Lauberhorn
Sandro Vilettas Rücken: Eine tickende Zeitbombe

Ein Olympiasieger mit Rückenschmerzen und eine Disziplin, die kränkelt: Der Problemfall Kombination. Viletta wirkt nachdenklich und versucht trotzdem, optimistisch zu bleiben: «Ich darf mich nicht verrückt machen und muss die Schmerzen ausblenden.»

Martin Probst, Wengen
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Sandro Vilettas Rücken schmerzt: «Dabei dachte ich, dass ich dieses Thema endgültig abgeschlossen hätte.»

Sandro Vilettas Rücken schmerzt: «Dabei dachte ich, dass ich dieses Thema endgültig abgeschlossen hätte.»

KEYSTONE

Gestern fehlte er im Training zur Lauberhornabfahrt. Schonung hiess es offiziell. Doch es könnte viel schlimmer sein. Die Schmerzen im Rücken sind zurück. «Dabei dachte ich, dass ich dieses Thema endgültig abgeschlossen hätte», sagt Viletta. Jahrelang hatte sich der Bündner mit starken Rückenschmerzen herumgeplagt. Im letzten Winter, als er plötzlich fast schmerzfrei fahren konnte, wurde er Olympiasieger in der Superkombination. Es war ein Happy End. Das dachte selbst Viletta.

Doch nun zeigt sich. Sein Rücken war eine tickende Zeitbombe. Nicht geheilt, nur vergessen. Zum Verhängnis wurden Viletta die berüchtigten Kamelbuckel in Gröden. Dort hatte er einen Schlag erwischt, der wiederum Entzündungen auslöste.

Viletta gehörte zu jener hochbegabten Generation von Schweizer Skifahrern, die sich aufmachte, den internationalen Skisport zu dominieren. Doch das Schicksal, sofern man daran glaubt, war ihnen nicht gut gesinnt. Daniel Albrecht musste nach einem Schädel-Hirn-Trauma seine Karriere beenden, Carlo Janka warf eine seltsame Viruserkrankung zurück, Marc Berthod und Viletta wurden durch anhaltende Rückenschmerzen in ihrer Entwicklung gestoppt.

Viletta findet Abfahrt wichtiger

Viletta, der der Liebe wegen im Sommer viel Zeit im Aargau verbringt, glaubte, dem Schicksal getrotzt zu haben. «Ich hätte es tatsächlich nicht erwartet, dass mich die Vergangenheit nochmals einholen wird», sagt er. Dass es ausgerechnet vor dem Rennwochenende am Lauberhorn passiert, entbehrt nicht jeder Ironie. In Wengen findet heute eine von zwei verbleibenden Kombinationen – neben jener in Kitzbühel in einer Woche – im Weltcup statt. Also die Disziplin, die Viletta zum Olympiasieger machte.

Doch selbst der Goldmedaillengewinner von Sotschi sagt: «Die Abfahrt am Sonntag ist wichtiger für mich.» Das zeigt, welch grosse Probleme die Superkombination – die neu alpine Kombination heisst – hat. Sie verliert ihre Lobby – und damit die Berechtigung?

Droht der Superkombi das Aus?

Urs Näpflin, OK-Präsident der Lauberhornrennen, würde dies bedauern. In Wengen hängt man an der Disziplin der Allrounder. Für zwei Millionen Franken wollen die Organisatoren den Slalomhang mit Flutlicht ausrüsten, um den zweiten Teil der Kombi am Abend zu fahren. Ende 2015 soll die Baubewilligung vorhanden sein, 2016 würde gebaut und 2017 könnte es zum ersten Mal zum Flutlichtspektakel kommen.

Könnte. Denn Näpflin sagt auch: «Wir brauchen von der FIS mindestens eine Zusage für acht Jahre, damit sich die hohen Investitionen lohnen.» Der Weltskiverband hat aber bisher nur bis 2018 grünes Licht gegeben. Mit Günter Hujara ist zudem seit dieser Saison ein Verfechter der Superkombination nicht mehr FIS-Renndirektor.Sein Nachfolger, Markus Waldner, sagt: «Wir müssen die Disziplin attraktiver gestalten. Sonst sehe ich die Zukunft gefährdet. Weil sich die Kombi im Moment schlecht vermarkten lässt.» Ideen für ein attraktiveres Format gebe es, nur seien sie noch nicht spruchreif.

Urs Näpflin vermisst derweil die Unterstützung von Swiss-Ski. «Fast in jedem Jahr steht in Wengen ein Schweizer in der Kombination auf dem Podest.» Er versteht daher nicht, warum sich der Schweizer Verband nicht stärker für die Disziplin einsetzt.

Näpflin ist sich bewusst, dass die alpine Kombination eine tickende Zeitbombe ist. Das Ende könnte jederzeit kommen. Solltees so weit sein, könnte in Wengen am Freitag ein Super-G gefahren werden. «Das wäre finanziell sogar interessanter», sagt Näpflin, der eine Änderung aber trotzdem ablehnt. «Vielleicht», sagt er, «braucht es neue Anreize für die Athleten, um auf die Kombination zu setzen.» Näpflins Lösung: Doppelte Weltcuppunkte. Das wäre ein Anreiz.