Am Sonntagabend in Chiasso hängt für Miguel Peralta der Himmel voller Geigen: In der Schlussphase aus einem 1:2 ein 3:2 gemacht, zweiter Sieg in Folge mit dem FC Aarau und persönlich die Gewissheit, mit einer weiteren Leistungssteigerung den Stammplatz als Rechtsverteidiger zementiert zu haben.

Diese Szene in der Anfangsphase, das Kopfballduell und die Landung auf dem rechten Bein, ist auf der triumphalen Rückfahrt vom Tessin nach Aarau ganz weit weg.

Der Montagmorgen: Peralta wacht auf, das Knie ist über Nacht dick geschwollen, dazu hat er starke Schmerzen. Sofort fährt er zum Arzt. Bei dem läuten wegen Peraltas Vorgeschichte und den Symptomen die Alarmglocken. Der Verdacht geht rasch in Richtung Kreuzbandriss. Drei Tage lang laufen die detaillierten Untersuchungen, bis Peralta am Mittwochabend die endgültige Diagnose erhält. Sie ist ein Hammerschlag: Kreuzbandriss!

Nicht der erste, nicht der zweite, nicht der dritte, nicht der vierte grobe Schaden - nein: Am Sonntag hat sich Peralta zum fünften (!) Mal schwer am Knie verletzt. Drei Kreuzbandrisse im rechten Knie, je ein Meniskusschaden im rechten und linken Knie. Und das im zarten Alter von 22 Jahren!

Miguel Peralta

Miguel Peralta

Peralta und der Fussball - zwei, die sich anziehen. Nach der dritten schweren Verletzung sagte er: «Fussball ist mein Leben, seit ich Kind bin, liebe ich den Ball am Fuss.» Peralta und der Fussball - zwei, die sich aber immer wieder abstossen. Was für ein Drama um das FCA-Eigengewächs!

2014 reisst im rechten Knie erstmals das Kreuzband, kurz nach der Unterschrift unter den ersten Profivertrag beim FC Aarau. Im Januar 2015, kurz nach der Genesung, erwischt es Peralta im Trainingslager in der Türkei: Meniskusschaden im rechten Knie. Erneut kämpft sich das Talent zurück und zeigt von Januar bis September 2016, was in ihm steckt: Speed, Dynamik und Torgefährlichkeit. Peralta ist der geborene, moderne Rechtsverteidiger und erinnert an den jungen Tranquillo Barnetta. Experten und Wegbegleiter prophezeien Peralta in dieser Zeit eine Karriere wie die des 75-maligen Schweizer Nationalspielers und langjährigen Bundesligaprofis. Vorausgesetzt, er bleibt endlich gesund.

Doch höhere Mächte haben etwas dagegen. Im Herbst 2016 knickt Peralta im Training um – wieder Kreuzbandriss im rechten Knie. Wieder kämpft er sich zurück und gibt im Sommer 2017 sein Comeback. Wieder ist er sofort Stammspieler. Dann das Heimspiel gegen Schaffhausen: Peralta stolpert und das linke Knie verdreht. Meniskusriss, wieder Operation, wieder Rehatraining, wieder Spielpause.

Nach der dritten schweren Knieverletzung schaute der ebenfalls leidgeprüfte Davide Callà bei Miguel Peralta vorbei

Nach der dritten schweren Knieverletzung schaute der ebenfalls leidgeprüfte Davide Callà bei Miguel Peralta vorbei

Die vierte schwere Verletzung hinterlässt gröbere Spuren. Zwar kehrt er schon im Januar 2018 ins Teamtraining zurück und feiert rasch sein Pflichtspielcomeback, doch dann kommen die Rückschläge. Körperlich und mental. Wenn er Einsätze bekommt, spielt er weit unter seinen Möglichkeiten. Im Sommer läuft ihm rechts in der Abwehr der junge Raoul Giger den Rang ab, Peralta scheint abgehängt.

Doch als FCA-Trainer Patrick Rahmen im Oktober Giger wegen ungenügender Leistungen rausnimmt, gibt er Peralta die Chance auf dessen angestammter Position. Und Peralta nützt sie, Schritt für Schritt, jedes Spiel ist ein Schritt nach vorne.

Bis ihn am vergangenen Sonntag das Schicksal im Tessin erneut einholt. Erstaunlich: Dank guter Muskulatur und viel Adrenalin hielt er gegen Chiasso mit gerissenem Kreuzband bis zum Schlusspfiff durch. Erst nach der Partie spürt er Anzeichen, dass im Knie etwas nicht stimmt, tut dies aber als Reaktion auf die Belastung ab.

Ein Bild aus vergangenen Tagen, das sich gleicht: Miguel Peralta hat schon viele Knieverletzungen erlitten

  

Nach der Diagnose fliessen bei Peralta die Tränen. Nicht nur bei ihm: Auch bei seinen Freunden und langjährigen Wegbegleitern beim FC Aarau, die bei allen Verletzungen Peraltas dabei waren.

Sportchef Sandro Burki sagt: «Miguels Schicksal ist unglaublich traurig. Wir stehen hinter ihm und unterstützen ihn in allen Belangen. Er ist einer von uns.» Peraltas Vertrag beim FC Aarau läuft noch bis 2020, in den nächsten Wochen wird er sich operieren lassen.

Bislang hat Peralta nach jeder Verletzung schnell den Fokus auf das Comeback richten können. Wieder für den FC Aarau spielen – das ist auch nach der neusten Hiobsbotschaft der Plan. Ob die Rückkehr in den Profifussball erneut gelingt, das indes steht mehr denn je in den Sternen.