FC Aarau
Parallelen zur Abstiegssaison: Christ muss heute «All In» gehen

In der Auswärtspartie gegen den FC Zürich steht auch der Job von FCA-Trainer Sven Christ auf dem Spiel. Verdichten sich die Anzeichen auf einen Zerfall, dürfte schon am Mittwoch im Cup-Viertelfinalspiel in Sion ein neuer Trainer an der Linie stehen.

François Schmid-Bechtel
Merken
Drucken
Teilen
Leidenschaft braucht es heute gegen den FCZ nicht nur von Trainer Sven Christ.

Leidenschaft braucht es heute gegen den FCZ nicht nur von Trainer Sven Christ.

Keystone

Ein Gambler ist Sven Christ nicht. Schliesslich will er nicht mal auf den Klassenerhalt seines FC Aarau wetten. Gleichwohl erinnerte er am Sonntag in Luzern an einen Spieler, der vom grossen Coup träumt. Aber nach dem 0:4 sahen wir in Christ einen unglücklichen Spieler. Einen, der sich mit hängenden Schultern und leeren Hosentaschen, aber nicht desillusioniert aus dem Staub macht.

Unterdessen sind die Hosentaschen von Christ wieder gefüllt. Nicht prall. Aber doch so, dass er sein Glück am Spieltisch nochmals versuchen kann. Alles oder nichts zum Zweiten. Nur, wenn ihn die Spieler wie in Luzern nochmals hängen lassen, riskiert er Hausverbot.

Keine Experimente in der Krise

Aber auch Christ selbst braucht einen plausibleren Plan, um seine vielleicht letzte Gewinnchance zu nutzen. In Luzern experimentierte er mit der Defensive, was in Krisenzeiten per se überaus heikel ist. Das Resultat: Der FC Aarau offenbart auf seiner rechten Abwehrseite eklatante Abstimmungsprobleme, war so instabil wie ein Kartenhaus. Offensivspieler Stephan Andrist war als Aussenverteidiger überfordert. Seinem Nebenmann Richard Magyar fehlte bei seinem Debüt die gedankliche Frische. Und Luca Radice war in der defensiven Phase ebenso indisponiert wie sein Hintermann Andrist. Im Gegenzug war die Offensive gläsern und berechenbar.

Verdichten sich nach dem Auftritt in Zürich die Anzeichen auf einen Zerfall, dürfte schon am Mittwoch im Cup-Viertelfinalspiel in Sion ein neuer Trainer an der Linie stehen. Aber noch ist es nicht so weit. Noch besteht Hoffnung. Für Christ, für den gesamten Klub – auf den Klassenerhalt. Gleichwohl sind Parallelen zur letzten Abstiegssaison (2009/10) offensichtlich.

Es war damals noch die Zeit, als sich Fritz Hächler als Sportchef und Poltergeist austoben durfte. Er tat dies in einer derart ungehobelten, teilweise sogar menschenverachtenden Form, dass er innert Kürze zwei erfolgreiche Jahre (jeweils Platz 5) ausradierte. Trainer Ryszard Komornicki musste gehen. Auch Leistungsträger wie Mutsch, Page, Nushi und Ianu wurden in die Flucht getrieben. Ablösefrei, versteht sich.

Letzten Sommer verabschiedeten sich zwar nicht so viele Leistungsträger. Aber mit Artur Ionita einer, der in der letzten Saison die zentrale Figur von Trainer René Weiler war. Der Transfer des Moldawiers zu Hellas Verona war natürlich nicht zu verhindern. Aber mit etwas mehr Weitsicht und Risikobereitschaft wäre wohl eine Vertragsverlängerung zu einem frühen Zeitpunkt möglich gewesen und damit auch eine Ablösesumme im tiefen, siebenstelligen Bereich. Doch Ionita ging ablösefrei.

Christ wie Saibene?

2009 erhielt Jeff Saibene die Chance, vom Assistenten zum Cheftrainer aufzusteigen. Der Luxemburger scheiterte. Nicht, weil er ein schlechter Trainer ist. Im Gegenteil, das beweist er nun schon seit Jahren in St. Gallen. Christ erhielt letzten Sommer die Chance zum Sprung von der 1. Liga in die Super League. Auch er droht zu scheitern. Aber nicht, weil er ein schlechter Trainer ist.

Saibene wurde verheizt. Bei Christ deutet einiges darauf hin, dass es ihm gleich ergeht. Das Problem der meisten Trainer, die ihre erste Chance auf Profi-Niveau erhalten, ist ihre Kompromissbereitschaft. Sie sind für die Chance derart dankbar, dass sie ihre Anliegen, ihren Plan, nicht konsequent verfolgen. Saibene gab sich mit einer Mannschaft zufrieden, die den Anforderungen schlicht nicht genügte. Der Gong ertönte nach 2 Siegen, 2 Unentschieden und 9 Niederlagen.

Wir wissen nicht, ob Christ einen adäquaten Ionita-Ersatz wollte. Aber wir können uns das gut vorstellen. Wie auch seine Bereitschaft, sich mit einer 1B-Lösung auch mal zufriedenzugeben. Dabei braucht der FC Aarau einen unbequemen, bisweilen sogar sturen Trainer. Denn eines ist klar: Punkto Fussballkompetenz ist die Führung des FC Aarau, die in wirtschaftlichen Angelegenheiten einen guten Job macht, nicht überdotiert. Das ist mit ein Grund, weshalb diese Mannschaft wenig Zuversicht vermittelt – sie wirkt im Abstiegskampf bis dato wie eine gelbe Kugel beim Roulette oder einfach nur fehl am Platz.