Orientierunglauf
OL-Läufer Matthias Kyburz kommt im Trainingslager in Kenia auf die Welt

Der Fricktaler Matthias Kyburz mit einer Premiere in seiner Sportart – der Saisonvorbereitung im afrikanischen Läufermekka.

Rainer Sommerhalder
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Orientierungsläufer Matthias Kyburz beim Cross-Rennen in Kenia irgendwo im Mittelfeld

Orientierungsläufer Matthias Kyburz beim Cross-Rennen in Kenia irgendwo im Mittelfeld

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Am Anfang der Geschichte steht eine SMS-Antwort. «Was sagst du zu den vielen geknickten Bäumen im Wald nach dem Sturm Burglind?», will der Journalist von OL-Weltcupsieger Matthias Kyburz wissen. «Hier hat es keine umgefallenen Bäume, ich bin in Kenia», lautet die prompte Reaktion. Ein OL-Läufer im Trainingslager in Afrika. Gab es so etwas überhaupt schon einmal?

Matthias Kyburz betrat in den letzten dreieinhalb Wochen nicht nur persönliches Neuland. Der Abstecher nach Iten, dem «heiligen Ort» der Läufernation Kenia auf 2400 m über Meer, war schon länger ein Traum des mehrfachen Welt- und Europameisters.

Kyburz hat bei seinen diversen Abstechern an Cross- und Stadtläufe das ausserordentliche läuferische Talent mehrfach bewiesen. Nun bot sich die Gelegenheit für den Kenia-Trip, nachdem er im Herbst sein Biologie-Studium abgeschlossen hat. «Diese Destination ist für mich wie für einen Tennisspieler Wimbledon», sagt Kyburz.

Einer von sehr vielen

Zusammen mit acht Schweizer Marathonläufern reiste der 27-Jährige also nach Iten, nächtigte dort im einzigen 5-Stern-Hotel, «weil dort die Chance am kleinsten sei, an Magenproblemen zu erkranken», wie Kyburz ausführt. Die 55 Franken pro Nacht für Vollpension waren zumindest für ihn gut investiertes Geld, blieb er doch als einziger Schweizer von Durchfall verschont.

Wie stark Kyburz letztlich von seinem Kenia-Trip bei der Europameisterschaft im Mai im Tessin und der WM im August in Lettland profitiert, kann er selber nur schwer beurteilen. Aber darum ging es ihm auch nicht primär. Erlebnis und Abenteuer standen im Vordergrund. Und tatsächlich kam der Fricktaler in Iten in mehrerlei Hinsicht auf die Welt.

Zuerst einmal bei der Bedeutung des Ortes. Aus ganz Kenia zügeln Läufer nach Iten, leben in sehr bescheidenden Verhältnissen und versuchen, sich im Heer der kenianischen Talente durchzusetzen. Kyburz staunte auch, wie hoch das Ansehen der Sportler dort ist. Bei den Trainings standen Jugendliche Spalier, wichen Einheimische respektvoll zur Seite oder applaudierten Kinder spontan.

Neuland für den Aargauer OL-Läufer bot auch das Niveau. Bis zu 300 Läufer versammeln sich auf der Hauptkreuzung zum gemeinsamen Training auf den vielen gelenkschonenden, lehmigen Naturstrassen.

Matthias Kyburz

Matthias Kyburz

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«Ich hatte absolut keine Chance, mit den Schnellsten mitzuhalten», sagt Kyburz. Und die Schnellsten sind dort mehr als nur ein kleines Grüppchen. Bei einem 10-km-Crossrennen lief es ihm hervorragend. Am Schluss reichte diese persönliche Topleistung zu Platz 108 unter 356 Startenden.

Gewöhnungsbedürftig waren auch die Trainingszeiten. Die tägliche Haupteinheit fand um 6.30 Uhr morgens mit nüchternem Magen statt. Das zweite Training folgte dann erst zwischen vier und fünf Uhr abends.

Besuch der Dopingjäger

Eine besondere Erfahrung machte Matthias Kyburz im Hotel. «Auf einmal standen Leute von Antidoping Schweiz vor uns und forderten uns zur Dopingkontrolle auf. Diese waren für diesen Überraschungsbesuch extra aus der Schweiz angereist.

Urin und Blut wurde den Schweizern, unter ihnen das Genfer Jahrzehnttalent Julien Wanders, abgenommen. «Die einheimischen Läufer staunten nur noch», sagt Kyburz. Eine solche Hartnäckigkeit im Kampf gegen Doping kennen sie nicht.

Ein neckisches Detail am Rande: Die Kontrolleure erklärten den Athleten die neuen Probenfläschchen ausführlich. «Einen Tag später sahen wir im Fernsehen die Dokumentation, wonach sich diese plombierten Behälter ganz einfach öffnen lassen», sagt Kyburz.
Apropos Doping.

Eine der letzten Dokumentationen der ARD war der kenianischen Laufszene in Iten gewidmet. Der Ort sei ein Umschlagplatz für illegale Mittel, lautete ein Fazit der Sendung. Hat Matthias Kyburz etwas davon gemerkt? Wurde ihm sogar persönlich Epo angeboten?

Seine interessante Antwort: «Der lokale Physiotherapeut hat mich während einer Massage gefragt, ob ich dope. Auf meine Gegenfrage, ob das hier denn Usus sei, antwortete er mit einem Wort, welches man in Iten bei diesem Thema immer höre: ’Maybe!’» – vielleicht.