Playoff-Final
Wenn zwei teure Stars ihr Geld wert sind – und einer noch nicht: Schafft der EV Zug die Wende?

Die ZSC-Stürmer Denis Malgin und Sven Andrighetto machten bisher im Playoff-Final die offensive Differenz – Zugs Grégory Hofmann nicht. Der ZSC führt in der Serie 3:0 und kann am Montag Meister werden.

Klaus Zaugg
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Die ZSC-Stürmer Denis Malgin (l.) und Sven Andrighetto bewiesen in den bisherigen Finalspielen den nötigen Biss.

Die ZSC-Stürmer Denis Malgin (l.) und Sven Andrighetto bewiesen in den bisherigen Finalspielen den nötigen Biss.

Freshfocus/Keystone

Verlassen wir zur Einführung kurz das Glatteis. Wir begeben uns an den Stadtrand von Cham bei Zug. Auf die grüne Wiese. Wir stehen vor einem modernen rechteckigen Gebäude. Es strahlt einen ganz besonderen Charme aus. Wie eine architektonisch gelungene Mischung aus dem Pentagon und dem Atom­forschungszentrum Cern bei Genf.

Dieses Gebäude trägt den Namen OYM. Die Bezeichnung steht für On Your Marks («Auf die Plätze»). Das Startkommando für die Sprinter. Das OYM dient dem Wohl der Athletinnen und Athleten – und dem EV Zug. Die Vision, offiziell formuliert: «Spitzensportlern unter idealen Trainings-, Präventions-, Rehabilitations- und Ernährungs­bedingungen die individuell maximale Performancesteigerung ermöglichen – auf dem neuesten Stand der Wissenschaft und interdisziplinären Forschungserkenntnissen basierend.» Kurzum: Es ist das modernste Athletik-Zentrum der Welt. Erdacht und erschaffen von EVZ-Präsident Hans-Peter Strebel.

Wenn es also irgendwo möglich ist, den perfekten Hockeyspieler und ein Meisterteam zu formen – dann wohl hier. Der Meister verfügt über die beste und modernste sportliche Infrastruktur der gesamten Hockey-Welt. Niemand wird besser trainiert und betreut als die Zuger. Sie können Spiele aus allen möglichen Gründen verlieren, aber sicher nicht wegen fehlender Kondition.

Der Laie würde wohl sagen: Konditionsmängel!

Und so ist es eine wahrlich bittere Ironie, dass die Zuger im Playoff-Final dreimal hintereinander ein Spiel im letzten Drittel ver­loren haben, das sie bis in die Schlussphase hinein dominiert hatten. Sechs der sieben Tore in diesem Final haben die ZSC Lions im Schlussdrittel erzielt. Das Torverhältnis in den letzten Dritteln: 6:0 für die ZSC Lions. In den drei Finalpartien haben die Statistiker für beide Teams exakt gleich viele Torschüsse notiert: 87:87. Aber in den letzten Dritteln 36:21 für die ZSC Lions.

Die Zürcher waren in allen bisherigen Finalpartien physisch besser. Sie erweckten den Eindruck, wilder, ausdauernder und kräftiger zu sein. Was wahrlich erstaunlich ist: Sie mussten auf dem Weg in den Final drei Spiele mehr austragen als die Zuger, und fünf Partien wurden erst in der Verlängerung entschieden. Diese Überzeit ergibt zusammengerechnet etwas mehr als 74 Minuten. Eigentlich haben die ZSC Lions sogar vier Spiele mehr in den Knochen.

Der Laie, der nichts vom OYM weiss, sagt ohne jede Bosheit: aha, Konditionsmängel! Die Zuger brauchen wohl einen besseren Konditionstrainer. Sie sind athletisch zu wenig gut ­betreut. Aber Chefcoach Dan Tangnes sieht kein Konditions- oder Energieproblem. Dieses Nachlassen sei Kopfsache. Natürlich muss er das so sagen. Alles andere wäre eine Verhöhnung der Vision, die hinter dem OYM steht.

