FC Aarau

Oli, der Kindergärtner: Wie der Aarauer Barrage-Held Oliver Jäckle seine fussballfreie Zeit verbringt

Der Mann, den seine Teamkollegen als wichtigsten Spieler bezeichnen und der den FC Aarau als Mittelfeldstratege in die Barrage geführt hat, schnitzt in seiner Freizeit Rüebli-Krokodile und Apfelkrebse. Jäckle ist Praktikant im Kindergarten Birmenstorf - die «AZ» hat ihn dort besucht.

«Oli, Oli – uferüehre!», ruft die kleine Madina und zerrt an Jäckles Pullover. Der nimmt das Mädchen an der Hand, huscht mit ihm um die Ecke und wirft es dreimal in die Luft. Schon kommt Dylan mit einer selbst gebastelten Pappsäge dazu und beginnt, an Jäckles Arm zu raspeln. Als Cherin die Szene bemerkt, schnappt sie sich einen Verband und wickelt diesen um das tätowierte Handgelenk.

Es ist der Montagmorgen vor den Spielen des FC Aarau in Chiasso und zu Hause gegen Rapperswil-Jona, in denen sich entscheidet, ob Jäckle und seine Teamkollegen nach einem verkorksten Saisonstart doch noch die Barrage erreichen.

Von Anspannung keine Spur beim Mittelfeldspieler. «Hier bin ich einfach der Oli, der Fussballer Jäckle ist weit weg», sagt er. «Hier» – das ist der Kindergarten in seinem Heimatdorf Birmenstorf, in dem Jäckle – wenn es der Trainingsplan zulässt – einen Vormittag pro Woche als Praktikant weilt.

Der geborene Kindergärtner

Schuld daran ist Joël Mall. Der frühere FCA-Goalie und Jäckle sind seit gemeinsamen Zeiten in der Nachwuchsabteilung und bei den Profis eng befreundet. Als sie einst ein Fest besuchten, an dem viele Kinder herumrannten, und Mall sah, wie gut sich Jäckle mit diesen verstand, sagte er im Jux: «Du bist der geborene Kindergärtner!»

Aus Spass wurde Ernst: Jäckle sinnierte, was er dereinst nach der Fussballerkarriere machen wolle, und blieb bei Kindergärtner oder Primarlehrer hängen. Und so bat er beim Kindergarten Birmenstorf, in dem er vor 20 Jahren selber schon spielte, um ein Praktikum.

Der kleine Künstler

«Die Kinder fragen jeden Tag, wann Oli endlich wiederkomme», erzählt Kindergärtnerin Monika Waldmeier. Vor allem zwei Mädchen, die sonst abseits der Gruppe spielen, würden aufblühen, wenn Jäckle da sei.

Die Kindergärtnerin: «Das hat sicher damit zu tun, dass sie mit Oli eine männliche Bezugsperson haben, sonst sind ja nur Frauen hier. Er ist sehr feinfühlig und findet zu allen Charakteren einen Zugang.» So sehe man Jäckle bei den Mädchen im «Bäbi-Egge» genauso wie beim Rumturnen mit den Buben.

Bei unserem Besuch im Kindergarten regnet es draussen in Strömen, die Kinder müssen an diesem Morgen drinnen bleiben. Sie wuseln durch die Gänge, der Lärmpegel ist hoch. Es ist «spielzeugfreier Kindergarten» – heisst: Die Kinder haben Legos, Puppen und Buntstifte für eine Woche in die Ferien geschickt und bauen sich ihren eigenen Spielplatz.

Für alles zu haben

Jäckle ist an allen Fronten gefordert: Ein Kind braucht seine Hilfe beim Stelzenlaufen, ein anderes will mit ihm Tische aufeinanderstapeln, ein drittes ruft Jäckle, als es über den Fenstersims balanciert. Was macht er am liebsten mit den Kindern?

«Brettspiele», sagt Jäckle. Aber er sei für alles zu haben. «Als mir ein Mädchen am ersten Tag vor dem Znüni sein Rüebli entgegenstreckte und sagte: ‹Krokodil›, war ich komplett überfordert. Mittlerweile bin ich ein kleiner Künstler, am besten gelingen mir Krebse aus Äpfeln.» 

Kindergärtner und Fussballer – die Kombination sorgt auch im FCA-Umfeld für Aufsehen. «Viele Teamkollegen reagierten erst erstaunt, als ich ihnen davon erzählte. Doch dann meinten sie, wenn einer, dann ich.»

Jäckle greift durch

Jäckle sagt, ein Kindergarten sei vergleichbar mit einer Fussballmannschaft. Wobei – es gebe einen Unterschied: «Wenn zwei Kinder Streit haben, sind sie eine halbe Stunde später wieder beste Freunde. Unter Fussballern herrscht zwei Wochen lang Krieg, wenn es gekracht hat.»

