Ringen
«Da gibt es teilweise nur kaltes oder gar kein Wasser zum Duschen»

Ringer Nino Leutert verbringt für Wettkämpfe und Trainingslager bis zu 200 Tage pro Jahr im Ausland. Der Athlet der Ringerstaffel Freiamt erzählt, wie er seinen Trainingsalltag organisiert und finanziert.

Fabio Baranzini
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Nino Leutert (oben) will bald die Gewichtsklasse wechseln.

Nino Leutert (oben) will bald die Gewichtsklasse wechseln.

Wolfgang Rytz

Nino Leutert, während unseres Gesprächs befinden Sie sich im Trainingslager in Magglingen. Wie sieht Ihr Alltag in der Schweiz aus, wenn Sie gerade kein Trainingslager haben?

Nino Leutert: Ich arbeite zu 60 Prozent als Sanitärinstallateur. Schon während der Lehre konnte ich zwei Mal pro Woche zusätzliche Morgentrainings absolvieren. Jetzt bestreite ich vier Morgentrainings. Die finden in Aristau statt, wo ein regionales Leistungszentrum entsteht. Aktuell kommen da jeweils acht bis zwölf Ringer ins Training. Das ist cool, denn so habe ich verschiedene Sparringpartner. Zusätzliche Trainings finden jeweils am Abend statt und zwei bis drei Mal pro Woche absolviere ich Krafteinheiten in Aarau.

Das klingt nach guten Trainingsbedingungen. Trotzdem verbringen Sie mehr als die Hälfte des Jahres im Ausland für Ihre Trainings und Wettkämpfe. Warum?

Im Ringen ist das Niveau in der Schweiz leider nicht so hoch. In Osteuropa hat die Sportart einen ganz anderen Stellenwert. Dort sind alle Topringer Profis und trainieren zwei bis drei Mal am Tag. Wir reisen ins Ausland, damit wir mit diesen Athleten trainieren können. So machen wir die grössten Fortschritte.

Wo finden diese Trainingslager jeweils statt?

Das ändert oft. Zuletzt waren wir ein paar Mal in Moldawien und Polen. Letztes Jahr fand ein Trainingslager in Aserbaidschan statt und nächstes Jahr werden wir eines in Rumänien bestreiten und die EM-Vorbereitung in Russland absolvieren.

Nicht gerade die klassischen Destinationen für Trainingslager verglichen mit anderen Sportarten. Wie sind Bedingungen vor Ort?

Die Trainingslager werden vom Schweizer Ringerverband organisiert. Wir haben einen Nationaltrainer, der zu 100 Prozent angestellt ist, und der immer mit dabei ist. In den Trainingslagern haben wir jeweils hervorragende Trainingspartner und können optimal trainieren. Aber verglichen mit der Schweiz sind die Bedingungen vor Ort schon sehr viel einfacher.

Erzählen Sie.

Die Infrastruktur der Trainingsanlagen ist nicht so modern, wie wir das aus der Schweiz kennen. Bei den Unterkünften ist die Bandbreite gross. Teilweise sind es tolle Hotels, aber gerade in Regionen, die weniger touristisch sind, kann es auch anders aussehen. Da gibt es auch mal nur kaltes Wasser zum Duschen oder phasenweise gar kein Wasser. Wir waren schon in Unterkünften, in denen die WC-Schüssel kaum richtig montiert war, oder die Zimmer extrem klein waren. Man gewöhnt sich daran. Klar ist aber auch: Je öfter man in solchen Ländern unterwegs ist, umso mehr lernt man zu schätzen, was wir in der Schweiz alles haben.

Reicht Ihr 60-Prozent-Pensum, um die Karriere als Ringer zu finanzieren?

Ein Jahr als Ringer kostet etwa 20000 Franken. Der Verband beteiligt sich in meinem Fall zu 30 Prozent an den Reisekosten. Den Rest übernimmt mein Verein, die Ringerstaffel Freiamt. Es ist ein riesiges Privileg, dass unser Verein so gross ist und viele Sponsoren hat. So fallen für mich keine Reisekosten an. Ich wohne noch bei meinen Eltern und kann so auch Kosten sparen. Wichtig ist für mich auch die Unterstützung der Schweizer Armee. Ich durfte die Spitzensport-RS in Magglingen absolvieren und kann seither 130 Tage pro Jahr bezahlt trainieren. Gemeinsam mit ein paar privaten Sponsoren reicht das, um meine Karriere zu finanzieren.

Wie sieht eine normale Wettkampfsaison aus?

Es gibt jeweils zwei Höhepunkte: die EM und die WM. Vor diesen beiden Grossanlässen bestreiten wir zwei, drei Qualifikationsturniere. Wenn wir dort unsere Leistung abliefern, werden wir für die EM oder WM selektioniert. Die Schweiz darf jeweils einen Kämpfer pro Gewichtsklasse stellen.

Sie starten in der Kategorie bis 61 kg und haben an der U23-EM im letzten November Rang sieben erreicht. Ihr bisher grösster Erfolg?

Ich habe an internationalen Wettkämpfen auch schon Medaillen gewonnen in meiner Altersklasse. Aber der siebte Rang an der EM bedeutet mir schon am meisten. Jetzt arbeite ich daraufhin, dass ich im nächsten Jahr an der U23-EM um die Medaillen kämpfen kann. Danach werde ich vermutlich die Gewichtsklasse wechseln und in der Kategorie 65 kg antreten.

Wieso dieser Schritt?

Einerseits passt das besser zu meinen körperlichen Voraussetzungen. Ich muss mein Gewicht vor den Wettkämpfen jeweils stark runterdrücken, damit ich unter 61 Kilogramm wiege. Andererseits ist die Gewichtsklasse bis 61 kg nicht olympisch, bis 65 kg dagegen schon. Die Olympischen Spiele sind zwar nicht mein primäres Ziel, aber im Hinterkopf sind sie natürlich schon. Darum werde ich den Wechsel der Gewichtsklasse wagen.

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