«Nicht jeder kann so etwas Grossartiges miterleben, ich bin sehr dankbar», sagt Roger Bolliger. Der Bottenwiler ist soeben aus Brasilien heimgekehrt. Gut zwei Wochen weilte der 41-Jährige in Rio de Janeiro an den Paralympics. «Die Dimensionen dieses Events waren Wahnsinn», sagt er und erzählt von den langen Wegen zwischen Hotel und Paralympics-Village oder vom Verpflegungszelt, das etwa 300 Meter lang gewesen sei.

«Die Paralympics sind in der Grösse etwa ein zehnfacher Gigathlon», zieht er einen Vergleich mit dem grossen Ausdauersportevent in der Schweiz. Insgesamt startete Roger Bolliger in Rio in vier Disziplinen. «Ich hatte kaum einen Tag Ruhe.» Vom Land sah der Technische Kaufmann vor allem dann etwas, wenn er Trainingsfahrten absolvierte. Mit andern Athleten mitfiebern konnte er nur bedingt, feuerte aber insbesondere den Marathonläufer Christoph Sommer am Streckenrand an und freute sich ob der Schweizer Medaillen, die im House of Switzerland gefeiert wurden.

Aus sportlicher Sicht blickt Roger Bolliger, der im Bestfall eine Medaille anstrebte, mit gemischten Gefühlen auf den Anlass zurück. Im Strassenzeitfahren habe er seine Leistung voll und ganz abrufen können und dürfe mit Platz 10 in einem Weltklassefeld zufrieden sein. Ärger verspürte er nach dem Strassenrennen.

Früh wurde er in einen Sturz verwickelt, wurde anschliessend von technischen Problemen gebremst, fuhr aber das Rennen trotz beschädigtem Schaltsystem zu Ende. «Wenn du unverschuldeterweise gestoppt wirst und dann nicht mehr zeigen kannst, wie deine Form ist, ist das immer schade», sagt der Athlet des VC Pfaffnau-Roggliswil. Der wunderschönen Küste Pontals entlang zu pedalen, sei indes sehr eindrücklich gewesen.

Gibt es eine zweite Teilnahme?

Nebst den beiden Einsätzen auf der Strasse versuchte der Aargauer sein Glück auf der Bahn. Dort fuhr er in der Verfolgung über 3000 m als Neunter in die Topten. Im Zeitfahren war die Differenz zur Konkurrenz zu gross, auch, weil sein Handicap als Oberschenkelamputierter grösser war als das gewisser Gegner.

Roger Bolliger während seines Bahnrennenens.

Roger Bolliger während seines Bahnrennenens.

«Hier müsste ein Umdenken stattfinden beim Internationalen Paralympischen Komitee», findet Roger Bolliger. Man müsse die Kategorien anpassen, mehr davon schaffen. «Es ist manchmal wirklich schwierig oder gar unmöglich, die Leistungen der Athleten mit den unterschiedlichsten Handicaps zu vergleichen.»

Dies sei letztlich wenig motivierend. «Der zeitliche Aufwand für die Trainings, aber auch der finanzielle für die Teilnahme an einem Anlass wie den Paralympics ist enorm», betont Roger Bolliger, «und wenn du dann trotz einer persönlichen Bestleistung keine Chance hast, vorne mitzumischen, ist das schon nicht ganz fair.»

Nichts desto trotz sei das Abenteuer Rio traumhaft gewesen, «einfach einmalig.» Wobei – einmalig bleiben die Paralympics für Roger Bolliger vielleicht nicht. Er denkt darüber nach, sich für die nächsten paralympischen Spiele 2020 in Toiko vorzubereiten. «Ob ich das in Angriff nehme, hängt von vielen Faktoren ab.» Erst mal will er nun die «mega vielen, unbezahlbaren Eindrücke» verarbeiten, die er in Brasilien gesammelt hat.

Rio im Herzen

Unter schwierigen Vorzeichen flog Nicole Häusler nach Rio. Die 37-jährige Schützin aus Pfaffnau, die aufgrund ihrer Multiplen Sklerose im Rollstuhl sitzt, erlitt Anfang Monat einen heftigen Krankheitsschub. In der Folge verschlechterte sich auf ihrem «Zielauge» das Sehvermögen massiv.

Vom Training zum Wettkampf gelang ihr eine Steigerung, an ihre Bestleistung und damit an eine Finalqualifikation kam die Athletin der Sportschützen Kölliken aber nicht heran. «Es war frustrierend, dass mir meine MS einen Streich gespielt hat», meinte Nicole Häusler und bedauerte, dass sie ihr Potenzial nicht zeigen konnte.

«Trotzdem kann ich sagen, dass ich gekämpft habe und versuchte, das Beste aus der Situation zu machen. Ich werde das Erlebnis Paralympics in Rio immer ganz tief im Herzen tragen», sagt sie. Und hofft, dass auch die Grippe, die sie vor der Heimreise eingefangen hat, bald abklingt und das Sehvermögen sich wieder verbessert.