FC Wohlen

Russische Nachbarn, die Sehnsucht nach Speck und viel «precisione» - ein Tag im Trainingslager des FC Wohlen

Der FC Wohlen bereitet sich derzeit in Campoamor auf die Rückrunde vor. Wir haben die Mannschaft um Trainer Francesco Gabriele einen Tag lang begleitet.

Es ist kurz nach halb neun Uhr. Während die Sonne an diesem Morgen noch mit den dichten Wolken ringt, sind alle 27 Plätze, die im Frühstücksraum für den FC Wohlen reserviert sind, bereits besetzt. Die tägliche Stärkung steht an. In knapp 90 Minuten startet die erste Trainingseinheit. Zwei gibt es pro Tag. Mindestens. Hier in Campoamor, in dieser spanischen Kleinstadt 60 Kilometer südlich von Alicante, feilt der FC Wohlen an seiner Kondition, seiner Technik, seiner Taktik. Für den Klub aus dem Freiamt sind es aufregende Tage, zumal das Budget gewöhnlich kein Wintertrainingslager vorsieht. Selbst die Klubfunktionäre sind sich nicht einig, wann sie die Schweiz letztmals für ein Trainingslager verlassen haben. Fünf oder sechs Jahre dürfte das her sein.

Die Unterkunft wählte Trainer Francesco Gabriele im vergangenen Herbst. Er reiste damals an die Costa Blanca, um in erster Linie einen optimalen Trainingsbetrieb sicherzustellen. Trotz Horrordebüt und totgesagtem Team akzentuierte er mit dem Hotel-Scouting aber vor allem seine Überzeugung, dass sein Projekt in Wohlen kein kurzfristiges sein soll. Bekanntlich gelang die Reanimation.

Den Sandstrand von Campoamor sehen die Spieler des FC Wohlen in diesen Tagen dennoch nur aus der Ferne. Die Unterkunft befindet sich gut sechs Kilometer ausserhalb der Stadt. Admirable Tore stehen am Anfang einer Allee, die auf eine Anhöhe führt. Dort thront das Hotel über der gesamten Stadt. Die Architektur mahnt an einen überdimensionalen Schiffsbug. Die Umgebung ist weitläufig und imponiert mit ihrer Flora. Ein Golfplatz mit insgesamt 72 Löchern suhlt sich um das Hotel. «Ein Paradies, wenn ich Golf spielen könnte», sagt Francesco Gabriele an diesem Morgen und verabschiedet sich mit einem Lachen in die Trainingsvorbereitung.

«Sind Sie wegen Moskau da?»

Nach dem Frühstück folgt für manche ein kurzer Abstecher zur Rezeption. Es hat sich herumgesprochen, dass die Internetverbindung dort am besten ist. Gleich daneben inszeniert das Hotel seine Affinität zur Unterbringung von Fussballmannschaften. Liverpool, die holländische Nationalmannschaft, Hoffenheim – alle haben hier schon logiert. «Sind Sie wegen Moskau da?», fragt der Rezeptionist. Ich verneine und vernehme, dass Wohlen in diesen Tagen nicht alleine ist. ZSKA Moskau, Uefa-Pokalsieger von 2004/05 und sechsfacher russischer Meister, weilt ebenfalls in Campoamor. Die Russen haben gleich einen ganzen Hotelkomplex gemietet, die Aargauer hingegen bezogen einfache Doppelzimmer. Sie leben in jenem Bereich, wo auch die Gäste logieren, die wegen des Golf-Angebots hier sind.

Mittlerweile ist es kurz vor zehn Uhr. Das Training beginnt. Drei Plätze gibt es auf dem Gelände. Zwei davon hat Moskau annektiert. Den Umstand, keine grosse Platzwahl zu haben, kennt der FC Wohlen von zu Hause. Nur spielt das in Campoamor keine Rolle. Alle drei Plätze sind im Idealzustand. Gleich fünf Platzwarte eilen nach den Trainingseinheiten jeweils herbei, um den Rasen zu hegen. Ein Personalaufwand, der in der Schweiz niemals finanzierbar wäre.

