Eine der wichtigsten Regeln im Fussball? Es gibt keine Sentimentalitäten. Der FC Aarau gilt als Ausnahme. Der Grund? Ganz einfach: Der Verein vom Brügglifeld ist eine Familie. Und in einer Familie hat es durchaus Platz für Streicheleinheiten und Gefühle. Gefühle waren zweifellos mit im Spiel, als Olivier Jäckle im Januar den Ende Saison auslaufenden Vertrag bis 2018 verlängert hat.

«Oli ist einer von uns», sagt Raimondo Ponte. «Er kommt aus dem Nachwuchs und ist ein Perspektivspieler. Es ist schön, dass er noch zwei Jahre im Brügglifeld bleibt. Aber», fügt der Sportchef des FC Aarau hinzu, «es ist langsam, aber sicher an der Zeit, dass bei ihm so richtig der Knoten platzt.»

Jäckle nimmt die Aussage von Ponte mit einem Schmunzeln zur Kenntnis. «Der FC Aarau und ich, das ist wirklich eine schöne Geschichte», sagt er. «Ich bin seit fünf Jahren in der ersten Mannschaft und fühle mich sehr wohl. Ich war bei einem Abstieg und bei einem Aufstieg mit dabei. Das schweisst zusammen. Ich bin beim FC Aarau geblieben, weil ich das Gefühl des Aufstiegs nochmals erleben möchte. Solche Emotionen sind unbeschreiblich.»

Weiler war Jäckles grösster Förderer

Jäckle spielte schon als 15-Jähriger für das Team Aargau. In der U18 und U21 tastete er sich an die erste Mannschaft heran. Im Alter von 19 Jahren wurde er Profi und unterschrieb einen Vierjahresvertrag. So wurde das Brügglifeld für ihn mehr und mehr zu einem zweiten Zuhause.

Sein grösster Förderer ist zweifellos René Weiler. Der Trainer also, der den FC Aarau salonfähig gemacht und 2013 in die Super League geführt hat. Der Trainer also, dessen Wert die Verantwortlichen erst dann so richtig erkannt haben, als er aus freien Stücken das Handtuch warf. «Unter der Führung von Weiler habe ich extrem viel gelernt», erinnert sich Jäckle. «Für ihn gab es nur eines: Vollgas und nochmals Vollgas! Weiler hat es geschafft, das Hinterste und Letzte aus mir heraus zu kitzeln. Es überrascht mich nicht, dass er mit dem 1. FC Nürnberg momentan an der Schwelle zur ersten Bundesliga steht.»

Jäckle machte unter der Führung von Weiler grosse Fortschritte. Nach der Aufstiegssaison 2012/13 lag ein spektakulärer Transfer in der Luft. So wie das zuletzt frühere FCA-Cracks wie Silvan Widmer, Artur Ionita, Davide Callà und Shkelzen Gashi geschafft haben. Dass es nicht soweit gekommen ist, hängt einerseits mit den schwankenden Leistungen von Jäckle, anderseits mit der Talfahrt des FC Aarau zusammen.

Die Abstiegssaison 2014/15 ist nicht spurlos an ihm vorbei gegangen. Mit dem Absturz ans Tabellenende der Challenge League in der Vorrunde dieser Saison ist der Tiefpunkt nun hoffentlich erreicht. «Es ist für alle eine schwierige Situation», sagt Jäckle. «Momentan geht es für den FC Aarau einzig und allein darum, aus dem Tabellenkeller heraus zu kommen. Aber wir schaffen das. Und dann greifen wir wieder voll an.»

Zurück zu den Wurzeln im Mittelfeld

Jäckle spielte in den vergangenen Jahren meistens in der Innenverteidigung. Seit dem Rückrundenstart bringt ihn Trainer Marco Schällibaum im zentralen Mittelfeld. Auf dieser Position hat Jäckle schon in der U18 und U21 gespielt. Obwohl die Umstellung kein Kinderspiel ist, freut er sich über das Vertrauen des Trainers.

Jäckle zählte in drei von vier Spielen zur Startformation. Nach durchzogenen Leistungen gegen Biel und Chiasso zeigte er beim knappen Erfolg gegen Le Mont vor einer Woche einen starken Auftritt. Die Chance, dass er heute im Auswärtsspiel gegen Schaffhausen zum Einsatz kommt, ist gross.

Dass der FC Aarau den Vertrag mit Jäckle trotz der ungewissen sportlichen Zukunft verlängert hat, ist ein Vertrauensbeweis. Ein grosser Vertrauensbeweis sogar. Vertragsverhandlungen beim FC Aarau gibt es nach Aussage von Ponte zum jetzigen Zeitpunkt nämlich keine. «Solange wir nicht wissen, in welcher Liga wir in der nächsten Saison spielen, wird in personeller Hinsicht nichts entschieden», erklärt Sportchef Ponte. Diesbezüglich ist das langjährige Familienmitglied Olivier Jäckle also eine Ausnahme. Darauf darf der junge Mann stolz sein. Sehr stolz.