Vieles hat Bernhard Eggenschwiler schon erlebt in der «Nacht der Nächte». Da war die überraschende Premiere. 2014 lief der gebürtige «Schwarzbub» beim Bieler 100-km-Lauf auf Rang 3. Eine Sensation für den damals 29-Jährigen.

Es folgte die Steigerung: der Sieg im Folgejahr in der Topzeit von 7:02:43 Stunden. Verbunden war das grandiose Rennen mit dem Schweizer-Meister-Titel, Glücksgefühlen und einem neuen Selbstverständnis.

Und dann die drei schwierigen Austragungen: 2016, gesundheitlich angeschlagen mit Rang 8, 2017 die Aufgabe wegen Problemen mit der Verdauung, 2018 eine suboptimale Vorbereitung und das Durchbeissen– ohne Perspektive auf ein befriedigendes Resultat (15.).

«Ohne Krise geht es nicht»

Heute Freitag erfolgt Eggenschwilers sechster Anlauf im traditionsreichsten Schweizer Langstrecken-Rennen. «Ich bin sehr gespannt und spüre eine Riesenmotivation und Freude», sagt er. Wohin der Weg führt oder vielmehr welches Resultat möglich wird nach den gegen 100 000 Schritten, kann er nicht abschätzen.

«100 km sind lang, da kann viel passieren.» Eines aber ist er sich sicher: «Ohne Krise geht es nicht.» In diesen Momenten geht es darum, sich der neuen Situation zu stellen – um möglichst rasch wieder daraus heraus zu findet.

Und ebenfalls weiss Eggenschwiler aus Erfahrung: «Ein 100er ist sehr taktisch. Es ist entscheidend, dass ich meinen Rhythmus finde. Auf den ersten 50 km dürfen mich Konkurrenten nicht zu überschnellem Laufen verleiten.» Geduld verlangt er von sich: «Es bleibt genug Zeit zu zeigen, wofür ich trainiert habe.»

Distanzen verwischen

Das Ungewohnte der Nacht sorgt für eine weitere Komponente. «Darauf ist der Körper nur bedingt eingestellt», sagt Eggenschwiler anspielend auf den Tag-Nacht-Rhythmus. Hinzu kommt die Dunkelheit. «Sie ist faszinierend, aber auch gespenstisch», findet er.

Je länger das Rennen dauert, desto weiter zieht sich das Läuferfeld auseinander: «Die Stirnlampen der Widersacher und deren Begleiter sind schwer einzuordnen und einzuschätzen.» Anhaltspunkte über Abstände und Distanzen lassen sich nur schwer gewinnen. Und das Alleinunterwegssein ist anspruchsvoll, zumal das Hirn mitspielt und die Gedanken schwer zu steuern sind.

Eine wichtige Rolle kommt der Begleitperson auf dem Velo zu (ab km 21). «Wir sind ein Team, von dem der Erfolg abhängt», sagt Eggenschwiler. Seit dem vorletzten 100er übernimmt diese Funktion bei ihm ein Kollege. Um die richtige Route kümmert er sich, um die Sicherheit, die Verpflegung. Und wichtig: die mentale Unterstützung. «Das Vertrauen hat oberste Bedeutung», sagt Eggenschwiler «es muss persönlich stimmen».

Der Tanz im Grenzbereich

Er wünscht sich jemanden, der erfahren ist und Gelassenheit verkörpert. «Die Person soll mir das Gefühl vermitteln: Das packen wir!» In Krisen ist dieser Support besonders bedeutend, ebenso bei erschwerenden Witterungsbedingungen, etwa bei Regen oder Gewittern.

«Bei einer solchen Ausdauerprüfung bewegst du dich im Grenzbereich, da braucht es wenig, bis die Stimmung kippt», weiss er. Zielgerichtet vorbereitet hat sich Bernhard Eggenschwiler ab April.

Allerdings lassen sich die Trainingsdaten nicht mit jenen des Erfolgsjahres 2015 vergleichen. Rund 2700 Laufkilometer hatte er damals von Jahresbeginn bis zum Renntag zurückgelegt. Jetzt sind es rund 1000 km weniger, dafür noch 850 Velokilometer.

Balance finden

Erschwerend hinzu kam für den Wirtschaftsprüfer mit Vollzeitanstellung der Stellenwechsel Ende letztes Jahr. Das Pendeln nach Basel erfordert mehr Zeit. Prägender aber war die Einarbeitung in den neuen Job als Finanzchef.

Trotzdem trainiert er praktisch täglich. «Zwischen 20 und 23 Uhr, das ist meine Zeitfenster», sagt er. Mit Stirnlampe (und Musik im Ohr), das ist er sich also bereits gewohnt. Die Balance finden, gilt es nun auch im Rennmodus.

Bei seinem Sieg-Lauf um den Bielersee vor einigen Wochen ist ihm dies geglückt. Und jetzt, sein Rezept für die lange Nacht? «Durchbeissen, dranbleiben, Stück für Stück nehmen und nach vorne schauen, einfach mein Rennen laufen.» Die lange Nacht wird eine spannende Nacht.