Papa Hajrovic

An diesem Freitag steht neben der morgendlichen Trainingseinheit auch ein Testspiel gegen den deutschen Regionalliga-Klub STV Steinbach an. Trainer Gabriele erkundigt sich deshalb nach der Verfassung seiner Spieler. «Jungs, wir wollen keine Verletzungen riskieren.» Alles gut. Im Spielerkreis fehlen Sead Hajrovic, der am Donnerstag Vater einer Tochter wurde, die verletzten Alain Schultz und Marvin Graf, die beide nicht mit nach Spanien gefahren sind, sowie Augusto Lotti. Der argentinische Stürmer trainiert vorläufig mit der U23. Dafür beglückte Francesco Gabriele die beiden Eigengewächse Milan Marjanovic und Edi Duvnjak mit Tickets für den Flug nach Alicante.

Es wird eine lockere Trainingseinheit an diesem Freitagmorgen. Jene, die am Tag zuvor beim Testspiel gegen einen spanischen Viertligisten im Einsatz waren, laufen aus. Der Rest absolviert Stabilisierungs- und Athletikübungen. Einmal erkundigt sich Miguel Castroman kurz, wie es denn im Australien-Open-Halbfinal zwischen Rafael Nadal und Grigor Dimitrov stehe. Ein kurzes Update und weiter geht es mit Stretching. Zeitgleich dirigiert Assistenztrainer Luigi Alvardi die Ausführung einer frisch einstudierten Freistossvariante. Der Italiener fordert «precisione», Präzision also. Fehlt sie einmal, stoppt er den Betrieb und zeigt in seinem temperamentvollen Italienisch die Fehler auf.

Etwas weiter weg nimmt Francesco Gabriele auf einem Plastikstuhl Platz und bittet Janick Kamber, Gleiches zu tun. Ein Standortgespräch. Beim Testspiel am Vortag hatte Kamber überdurchschnittliche Werte. Wieder einmal. Es ist einer dieser Dialoge, die der Trainer öfter führt, um den Puls seiner Spieler zu fühlen.

Nach einer Stunde ist das Training vorbei. Erholung ist angesagt. Um 12.30 Uhr steht das Mittagessen an. Verköstigt würden sie gut, sagen die Wohler unisono. Nur einmal ist das Frühstücksbuffet ein Thema, weil der Bratspeck plötzlich nicht mehr auffindbar ist. «Gibt es für uns keinen mehr?», fragt einer. Weil in Sachen Ernährung Variation erwünscht ist, lautet die Antwort nein.

Auf dem Weg zum Hotelzimmer treffen wir eine Putzfrau. Sie meint, dass die Freiämter ziemlich ordentlich seien. «Da habe ich also schon anderes gesehen», fügt sie an und verschwindet lachend in einem Zimmer. Siesta. Nadal und Dimitrov spielen noch immer. Wenig später gewinnt der Spanier in fünf Sätzen.

Die Goalie-Wette

Kurz vor 16 Uhr stehen die Protagonisten wieder versammelt auf dem Fussballrasen. Das zweite Testspiel innert 24 Stunden. Gabriele gewährt der zweiten Garde Auslauf. Talent Marjanovic wird erstmals eingesetzt. Sein Auftritt ist gut. Genauso wie jener von Kilian Pagliuca. Die FCZ-Leihgabe bringt die Aargauer nach neun Minuten per ansehnlichen Distanzschuss in Führung. Er setzt zu jenem Jubel an, den Zlatan Ibrahimovic jeweils zelebriert. Die Wohler Bank dreht durch. Dann wird das Spiel hitziger – und in der zweiten Hälfte vor allem schwächer. Einziger Lichtblick: das Debüt von Goalietalent Dominik Stutzer. «Ich habe mit Dominik gewettet, dass ich ihm ein Getränk ausgebe, wenn er kein Tor kassiert», sagt Goalietrainer Boris Ivkovic. Doch so weit kommt es nicht. Stutzer muss in der 68. Minute hinter sich greifen. «Da kann er nichts machen», befindet Ivkovic. Er hat recht. Das Spiel endet unentschieden. Es geht zurück ins Hotel. Wieder Erholung. Wieder essen. Wieder kurz ins Internet. Wieder ist ein intensiver Tag in Campoamor vorbei.

Janick Kamber gibt im Trainingslager Auskunft.

Janick Kamber gibt im Trainingslager Auskunft.

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