Am 10. November reist Alfred Schmid mit seiner Familie nach Dubai. Der Präsident des FC Aarau gönnt sich im Ferienparadies in den Arabischen Emiraten im Kreis seiner Liebsten neun unbeschwerte Tage. Nach arbeitsintensiven Monaten mit unzähligen Sitzungen will Schmid kurzzeitig auf andere Gedanken kommen. Der 63-Jährige möchte abschalten, dem süssen Nichtstun frönen, die Seele baumeln lassen, ja einfach mal das Leben geniessen.

Bis zum Tag der Abreise sind es allerdings noch zweieinhalb Wochen. Während dieser Zeit kann viel passieren. Gut möglich, dass Schmid als FCA-Präsident gefordert ist. Mehr, als ihm lieb ist: Sollten die Aarauer nach dem miserablen Saisonstart mit nur vier Punkten aus elf Partien auch gegen Wil und Chiasso nicht punkten, kommt es ziemlich sicher zum Trainerwechsel. Das Kellerduell in Chiasso am 4. November hat für Patrick Rahmen wegweisenden Charakter. Jetzt heisst es siegen oder fliegen!

Verliert der FC Aarau im Stadion Riva IV gegen die Südtessiner, sind Schmid und seine Verwaltungsratskollegen gefordert. Sie müssen Farbe bekennen. Natürlich ist die sportliche Talfahrt in erster Linie auf die ungenügenden Leistungen der Spieler zurückzuführen.

Aber es gilt als ungeschriebenes Gesetz, dass im Profifussball in schlechten Zeiten der Trainer das schwächste Glied in der Kette ist. Momentan spricht nicht viel für Rahmen. Er bringt das Team einfach nicht auf Touren und macht je länger, je mehr einen ratlosen Eindruck. Nach dem kurzfristigen Hoch mit dem 1:1 beim Aufstiegsfavoriten Lausanne und dem 3:1 gegen am Ende nur noch acht Schaffhauser Spieler ging die sportliche Talfahrt weiter.

An seinen Grenzen

Eine Entwicklung der Mannschaft ist beim besten Willen nicht auszumachen. Fortschritte gibt es keine. Im Gegenteil. Es ist ein Treten an Ort. Der Kampf gegen den Abstieg hat längst begonnen. Dass in dieser schwierigen Lage ein Grossteil der Sponsoren nach wie vor hinter dem Trainer steht, ist erstaunlich. So stärkten die Club-100-Mitglieder dem erfolglosen Trainer am vergangenen Freitag anlässlich eines Lunchs den Rücken.

Zurück zum Präsidenten: Wer in diesen Tagen ein persönliches Gespräch mit Schmid führt, hat kein gutes Gefühl. Mitleid kommt auf. Der Mann, der dem FC Aarau seit zwölf Jahren vorsteht, macht schwere Zeiten durch. Mehr noch. Schmid leidet. Der Grund: Der Klubverantwortliche ist in letzter Zeit mehr und mehr an Grenzen gestossen.

Ob im Aarauer Brügglifeld, an seinem Arbeitsort in Schönenwerd oder an seinem Wohnort in Gränichen: Immer und immer wieder wird er auf die Krise des Klubs angesprochen. Immer und immer wieder muss er dieselben Fragen beantworten. Das geht nicht spurlos an ihm vorbei. Es zehrt an seiner Substanz. Und es nagt an seiner Psyche.

Den Spielern die Leviten lesen

Vor dem Heimspiel im Brügglifeld am Freitag gegen den FC Wil zeigt sich Schmid allerdings nochmals von der kämpferischen Seite. Vor dem Duell Letzter gegen Erster kündigt er an, vor die Mannschaft zu treten und den Spielern ins Gewissen zu reden, ja ihnen mal so richtig die Leviten zu lesen.

«Ich werde den Spielern klar und deutlich sagen, dass es so nicht weitergehen kann», erklärt Schmid. «Mir fehlte es zuletzt an der nötigen Einstellung. An Herzblut und Leidenschaft! Ich verlange totalen Einsatz und Kampfeswillen. Und zwar von allen!»

Challenge League 2018/19, Runde 11, Servette - FC Aarau, Highlights

Die Highlights des Spiels des FC Aarau gegen Servette

  

Gut möglich, dass Schmid während seiner Brandrede darauf hinweist, dass sich die schlechten Resultate auch auf das geplante Stadion im Torfeld Süd auswirken. Die Niederlagenserie ist für viele Aarauer leider ein Grund, die neue Sportstätte infrage zu stellen.

Schmid gibt offen und ehrlich zu, dass es ihm nicht gut geht. «Ich fühle mich oft schlecht und habe sogar schlaflose Nächte», sagt er. Weil seine Gesundheit und das Wohl seiner Frau und seiner beiden Kinder an erster Stelle stehen, wird Schmid im Frühling des kommenden Jahres als Präsident zurücktreten. Definitiv! Ohne Wenn und Aber!

Die Suche nach einem neuen Mann an der Spitze läuft seit Monaten auf Hochtouren. «Ich bin überzeugt, dass der Verwaltungsrat einen neuen Präsidenten finden wird», erklärt Schmid. «Wir haben eine Liste mit Kandidaten. Mehr kann und will ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht verraten.»

Das Trostpflaster Finanzhaushalt

Mal schauen, was die Zukunft bringen wird. Sieben Monate vor seinem Rücktritt steht Schmid mit dem FC Aarau vor einem sportlichen Scherbenhaufen. Und nicht nur das: Auch das neue Stadion im Torfeld Süd ist alles andere als in Stein gemeisselt.

Ein Trostpflaster gibt es: Der Finanzhaushalt ist ausgeglichen. Nicht zuletzt dank Schmid. Der Präsident zahlt und zahlt und zahlt. Und das seit 2006. So richtig belohnt wurde er für sein finanzielles Engagement nur einmal: 2013 beim Wiederaufstieg in die Super League. Seither ist Schluss mit lustig.

Die unendliche Geschichte des Aarauer Stadions: