FC Aarau
Anreise mit dem Privatauto, eine Schiessbude und Comeback-Qualitäten: Drei Erkenntnisse aus einer turbulenten Woche

Der FCA hat in dieser Woche 0:7 gegen Wil verloren und sich gegen Winterthur in einem spektakulären Spiel 3:3 getrennt. Die AZ zieht drei Lehren aus den beiden Auftritten.

Frederic Härri und Ruedi Kuhn
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1. Die gewünschte Wirkung blieb nicht aus: Gegen Winterthur mussten die FCA-Spieler mit dem Privatauto anreisen

Trainer Stephan Keller wollte in der Vorbereitung aufs Spiel gegen Winterthur etwas verändern und ein Zeichen setzen.

Trainer Stephan Keller wollte in der Vorbereitung aufs Spiel gegen Winterthur etwas verändern und ein Zeichen setzen.

Martin Meienberger

Für das Auswärtsspiel gegen den FC Winterthur in Wil liess sich FCA-Trainer Stephan Keller am vergangenen Freitag etwas Besonderes einfallen. Die Spieler reisten nicht mit dem Mannschaftsbus, sondern mit ihren Privatautos ins Stadion Bergholz. Die späteste Ankunftszeit wurde auf 18.15 Uhr anberaumt. Das heisst, die Spieler mussten eindreiviertel Stunden vor dem Anpfiff in Wil sein. Und siehe da; keiner kam zu spät! Keller, der mit Assistenztrainer Norbert Fischer von Aarau nach Wil fuhr, wollte damit drei Tage nach der 0:7-Pleite gegen Wil in der Vorbereitung auf das Winterthur-Spiel etwas verändern und ein Zeichen setzen.

Das ist ihm denn auch gelungen. «Mit der Leistung und der mentalen Widerstandsfähigkeit der Mannschaft bin ich sehr zufrieden», sagt Keller. Das Resultat mit dem späten Gegentreffer zum 3:3 war für ihn nach eigener Aussage allerdings eine Enttäuschung. Umso mehr, als dass der grösste Konkurrent im Kampf um den Barrage-Platz FC Thun beim Leader GC 1:3 verlor. Hätte der FC Aarau nach Mickael Almeidas fünftem Saisontreffer zum 3:2 in der 86. Minute den knappen Vorsprung über die Zeit gebracht, wäre der Rückstand auf die Berner Oberländer nur noch drei Punkte gewesen.

So aber beträgt die Differenz zwischen dem Zweiten FC Thun und dem Dritten FC Aarau fünf Runden vor Schluss fünf Punkte. Die Thuner empfangen in der nächsten Runde den Tabellenletzten Chiasso, der FC Aarau spielt im Brügglifeld gegen den Leader und wahrscheinlichen Aufsteiger GC.

2. Doch noch nicht so stabil wie gedacht: Die Defensive des FC Aarau verfällt in alte Muster

FCA-Goalie Simon Enzler musste in dieser Woche gleich zehn Mal den Ball aus dem Netz fischen.

FCA-Goalie Simon Enzler musste in dieser Woche gleich zehn Mal den Ball aus dem Netz fischen.

Andy Mueller / freshfocus

Eins in vier. Zehn in zwei. Wer den FC Aarau der vergangenen Wochen verstehen möchte, kommt um die Zahl der Gegentore nicht herum. Zwischen dem 3. und 16. April blieb der FCA in vier Spielen (inklusive Cup) sage und schreibe drei Mal ohne Gegentor, einzig am 29. Spieltag gegen Chiasso musste Goalie Simon Enzler einmal hinter sich greifen.

«Die Schiessbude wird zum Bollwerk» titelte diese Zeitung nach dem 3:0-Cupsieg gegen Winterthur, weil der Trend hin zu einer zunehmenden defensiven Stabilität auch statistisch bekräftigt wurde: Nachdem die Keller-Equipe in den ersten beiden Saisonvierteln 31 Gegentreffer schlucken musste, schraubte die Mannschaft den Wert in der Folge auf neun Gegentore in neun Spielen herunter. Was einige Monate zuvor noch undenkbar gewesen wäre, wurde zur Realität: Auf einmal durfte sich der Barrage-Anwärter für die Defensive als sein neues Prunkstück rühmen.

Doch damit ist spätestens nach dieser Woche Schluss. Bleibt man beim Bild, liesse sich sagen: Die Schiessbude ist wieder aufgesch(l)ossen worden. Innerhalb von nur vier Tagen liess sich die Aarauer Abwehr in zehnfacher Ausführung düpieren, so dass sich beim Betrachter der Eindruck aufdrängte: Hier verfällt eine Mannschaft in alte Muster. Lag es am Kunstrasen im Bergholz, der fehlenden Frische im Kopf oder einer ganz anderen unglücklichen Fügung? Jene Diagnose vermögen wohl nur Keller und sein Staff nach einer umgehenden Analyse abschliessend zu stellen.

Wie tief die entstandenen defensiven Risse wirklich sind, werden die nächsten Wochen weisen. Fest steht: 51 Gegentore hat der FCA in 31 Spielen bis anhin erhalten, nur der FC Chiasso und Neuchâtel Xamax sind mit je 52 Gegentreffern noch schwächer. Dafür, und das ist die gute Nachricht, stellen die Aarauer mit 55 erzielten Toren nach wie vor den besten Angriff der Liga.

3. Auch nach Rückschlägen steckt die Mannschaft nicht auf: Diese Woche war bezeichnend für die bisherige Saison des FC Aarau

Aus 0:1 und 1:2 mach 3:2: Mickael Almeida erzielte gegen Winterthur in der 86. Minute den vermeintlichen Siegtreffer. Zwei Minuten später kassierten die Aarauer den Ausgleich.

Aus 0:1 und 1:2 mach 3:2: Mickael Almeida erzielte gegen Winterthur in der 86. Minute den vermeintlichen Siegtreffer. Zwei Minuten später kassierten die Aarauer den Ausgleich.

Martin Meienberger

Ja, der FC Aarau ist am Dienstag beim 0:7 gegen den FC Wil kolossal eingebrochen und hat am Freitag an gleicher Stelle eine 3:2-Führung gegen den FC Winterthur nicht über die Zeit gebracht. Die Liste an Fehlern war lang, die Menge der Unzulänglichkeiten gross. Man könnte in der Rückschau auf jene 180 Minuten aber auch ein anderes, positiveres Fazit ziehen: Der FCA hat sich in diesen zwei Spielen nie aufgegeben.

Selbst als es gegen Wil zur Pause 0:5 stand, haben die Gäste im zweiten Umgang die Köpfe nicht hängen lassen, haben mutig nach vorne gespielt und sich Chancen erarbeitet – nur eben das Tor nicht getroffen. Gegen Winterthur lagen die Aarauer 0:1 und 1:2 im Hintertreffen, sie haben den Spielstand nicht nur zweimal egalisiert, sondern auch den vermeintlichen Siegtreffer erzielt. Jene Momente des Aufraffens, des Zurückkommens gab es in der bisherigen Saison in wiederkehrender Regelmässigkeit zu beobachten.

Man denke an das 3:3 zu Hause gegen Stade-Lausanne Ouchy im vergangenen Dezember, als der FCA einen 0:2-Rückstand in nur sieben Minuten in ein 3:2 umkehrte (und in der 94. Minute den Ausgleich kassierte). An das spektakuläre 4:2 im Cup gegen Sion im Februar, als Liridon Balaj kurz vor Ende der regulären Spielzeit das 2:2 markierte und Raoul Giger und Filip Stojilkovic das Weiterkommen in der Verlängerung sicherstellten. Letzterer war es auch, der Anfang des Monats seine drückend überlegene Mannschaft gegen Xamax in der Nachspielzeit zum Sieg schoss, als alle schon mit einem torlosen Unentschieden gerechnet hatten. Der FC Aarau unter Stephan Keller steckt selten auf, er motiviert sich immer wieder aufs Neue. Insofern war diese Woche bezeichnend für die gesamte Saison der Aarauer.