickelte sich in den letzten Jahren äusserst erfolgreich, aber nicht in jeder Beziehung gesund. Die 20-Jährige wollte im letzten Jahr die Abschlussprüfung im Sport-KV und eine erneute Trainingssteigerung im Karate wie selbstverständlich unter einen Hut bringen.

Bis sie merkte, dass sich wirklich alles nur noch um den so heiss geliebten Sport drehte, dass sie kaum mehr zur Ruhe kam. «Ich war nur noch am Leisten. Eine Zeit lang geht das gut, aber dann explodiert das System», sagt Quirici. Sie riskierte damit, die Lockerheit und den Spass zu verlieren. Jene zwei Fähigkeiten, auf welche die zweifache Nachwuchs-Europameisterin aus Schinznach-Dorf unbedingt zählt, wenn es um internationale Medaillen geht. «Wenn ich an einem Wettkampf locker bin und Spass habe, dann läuft es mir.»

«Die Krankheit hat mir geholfen»

Genau genommen war es ihr Körper, der sich zuerst gegen das Mammutprogramm auflehnte. In Form einer Krankheit. Das Pfeiffersche Drüsenfieber setzte Elena Quiricis Immunsystem für mehrere Monate ausser Gefecht und rief bei ihr in Erinnerung, dass erst eine gesunde Balance für sportliche Erfolge sorgen kann. «Die Krankheit war eine Retourkutsche. Und so seltsam es tönen mag: sie hat mir geholfen. Ich bin durch sie viel lockerer geworden.» Die 20-Jährige nimmt sich nun bewusst mehr Zeit für sich selber. Wenn es allerdings ums Trainieren geht, dann muss man die aufgeweckte junge Frau noch immer bremsen und nicht antreiben.

Für Elena Quirici ist es durch die verpassten Trainingswochen zwar schwieriger geworden, konkrete Ziele für ihren WM-Einsatz am Mittwoch in Bremen zu definieren. Trotzdem ist sie im 13-köpfigen Schweizer Team die Medaillenhoffnung. Denn für sie spricht die Statistik. In den letzten Jahren kam die Aargauerin praktisch von allen internationalen Grossanlässen mit Edelmetall nach Hause – auch vor zwei Jahren beim WM-Debüt in der Elite. In Paris gab es sensationell Bronze. Seither gilt die KV-Angestellte, die seit dem Sommer Teilzeit in einer Physiotherapie-Praxis arbeitet, als die Schweizer Karate-Queen. Als das Aushängeschild der Sportart.

Körperkontrolle anstatt Wucht

Eine Sportart, die so anders ist als andere Kampfsportarten. Wenn es im Karate eine blutige Nase gibt, dann erfolgt eine Disqualifikation – für den Angreifer. Bewertet wird die Qualität der Kicks und Schläge, nicht deren Härte. Die Kunst besteht darin, rechtzeitig vor dem Körperkontakt abzubremsen. Der Gegner wird letztlich eher gestreichelt denn geschlagen. Elena Quirici beherrscht die Kunst perfekt, im entscheidenden Moment durch Selbstdisziplin sowie Körperkontrolle und nicht mit Wucht oder Wut zu glänzen.

Die Frohnatur ist zweifellos eine starke Frau. «Ich fühle mich vor allem stark im Kopf», sagt sie selber. Und was zeichnet die 20-Jährige sonst noch aus? Ihre Mutter Brigitte, einst selber Mitglied der Nationalmannschaft, sagt: «Beharrlichkeit, eine grosse Leistungsbereitschaft ... und Humor.» Also dann: Viel Spass in Bremen.