Kommen wir gleich zum Wichtigsten. Zur Frage, die wohl alle Fans des FC Aarau beschäftigt: Wann sehen wir wieder den Igor von früher? Den Igor, der à la Anita Weyermann («Gring ache u seckle») die rechte Flanke rauf und runter rennt, als gebe es kein Morgen? Den Igor, der mit seinen Energieanfällen Tor um Tor vorbereitet, dessen Flanken aber gerne auch mal im Stadtbach landen? Den Igor, der für einen Verteidiger überdurchschnittlich viele Tore erzielt, diese so schön feiert wie kein Zweiter und der einst sogar eine eigene Tormusik dafür erhielt? Den Igor, der wie damals gegen Basel auf spektakuläre Art und Weise Tore verhindert und so weltweit Schlagzeilen macht? Wann sehen wir diesen Igor wieder? Sehen wir ihn überhaupt wieder?

Antwort: «Ja, natürlich! Warum denn nicht? Ich bin doch erst 30.»

Wir treffen Igor Nganga in der Aarauer Altstadt zum Mittagessen. Er bestellt Krevetten-Salat mit Avocado und eine Cola. Das Cap liegt genauso schräg auf dem Kopf wie immer, die Schuhe sind flippig wie eh und je. «Aber im Kopf», sagt Nganga und klopft mit dem Zeigefinger an die Schläfe, «im Kopf bin ich ruhiger geworden.» Und vor allem - das merkt man während des Gesprächs - nachdenklicher. Er lebt nicht mehr wie früher nur für den Moment. Er denkt nicht nur an sich. Nganga erzählt von den Sorgen, die er sich um den FC Aarau mache.

Nganga: «Ich bin ruhiger geworden.»

Nganga: «Ich bin ruhiger geworden.»

Von der Hoffnung, dass sich nun, wo das Kader komplett sei, ein Teamgeist entwickle wie früher unter René Weiler, als Nganga und seine Mitspieler schon vor dem Anpfiff wussten und dies die Gegenspieler spüren liessen: Heute gibt es nur einen Sieger – den FC Aarau. Er sinniert über das Leben nach der Profikarriere und darüber, dass es nun Zeit sei, in der Region Aarau ein Haus für sich und die Familie zu kaufen.

Nicht in Aarau selber – «zu teuer und zu geringe Auswahl.» Lieber im Speckgürtel, Buchs oder Suhr, vielleicht auch Gränichen. «Ich habe ein paar Leute, die wissen, was ich brauche. Genügend Zimmer für mich, meine Frau Sofia und unsere drei Töchter Anaia, Kelaia und Jahdiel. Und das Wichtigste: Der Garten muss gross sein. Sehr gross. Was ist ein Haus wert ohne grossen und schönen Garten? Ich muss doch grillieren können und alle Gäste müssen Platz haben. Nur wenn der Garten stimmt, schaue ich mir das Haus überhaupt an.»

Sorgenfalten auf der Stirn

Da ist er für einen kurzen Moment, der Igor, aus dem die Sätze nur so sprudeln. Kein Gegensatz zum Igor, den man seit seiner Rückkehr aus Wil auf dem Platz sieht. Nach dem halbjährigen, vor allem finanziell motivierten Abstecher in die Ostschweiz landete Nganga nach dem Ausstieg der türkischen Investoren im Februar 2017 schneller als erwartet wieder im Brügglifeld.

Doch die Vorfreude der Fans und von Nganga, dass die Liebesbeziehung von früher schnell wieder auflebt, wich rasch dem Frust. Dem Frust über den sportlichen Sinkflug des FC Aarau. Und dem Frust, dass auf dem Spielfeld Ngangas Funke nicht zünden wollte. In Zahlen: Seit der Rückkehr hat er weder ein Tor erzielt noch eines vorbereitet. Er, der in Aarau vor allem wegen seines Offensivdrangs zum Publikumsliebling wurde und sich mit seinen Skorerwerten einen Namen machte.

Igor Nganga machte sich in Aarau einen Namen

Igor Nganga machte sich in Aarau einen Namen

Dafür gibt es die Gründe. Einerseits die offensichtlichen: Nganga spielte in der Rückrunde als Innen- statt als rechter Aussenverteidiger, schaltete sich entsprechend kaum ins Offensivspiel ein. Und Nganga verpasste im Sommer die komplette Vorbereitung auf die neue Saison wegen eines Aussenbandrisses im Knie, zugezogen im zweiten Training unter Neo-Trainer Marinko Jurendic.

Aber da ist doch noch mehr. Warum die Sorgenfalten auf Ngangas Stirn? Warum wiederholt er auffällig oft den Satz «Ich wünsche mir so sehr, dass wir mit dem FC Aarau wieder Erfolge haben»? Glaubt er nicht wirklich an die Wende zum Guten?

«Aarau hat mir sehr gefehlt», sagt Igor Nganga nach Bekanntgabe seiner Rückkehr.

(Februar 2017)

Eine Frage des Vertrauens

«Sehen Sie», sagt Nganga, «ich bin ein Spieler, der Vertrauen braucht. Merke ich, dass ich wichtig bin, dann gehe ich für den Trainer durchs Feuer.» Er zählt auf: «René Weiler hat mich nach Aarau geholt, ihm verdanke ich, wer ich bin. Sven Christ war wie ein Freund, Raimondo Ponte wie ein Papa. Das engste Verhältnis hatte ich mit Marco Schällibaum. Dass er nicht mehr in Aarau ist, bedaure ich aus persönlicher Sicht.» Auf Schällibaum ist Marinko Jurendic gefolgt. Wie ist Ngangas Verhältnis zu ihm? «Ich war vier Monate verletzt, so lange wie noch nie in meiner Karriere. Ich arbeite erst seit ein paar Wochen tagtäglich mit dem neuen Trainer. Wir müssen uns noch besser kennenlernen.»

Marinko Jurendic und Igor Nganga müssen sich erst noch besser kennenlernen

Marinko Jurendic und Igor Nganga müssen sich erst noch besser kennenlernen

Da ist noch was, das spürt man. Aber Nganga will – oder darf – es nicht sagen. Ist es die Enttäuschung darüber, dass er unter Jurendic nicht mehr Vizecaptain und somit auch von Amtes wegen ein wichtiger Spieler ist?

Gegen mangelndes Vertrauen von Jurendic spricht: Schon wenige Tage nach der Rückkehr ins Mannschaftstraining steht Nganga am 20. September in Chiasso (0:1) in der Startformation. Auf seiner Lieblingsposition rechts hinten. Und beim Heimsieg gegen Xamax deutet Nganga an, dass die Erinnerung an den Igor von früher keine solche bleiben muss, sondern dass sie schon bald wieder Realität werden kann.