Sonst aber sieht Jäckle viele Parallelen: «An beiden Orten treffen verschiedene Kulturen aufeinander – die einen brauchen Streicheleinheiten, bei den anderen ist ab und zu eine klare Ansage angebracht.»

Und er schreitet sogleich zur Tat: Als ein Bub einem Mädchen den Stuhl unter dem Hintern wegzieht, macht Jäckle ihm deutlich, dass das nicht gehe und er sich entschuldigen solle. Der Bub gehorcht sofort.

Ein Vorbild

Monika Waldmeier steht daneben und sagt: «Die Kinder hören auf ihn, für sie ist Oli ein Vorbild.» Als Jäckle eines Morgens in hippen Jeans mit Löchern auf Kniehöhe erschienen sei, habe ein Junge gefragt, ob er die Hosen selber zerschnitten habe. Am nächsten Tag habe der Junge ebenfalls löchrige Jeans getragen – Marke «self-made»!

Zu Beginn war Jäckles Praktikum auf zwei Wochen terminiert. Doch es habe ihm, wie er mit strahlenden Augen erzählt, «den Ärmel reingezogen. Also bin ich nach den Herbstferien wiedergekommen.»

Seit Kurzem schnuppert er zudem einmal wöchentlich in der angrenzenden Primarschule – mit gutem Grund: «Stand heute will ich nach der Profikarriere eine Ausbildung zum Kindergärtner und Primarlehrer machen. Trainer oder Sportchef, das reizt mich momentan überhaupt nicht.»

Die Freude am Fussball zurückgewonnen

Das Studium parallel zum Fussballeralltag zu absolvieren, sei wegen der unregelmässigen Trainings- und Spielzeiten leider nicht möglich. Und die Fussballschuhe jetzt schon an den Nagel zu hängen, sei kein Thema.

«Fussball ist immer noch meine Priorität. Nach schwierigen Jahren mit vielen Verletzungen bin ich in dieser Saison wieder in Fahrt gekommen und vor allem gesund geblieben. Ich habe die Freude am Fussball zurückgewonnen und hoffe, mit dem FC Aarau in die Super League zurückzukehren.»

Der Kindergarten soll aber bis zum Karriereende dauerhaft Ablenkung bleiben: «Die Zeit hier ist eine Bereicherung. Nach Niederlagen freue ich mich sehr auf den Kindergarten, um den Kopf frei zu bekommen. Aber es ist nicht zu unterschätzen, wenn ich nach Hause gehe, bin ich müde im Kopf. Deshalb bin ich auch nie am Tag vor einem Spiel und am Spieltag selber hier.»

Selber Kinder? «Eher nicht»

Und wann beginnt Jäckle selber mit der Familienplanung? Die Antwort überrascht: «Früher war ich mir sicher, einmal Vater werden zu wollen. Mittlerweile zögere ich. Die Zeit hier im Kindergarten hat mir die Augen geöffnet, was für eine grosse Verantwortung Kinder bedeuten.»

Stand heute wolle er es nach der Karriere erst einmal auskosten, selber Herr über seinen Alltag zu sein. «Seit zehn Jahren bestimmt der Fussball meinen Tagesablauf. Meine Kollegen haben in dieser Zeit die Welt bereist und das gemacht, worauf sie gerade Lust hatten. Das Verlangen danach ist bei mir gerade gross, und mit Kindern ginge das nicht.» Momentan sei es darum eher so: selber Kinder haben – nein, beruflich Zeit mit Kindern verbringen – ja.

An der Türe zum Gruppenraum hängt ein Bild von Jäckle im FCA-Trikot aus der «Aargauer Zeitung», daneben sorgfältig ausgeschnitten die Einzelkritik aus einem Spiel, in dem die AZ-Reporter Jäckle die Traumnote 5,5 verliehen haben.

Einfach «Oli»

Kindergärtnerin Monika Waldmeier erzählt: «Wenn Oli am Tag nach einem Spiel kommt, schauen wir gemeinsam, welche Note er bekommen hat. Ist es weniger als eine 5, muntern die Kinder ihn auf und sagen, das sei nicht fair, er habe sicher viel besser gespielt.»

Abgesehen davon sei der FC Aarau im Kindergarten aber kein Thema. Das stimmt nur bedingt: Für die Kinder ist Jäckle tatsächlich einfach ein Gschpänli, einfach «Oli». Die Kindergärtnerinnen aber sind dank Jäckle FCA-Fans geworden.

Er hat für sie Tickets für das letzte Saisonspiel gegen Rapperswil-Jona besorgt. Und sollte mit dem Barrage-Rückspiel am 2. Juni ein weiteres FCA-Heimspiel dazukommen, wären Monika Waldmeier und ihre Kolleginnen sicher auch im Brügglifeld.

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