So sicher war er sich noch nie. Da sind zwar die Schmerzen im rechten Knie, wegen denen er kaum auftreten kann. Aber eine schlimme Verletzung? Die nächste Hiobsbotschaft? Nein, auf keinen Fall. Eine leichte Entzündung vielleicht, mehr ist da ganz sicher nicht. Völlig entspannt fährt Miguel Peralta am Montag nach Rheinfelden. In der Praxis von FCA-Mannschaftsarzt Hennig Ott will er sich kurz untersuchen lassen, mit den Gedanken ist er bereits im nächsten Training tags darauf.

Doch bei der Heimfahrt nach Niedergösgen fliessen die Tränen. Soeben hat ihm Ott eröffnet, dass wahrscheinlich das Kreuzband gerissen ist. «Damit habe ich nie und nimmer gerechnet, ich war traurig, wütend und enttäuscht, ich war emotional am Boden», sagt Peralta, als ich ihn am Donnerstag am Telefon erreiche. Der Erstverdacht ist mittlerweile bestätigt. Peralta sitzt zu Hause im Wohnzimmer, bald muss er in die Physiotherapie.

Er kommt ins Reden. «Wenn jemand Erfahrung hat mit Knieuntersuchungen, dann ich. Bei den letzten vier Verletzungen spürte ich schon im Voraus, dass etwas Schlimmes passiert ist. Doch dieses Mal war ich überzeugt: Da ist nichts. Schliesslich konnte ich am Sonntag in Chiasso bis zum Schluss spielen, obwohl der Unfall schon in der vierten Minute passierte. Ich erinnere mich noch genau, wie ich den Ball mit dem Kopf erwische und dann schräg auf dem weichen Rasen lande. Es gab einen Stich ins Knie, aber als es schnell wieder besser wurde, dachte ich nicht mehr daran.»

Miguel Peralta: «Dieses Mal war ich überzeugt, dass da nichts ist. Schliesslich konnte ich am Sonntag in Chiasso bis zum Schluss spielen, obwohl der Unfall schon in der vierten Minute passierte.»

  

Begründete Zuversicht

Nach der fünften schweren Knieverletzung seit 2014 drängt sich eine Frage geradezu auf: Warum schon wieder Miguel Peralta? Doch er selber stellt sich diese Frage nicht mehr. Mittlerweile ist er so weit und ist sich sicher, dass die Rückschläge zu seinem Fussballerleben gehören. So wie Stürmer immer wieder an Torimpotenz leiden, legt es ihn auf den Operationstisch. «Ich hinterfrage nichts mehr. Diese Gedanken hatte ich nur nach den ersten zwei Verletzungen, als ich ganz frisch Profi war. Heute weiss ich: Alles, was passiert, muss so passieren, alles hat einen Sinn. Ich bin vier Mal zurückgekehrt, es wird mir auch beim fünften Mal gelingen.»

Die AZ-Sportreporter Ruedi Kuhn und Sebastian Wendel über die neue Führung, Miguel Peralta und das nächste Spiel.

Im FCA-Talk diskutierten die AZ-Sportreporter Ruedi Kuhn und Sebastian Wendel am Donnerstag unter anderem auch über Miguel Peralta.

Aufgeben, also die Profikarriere beenden, das sei keine Option. «Ich habe eine abgeschlossene KV-Lehre und könnte sofort irgendwo zu arbeiten beginnen. Diese Sicherheit habe ich. Fussball ist mein Leben, und es war immer mein Traum, für die Profis zu spielen. Das Gefühl, mit dem FCA-Trikot im Brügglifeld aufzulaufen, macht süchtig, das will ich unbedingt wieder erleben.»

Peraltas Zuversicht ist begründet. Denn medizinisch spricht auch nach der fünften Knie-Verletzung nichts gegen seine Rückkehr in den Profifussball. Zwar erhöht sich nach jeder Verletzung das Risiko auf ein neuerliches Trauma leicht. Doch Peralta hatte Glück im Unglück, abgesehen vom Kreuzband sind alle Bänder und Knorpel im Knie heilgeblieben. Das war in Kombination mit dem vielen Adrenalin im Körper auch der Grund, dass Peralta in Chiasso nicht ausgewechselt werden musste. Und: Nach den vielen kniespezifischen Trainingsstunden in den vergangenen Jahren ist Peraltas Muskulatur stärker als je zuvor.

«Es wird mir auch beim fünften Mal gelingen.» Miguel Peralta will im nächsten Jahr auf den Fussballplatz zurückkehren.

  

Peraltas Schicksal schlägt Wellen

Nach dem ersten Schock sind die Tränen gestillt, Peralta kann sogar wieder lachen. Kurz nach unserem Telefonat ruft er ein zweites Mal an und berichtet euphorisiert: «Grad habe ich erfahren, dass es doch nur eine Operation braucht.» Beim Diagnosegespräch am Mittwoch ging Mannschaftsarzt Henning Ott noch davon aus, dass es zwei Operationen braucht. Die erste, um im Knie die Löcher der vorherigen Kreuzband-Operationen zu stopfen, und Mitte Januar die zweite, um das neue Kreuzband einzubauen. Das hätte bedeutet, dass Peralta frühestens in einem Jahr auf den Platz zurückkehrt. Doch nun gewinnt er zwei Monate, weil beide Operationsschritte in einem gemacht werden sollen. «Das ist genau der Aufsteller, den ich gebraucht habe. Nach Operation am Mittwoch kann ich direkt mit der Reha beginnen.»

Das Schicksal des 22-jährigen Aarauer Eigengewächses schlägt Wellen. Nicht nur im FC Aarau und im Umfeld des Vereins, weit über die Schweizer Grenzen hinaus. Seit am Mittwochabend die Nachricht von der neuerlichen Verletzung publik wurde, surrt Peraltas Handy ununterbrochen. «Noch nie habe ich so viele Reaktionen auf eine Verletzung erhalten. Von Freunden und Familie, von früheren Teamkollegen, die irgendwo in Europa spielen. Aber auch die Spieler, die erst in diesem Sommer nach Aarau gekommen sind, kümmern sich um mich. Elsad (Zverotic; Anm. d. Red.) zum Beispiel ruft seit Montag jeden Tag an und baut mich auf.»

Am meisten gefreut habe ihn aber die Reaktion der sportlichen Führung. Namentlich Sportchef Sandro Burki und Trainer Patrick Rahmen. «In anderen Fällen wurden Spieler fallen gelassen, und ihre Verträge wurden nicht verlängert. Sandro und Patrick haben mir zugesichert, dass sie an meine Rückkehr glauben und dass ich immer noch ein wichtiger Spieler bin. Auch um ihnen für das Vertrauen zu danken, werde ich alles für mein Comeback tun.» Dass es gelingt, ist keinem mehr zu wünschen als Miguel Peralta.

Trainer Patrick Rahmen (links) und Sportchef Sandro Burki stärken Miguel Peralta auch nach der fünften Knieverletzung den Rücken.