Es war im November vergangenen Jahres, als nach einem gemeinsamen TV-Auftritt der Liga-Präsident Heinrich Schifferle in etwa folgende Worten zu René Meier sagt: «Ihr vom FC Wohlen seid ja freiwillig Teil der Challenge League, Ihr müsst ja nicht!» In diesem Moment fällt es Meier, Ehrenpräsident und Gesicht des FC Wohlen, wie Schuppen von den Augen: «Der Schifferle hat Recht – warum eigentlich tun wir uns das noch an?»

Natürlich geistert der Rückzug aus dem Profifussball nicht erst seither in den Köpfen von Meier und seinen Mitstreitern beim Freiämter Dorfklub – der flapsige Spruch des Liga-Präsidenten ist für Meier nur noch die Bestätigung des längst geplanten Vorhabens: Ende Saison 2017/18, 16 Jahre nach dem Aufstieg, ist Schluss mit Profifussball. «Neben Wehmut und Enttäuschung ist da auch Erlösung», sagt Meier, als der Schuss draussen ist. Was er meint: Gerade noch rechtzeitig, bevor der Insolvenzverwalter auf der Matte steht und es dreckig wird, schafft es der FC Wohlen, sich aus der Daumenschraube zu befreien.

«Neben Wehmut und Enttäuschung ist da auch Erlösung»

«Neben Wehmut und Enttäuschung ist da auch Erlösung»

Der Daumenschraube namens «System Swiss Football League». Diese zwingt – in deren Auftrag – den 20 Schweizer Profiklubs strenge Regularien auf, für deren Erfüllung im Gegenzug die Vereine in der Super oder Challenge League mitspielen dürfen. Die Auflagen entsprechen internationalem Standard. Aber entsprechen sie auch dem, was der Markt hergibt? Sprich: Können in der Schweiz 20 Klubs diese Auflagen erfüllen? «Niemals», sagt René Meier und fügt an: «In dieser Form wird die Challenge League auseinanderbrechen.» Mit dieser Meinung steht Meier bei weitem nicht alleine da.

Das Experiment mit dem saudischen Geschäftsmann

Im vergangenen Jahr hat die Swiss Football League über eine Modusänderung inklusive Aufstockung der beiden Profiligen nachgedacht. Für den FC Wohlen waren allfällige Veränderungen ein Hoffnungsschimmer, irgendwann gleichzeitig wieder atmen und Teil der Challenge League sein zu können. Denn Aufstockung hätte zwangsläufig bedeutet: Die Lizenzauflagen werden gelockert und würden nicht mehr Jahr für Jahr viele Klubs vor die Grundsatzfrage stellen: Weitermachen oder nicht?

Doch als nach monatelangem Abwägen die Mehrheit der 20 Profiklubs sämtliche Reformpläne bachab schickte, war dies auch das Ende der Hoffnungen im Freiamt. Dort, wo nach einer absurden Busse die Verantwortlichen sowieso vor Wut kochten: Die SFL verdonnerte Wohlen zur Zahlung von 5000 Franken, weil die neue Flutlichtanlage nicht schon im Juli das Stadion Niedermatten erleuchtete. Zwei Monate zuvor aber erteilte die SFL den Wohlern die Lizenz – im Wissen darum, dass die Lichtanlage frühestens im Januar 2018 fertig würde.

Monquez al-Yousef

Monquez al-Yousef

Kommt dazu: In der Saison 2016/17 schrieb die FC Wohlen AG tiefrote Zahlen. Eine Folge sinkender Zuschauerzahlen und Sponsorengelder. Und die Spätfolge des Experiments «Monquez al-Yousef»: Im Frühling 2016 kaufte sich der saudische Geschäftsmann mit einer sechsstelligen Summe in Wohlen ein.

Ohne diese Finanzspritze hätte der FCW schon damals zum Rückzug aus dem Profigeschäft geblasen. So kamen zwei weitere Saisons in der Challenge League dazu. Aber mit der Veräusserung der Aktienmehrheit und somit dem Verlust der Unabhängigkeit machte der Gönnerkreis rund um Ehrenpräsident Meier klar: Die Lust, Jahr für Jahr Geld ins schwarze Loch zu werfen, ist aufgebraucht, das 2,2 Millionen-Budget nicht mehr stemmbar.

René Meier und seine Mitstreiter ziehen sich zurück

Und so ist der freiwillige Rückzug am Ende dieser Saison die traurige, aber logische und erwartbare Konsequenz. Mit der Grösse und Weitsicht, wie sie den FC Wohlen seit 2002 durch das Stahlbad Challenge League geschifft haben, orchestrieren Meier und Co. auch den Rückzug: Nach der Sicherung der Rückrunde mit einem letzten finanziellen Kraftakt schaffen sie ein halbes Jahr vor dem Ende Klarheit.

Die rund 30 Angestellten haben so Zeit für die Jobsuche. Klar, dass die vielen jungen Spieler im Profigeschäft bleiben wollen. Die Zukunft des FC Wohlen hingegen heisst Amateurfussball. Ob in der Promotion League (mit Beibehaltung der AG), in der 2. Liga interregional oder im Regionalfussball, ist offen. Die Gruppe um René Meier und Verwaltungsrats-Präsident Lucien Tschachtli jedenfalls zieht sich zurück. Der neue starke Mann heisst Alp Gürsu, der kürzlich zum Präsidenten des FC Wohlen 1904 gewählt wurde.