Auch wenn es nicht möglich ist, zu beweisen, dass die Zuger bisher im Final nicht an Konditionsmängeln gescheitert sind: Dan Tangnes hat mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit recht. Und damit sind wir bei der Faszination des Eishockeys: Der Erfolg ist nicht käuflich, und Spiele werden nicht nur mit Händen, Armen, Beinen und Füssen entschieden. Es gibt Qualitäten, die selbst im OYM nicht lern- und antrainierbar sind: pures Talent und Winnermentalität. Oder auf ­Namen ­reduziert: Die ZSC Lions haben Denis Malgin (25) und Sven Andrighetto (29). Die Zuger Grégory Hofmann (29).

Die Zuger mit Grégory Hofmann, links, nach der Niederlage im dritten Finalspiel.

Die Zuger mit Grégory Hofmann, links, nach der Niederlage im dritten Finalspiel.

Urs Flueeler / KEYSTONE

Der Kombination aus dem Genie von Denis Malgin und dem ­wilden Siegeswillen von Sven Andrighetto waren die Zuger bisher nicht gewachsen. Bei sechs der sieben Tore hatten sie den Stock im Spiel. In der zweiten und dritten Partie haben sie für alle vier Treffer der ZSC Lions gesorgt.

Grégory Hofmann hat im ­Final bisher zwei Tore erzielt. Das 1:0 im ersten und im dritten Spiel. Die Gesamtbilanz in ­diesen Playoffs: 16 Punkte für Malgin und für Andrighetto. Erst acht für Hofmann. Der Laie, der einfach nur die Spiele gesehen hat, sagt ohne jede Boshaftigkeit: Der Malgin und der Andri­ghetto haben mehr Biss als der Hofmann.

Es gibt einen Unterschied, der messbar ist

Auch wenn wir eine solch polemische Einschätzung nicht teilen: Ein Körnchen Wahrheit steckt drin. Wir können stundenlang debattieren, wer nun talentierter oder bissiger sei. Es gibt keine Messeinheit, die wir als Beweis ins Feld führen können. Aber es gibt einen Unterschied zwischen den beiden offensiven ZSC- Titanen und Grégory Hofmann, der messbar ist.

Denis Malgin hat sich vier Jahre lang in Nordamerika in der NHL und in den Farmteams durchgebissen. Sven Andrighetto hat sechs Jahre in der NHL und in der AHL und ein Jahr in der KHL hinter sich. Beide haben immer bis zum Vertrags- und Saisonende durchgehalten. Grégory Hofmann hat sein Nordamerika-Abenteuer diese Saison nach 24 Spielen abge­brochen, den Vertrag aufgelöst und ist vorzeitig zum EV Zug zurückgekehrt.

Hat er deshalb ­weniger Biss als Denis Malgin und Sven Andrighetto? Diese Frage ist polemisch. Es gehört sich nicht, darauf zu antworten. Aber: Denis Malgin und Sven Andrighetto haben bisher die ­offensive Differenz im Final gemacht. Grégory Hofmann noch nicht.

Grégory Hofmann bekommt am Montagabend im Hallenstadion noch einmal eine Chance. Packt er sie nicht, und die ZSC Lions werden Meister, dann dürfen wir ein wenig polemisieren: Die drei gehören zu den bestbezahlten Spielern der Liga. Der Malgin und der Andrighetto waren im Final 2022 ihr Geld wert. Der Hofmann war es nicht. Ende der Polemik.

Um diese Ausgangs­lage weiss Grégory Hofmann. Und er sagt auf die Frage, was nun zu tun sei: «Das nächste Spiel gewinnen.» So einfach ist es. Und doch so schwierig. Noch nie ist ein Playoff-Final nach einem 0:3-Rückstand gewonnen worden.