Die Uhr tickt. Tag für Tag, Woche für Woche. Noch sind sechs Monate Zeit. Sechs Monate, in denen der Adler entweder neuen Lebensmut tankt oder abstürzt.

Die Rede ist vom FC Aarau. Seit mehr als 20 Jahren wartet der Klub auf den Einzug in ein neues Stadion. Die 2007 unter dem Präsidium von Alfred Schmid angetretene Führungscrew klammert sich trotzig an die Hoffnung, irgendwann in die neue Heimstätte einzuziehen. Auf Kosten einer sportlichen und gesellschaftlichen Identität.

Die Folgen des vernachlässigten Tagesgeschäfts: Die Mannschaft stolpert seit dem Abgang von Trainer René Weiler 2014 von einer Krise in die nächste, Identifikationsfiguren fehlen im Verein, der FC Aarau spielt Gähn-Fussball, viele Personalien stellen sich als die falsche Wahl heraus und das Publikum wendet sich ab.

Der Aarauer Piepmatz

Das ewige Warten auf das Stadion hat aus dem einst stolzen Adler einen Piepmatz gemacht. No-Names wie Chiasso, Wil oder Rapperswil-Jona haben die Ehrfurcht vor Spielen im Brügglifeld längst verloren. Einst hat sich der FC Aarau wie ein Winkelried gegen den Abstieg aus der Super League gewehrt und dafür viel Anerkennung erhalten.

Auch heutzutage stolpert er durch die untere Tabellenhälfte – der Unterschied: statt in der Super League in der Challenge League. Und das ist eines FC Aarau nicht würdig. Landesweit wird der FCA immer weniger ernst genommen, mittlerweile interessiert er nur noch vor der Haustüre.

Vor 115 Jahren ist der FC Aarau gegründet worden. So alt, wie er ist, kommt er auch daher.

Doch – und das ist das Positive – er lebt. Mehr noch: Der FC Aarau ist unter der Stillstands-Kruste kerngesund. Dank der seriösen Haushaltung, der breiten Abstützung in der Wirtschaft, dank etlichen Gönnervereinigungen und dank den lebenserhaltenden Finanzspritzen der Führung. Die Basis, dass der FC Aarau wieder zur attraktiven Adresse auf der Landkarte und zum Publikumsmagneten wird, ist gegeben. Aber eben: Die Verantwortlichen haben das Schicksal des FC Aarau so eng mit der Stadionfrage verknüpft, dass das Erwachen aus dem Dornröschenschlaf ohne neue Heimstätte nicht möglich erscheint.

Das Stadion Brügglifeld: Wunderschön, aber ein Auslaufmodell.

Das Stadion Brügglifeld: Wunderschön, aber ein Auslaufmodell.

Seit dem 18. Mai 2016 ist die Baubewilligung für ein Fussballstadion im Aarauer Torfeld Süd rechtskräftig. Bis Mitte Mai 2018 muss der Spatenstich erfolgen, ansonsten verfällt das Projekt. Da nützt auch der bis zum 31. Dezember 2019 gültige Vertrag zwischen der Bauherrin HRS und der Stadt Aarau wenig: Anderthalb Jahre für die Aufgleisung eines neuen Stadionprojekts sind utopisch.

Die Kettenreaktion

Es käme also zur Rückversetzung auf Feld 1 im Stadion-Leiterlispiel. Und als Folge davon zu einer Kettenreaktion, zu einer totalen Neuorientierung und vor allem zur Sinnfrage: Sind dann Profifussball und erstklassige Talentförderung am Standort Aarau noch umsetzbar?

Es käme zum Exodus von zahlreichen Sponsoren. Sie halten dem FC Aarau momentan vor allem wegen der Aussicht auf das neue Stadion und eine Zukunft in der Super League die Treue. Mit dem Begräbnis des Stadionprojekts wäre auch ziemlich sicher die Mission des Verwaltungsrats um Präsident Alfred Schmid beendet, der in seiner Amtszeit mit etlichen Finanzspritzen den FC Aarau vor finanziellen Turbulenzen bewahrt hat.

Allfällige Nachfolger müssten akzeptieren, dass die Tür in die Super League zu ist. Denn die Ausnahmebewilligung für das Brügglifeld ist ohne gültiges Neubau-Projekt nichtig. Die Swiss Football League würde den FCA zur Sanierung des Brügglifelds verknurren, weil dieses nicht einmal mehr die Challenge-League-Auflagen erfüllt. Kurzum: Für den FC Aarau ginge es künftig wie für den Kantonsrivalen FC Wohlen ums nackte Überleben im Unterhaus. Und auch dieses wäre begrenzt: Denn das Brügglifeld-Areal soll künftig zum Wohngebiet umfunktioniert werden.

Der Ball liegt bei der HRS

Der Countdown läuft. Doch trotz der immer knapperen Zeit sind gut gesinnte Firmen und Einzelpersonen weiterhin gewillt, dem FC Aarau zu helfen. Sie wollen den Absturz des Adlers zu verhindern und ihm wieder zu Höhenflügen verhelfen. Einige mit Krediten, andere wollen sogar Risikokapital zur Verfügung stellen.

Doch dazu brauchen sie Antworten auf folgende Fragen: Wie genau sollen das Stadion und die unmittelbare Umgebung (Stichwort Hochhäuser) aussehen? Und vor allem: Was kostet das Ganze?

Die Bauherrin HRS hat bei ihrer letzten öffentlichen Wortmeldung im Frühling versprochen, bis im Herbst Antworten zu liefern. Seit Monaten gehen Gerüchte um, wann die HRS die Fakten auf den Tisch legt. Passiert ist nichts. Ausser, dass die HRS neuerdings als Premium-Sponsor rund 70 000 Franken pro Jahr in die FCA-Kasse steckt. Ein netter Zug – aber ist es nicht vielmehr ein Ablenkungsmanöver von der eigenen Verzögerungstaktik?

Das vorzeitige Ende der Stadionträume?

Eine bestens informierte Quelle erzählt, die HRS hätte gestern, am 3. November, informieren wollen, aus Zeitgründen dann aber diesen Plan verworfen. Naturgemäss keimen nun auch Gerüchte über die Mehrkosten auf. Die Rede ist von rund 60 Millionen Franken, die das Stadion nun koste. Was für ein Wahnsinn! 24 Millionen mehr als die 2007 bereitgestellten 36 Millionen!

Stimmen diese 60 Millionen tatsächlich, wären sie vielleicht bereits das Ende der Stadionträume. Dass 24 Millionen bis zum Ablauf der Baubewilligung Mitte Mai 2018 zusammengekratzt werden, ist nur schwer vorstellbar.

Bleibt zu hoffen, dass der Fehlbetrag wesentlich tiefer ist. Vor allem aber ist es notwendig, dass die HRS in den nächsten Wochen die Fakten endlich auf den Tisch legt. Im Fussballjargon sagt man: Die HRS muss den Ball endlich ins Rollen bringen. Um klarzumachen, in welche Richtung der Flug des Adlers geht. Denn momentan ist der FC Aarau im freien Fall.