Statistisch ist es der schlechteste Saisonbeginn seit 13 Jahren: 2005 startete der FC Aarau ebenfalls mit zwei Niederlagen in die Saison (0:2 in Thun, 1:4 gegen St. Gallen). Aarau-Trainer anno dazumal: Andy Egli. Im Tor: Massimo Colomba. Das Sturmduo bildeten Rainer Bieli und Gaetano Giallanza. Und Kluburgestein Sandro Burki, mittlerweile Sportchef, stand noch nicht einmal in Aarau unter Vertrag. Gefühlte Steinzeit also.

Nun wieder: zwei Spiele, zwei Niederlagen, null Punkte. 0:2 gegen Servette. 1:3 in Winterthur. Und das mit dieser Mannschaft! Der vielleicht spielerisch talentiertesten seit ebendiesem Jahr 2005.

Challenge League 2018/19, 2. Runde, FC Winterthur - FC Aarau 3:1 Highlights

Die Highlights der Partie gegen Winterthur

  

993 Super-League-Spiele stecken in den Beinen der FCA-Ausgabe 2018/19, im Kader tummeln sich Namen wie Marco Schneuwly und Elsad Zverotic, die prägende Figuren der jüngeren Super-League-Geschichte waren. Dazu kommen die hochgehandelten Jungprofis Mickael Almeida, Linus Obexer, Varol Tasar und Raoul Giger, um die höherklassige Vereine den FC Aarau beneiden.

Am Talent wird es in dieser Saison nicht scheitern. Doch Talent ist in der zweithöchsten Spielklasse nur die halbe Miete. Die Namen der zwei Ligen sagen eigentlich alles: Die Super League ist die Plattform für Kabinettstückchen und Kombinationsfussball.

«Hier wird nichts geschenkt»

Die Challenge League, also die Liga der Herausforderung, ist genau das: eine Liga, in der Leidensfähigkeit sowie mentale und physische Aggressivität über Erfolg und Misserfolg entscheiden. Viele Spieler, die den Schritt von oben nach unten gehen, sagen: «In der Challenge League ist es viel härter, hier wird dir nichts geschenkt.»

Und genau das müssen die Spieler des FC Aarau verinnerlichen. Nur wenn sie punkto Aggressivität und Zweikampfverhalten mit dem Gegner auf Augenhöhe sind, ist die spielerische und technische Überlegenheit ein Vorteil.

Sonst geschieht das, was in den ersten zwei Spielen passiert ist: Aarau führt die feinere Klinge, doch der Gegner gewinnt die entscheidenden Zweikämpfe und nützt die wenigen Torchancen, die sich ihm bieten. Innenverteidiger Nicolas Schindelholz sagte es nach dem Spiel in Winterthur richtig: «Wir haben uns niederkämpfen lassen. Das darf einfach nicht sein.»

Im Wissen um ihre fussballerische Unterlegenheit setzten die Winterthurer auf eine harte Zweikampfführung. Stets an der Grenze des Erlaubten, manchmal auch darüber. Doch Schiedsrichter Luca Gut liess vieles durchgehen, das ein anderer Schiedsrichter abgepfiffen hätte.

Auch die Aarauer hätten hart spielen dürfen, aber das taten sie mit Ausnahme von Schindelholz nicht. Wie etwa der 1,93 Meter grosse und 86 Kilogramm schwere Giuseppe Leo in den Zweikämpfen ein ums andere Mal umfiel, statt mit seinem Körper dem Gegner auch mal wehzutun, war unbegreiflich.

Weitere Verstärkung nötig

Trainer Patrick Rahmen sagt mit knapp 48 Stunden Abstand zum Spiel: «Der Schiedsrichter war tolerant und wir haben uns nicht anpassen können. Das ärgert mich. Natürlich hatten wir wie gegen Servette das Glück nicht auf unserer Seite: Wenn einer der zwei Lattenschüsse ins statt ans Tor geht, geht das Spiel anders aus. Aber wir dürfen uns auf keinen Fall bemitleiden.»

Rahmen kündigt an, in den Trainings werde man nun an den «elementaren Schrauben drehen». Aber wie macht ein Trainer seine Spieler zu «Bösen»? «Wir haben schon Spieler, die böse sein können. Der Mannschaft muss bewusst sein, dass es in den nächsten Partien keinen Schönheitspreis zu gewinnen gibt, es geht nur um die Punkte.»

Stimmen zum Spiel FC Winterthur - FC Aarau

Die Spieler anders einzustellen, ist das Eine. Das Andere: Der FC Aarau kommt nicht drumherum, sich auf der Position vor der Abwehr personell verstärken. Mit einem «bösen» Spieler, der dem Gegner wehtut. Dieser Mangel existiert nicht erst seit diesem Sommer, sondern seit dem Abgang von Vorzeigekämpfer Artur Ionita im Jahr 2014.

Die Annahme, die fehlende Physis im Zentrum mit Systemanpassungen auffangen zu können, hat sich gegen Servette und Winterthur nicht bewahrheitet: Alle fünf Gegentore fielen aus der Zone, wo ein Abräumer stehen müsste, aber keiner stand. Bis Ende August haben Rahmen und Sportchef Sandro Burki Zeit, die Lücke zu füllen.

Bis zum nächsten Heimspiel gegen Kriens am Samstag dürfte dies noch nicht gelungen sein. Was nichts daran ändert: Gegen den Aufsteiger ist nur ein Sieg gut genug. Ein Punkt wie 2005 im dritten Spiel gegen YB ist zu wenig.