Ein Sieg in Chiasso, zeitgleich eine Niederlage von Lausanne in Kriens – und der FC Aarau hätte eine Runde vor Schluss die Qualifikation für die Barrage geschafft. Eine zu einfache Rechnung?

Mag sein – doch wer die Waadtländer vor einer Woche im Heimspiel gegen Schaffhausen (0:0) beobachtete, sah ein erschreckend gleichgültiges und blutleeres Lausanne, wohlgemerkt eine Mannschaft, für die Investor «Ineos» in dieser Saison zwölf Millionen Franken ausgibt.

«Ich weiss nicht, ob meine Spieler wirklich in die Barrage wollen», klagte Sportchef Pablo Iglesias nach der Nullnummer. Warum also sollte Lausanne auf dem Kunstrasen in Kriens nicht verlieren, zumal die Innerschweizer vor einer Woche dem FC Aarau ein Unentschieden abknöpften und im Brügglifeld einen starken Eindruck machten?

Knifflige Aufgabe

«Ich konzentriere mich nur auf das, was wir beeinflussen können. Und das ist unsere Leistung gegen Chiasso», sagt Aarau-Trainer Patrick Rahmen. Was nach einer abgedroschenen Phrase klingt, ist für einmal eine absolut gerechtfertigte Antwort: Denn Rahmen hat eine knifflige Aufgabe zu lösen. Diejenige, wie er die in Chiasso gesperrten Stammkräfte Linus Obexer und Elsad Zverotic ersetzen soll.

Der erste Teil des Rätsels ist schnell gelöst: Für Obexer wird hinten links Damir Mehidic verteidigen. Schon im letzten Vorrundenspiel in Kriens (2:1) sprang der Bosnier für Obexer ein und machte seine Sache gut, obwohl er wie vor der heutigen Partie ohne Spielpraxis ins kalte Wasser geworfen wurde.

Wie aber fängt Rahmen den Ausfall von Elsad Zverotic auf? Der 32-jährige Montenegriner ist nicht irgendein Spieler, er taucht in jeder Liste jener Schlüsselakteure auf, ohne die der FCA die Aufholjagd vom letzten auf den zweiten Tabellenplatz nicht geschafft hätte.

Kampfspiel gegen das abstiegsbedrohte Chiasso

Gemeinsam mit Olivier Jäckle bildet Zverotic ein kongeniales Duo im zentralen Mittelfeld. Jäckle der Stratege, Zverotic der Antreiber und Mann fürs Grobe. Trainer Rahmen über die beiden: «Sie sind das Herz der Mannschaft.»

Und nun fällt Zverotic ausgerechnet in Chiasso aus. Für die Tessiner ist es das Spiel der letzten Chance, den Abstieg in den Amateurfussball zu verhindern. Im Stadio Riva IV anzutreten, ist für keinen Spieler angenehm.

Ausser für Zverotic, solche Kampfspiele sind genau sein Ding. Beweis: Am 4. November 2018 erzielte er das so wichtige Tor zum 2:2-Ausgleich, auf das kurz darauf sogar noch das 3:2 durch Mickael Almeida folgte – die späte Wende im Südtessin gilt als Startschuss für den fulminanten Sturmlauf des FC Aarau durch die Liga.

Auch ohne Abwehrchef

Rahmen ringt seit dem Bekanntwerden von Zverotics Sperre mit sich – wie soll er in Chiasso aufstellen? Es gibt eine Präferenz – doch endgültig entscheiden wird der Trainer sich erst während der dreistündigen Busfahrt ins Tessin.

Die beiden Varianten, zwischen denen sich Trainer Patrick Rahmen entscheiden muss.

Die beiden Varianten, zwischen denen sich Trainer Patrick Rahmen entscheiden muss.

Und zwar zwischen zwei Varianten (siehe Spielfelder): Hält Rahmen am bewährten 4-2-3-1-System fest, wird FCB-Leihgabe Gezim Pepsi für Zverotic neben Jäckle spielen. Pepsi in der Startelf – es wäre ein Wagnis: Der 20-Jährige spielte zuletzt am 4. Spieltag (!) von Anfang an, dazu kommt die mangelnde Erfahrung, ein Faktor, der in Chiasso eine wichtige Rolle spielen wird. Was für Pepsi spricht: Rahmen müsste nicht am System schrauben und Markus Neumayr könnte wie gewohnt als Zehner auflaufen.

Ein wichtiges Signal 

Trotzdem: Es riecht nach Systemwechsel, nach dem klassischem 4-4-2. Mit der Folge, dass Neumayr die Spielmacher-Position verlässt und eine Reihe retour neben Jäckle rückt. Was für diese Variante spricht: So stellte sich die Mannschaft im Abschlusstraining am Mittwoch auf.

Unabhängig vom System muss Rahmen eine weitere schwierige Entscheidung treffen: Hält er im Sturmzentrum an Goran Karanovic fest, obwohl der Freiämter in den vergangenen vier Spielen nicht mehr traf?

Karanovics Nomination wäre ein Signal dafür, dass Rahmen trotz schwierigen Bedingungen spielerisch zum Sieg kommen will. Oder erwartet der Trainer die «Schlacht von Chiasso» und setzt auf den dafür besser geeigneten Stefan Maierhofer? Der «Major» schafft es mit seiner kratzbürstigen Art, jeden Gegenspieler zur Weissglut zu bringen – die temperamentvollen Tessiner sind gegen ihn besonders gefährdet.

Ein auf den ersten Blick schmerzender Ausfall

Als würden ihm die kniffligen Personalfragen nicht schon genug Kopfzerbrechen bereiten, musste Rahmen vor dem Abschlusstraining konstatieren, dass in Chiasso auch Abwehrchef Nicolas Bürgy fehlen wird – muskuläre Probleme.

Ein Ausfall, der nur auf den ersten Blick schmerzt: Für Bürgy wird Giuseppe Leo spielen. Mit der Innenverteidigung Leo/Schindelholz hat der FCA am 27. April sensationell beim Ligadominator Servette gewonnen – kein schlechtes Omen für das Spiel gegen den Tabellenletzten Chiasso.