Das Bild ist bezeichnend: Es regnet, auf den Hügelzügen um den Vierwaldstättersee zeigen sich zwischen den Wolken ab und an schneebedeckte Wiesen. Doch eine strahlt, als schiene die Sonne ganz stark aus ihrem Innern: Franziska Inauen. Soeben hat sie nach 42,195 harten und nassen Kilometern das Siegerband des Swiss City Marathons Lucerne durchlaufen. Zum dritten Mal triumphierte sie nach 2014 und 2017 in ihrer Heimatstadt.

Aus Luzern stammt Inauen. In den Aargau gezogen ist sie vor drei Jahren wegen ihres Partners. Doch die Heimkehr als Marathonläuferin sorgt jedes Mal für Emotionen. Und die jüngste Leistung löste besonders viel Freude aus. Sie war stark – unter Berücksichtigung der Bedingungen gar exzellent: 2:51:07 Stunden. 1:42 Minuten schneller als bei ihrem Vorjahressieg, der mit dem Schweizer-Meister-Titel im Marathon verbunden gewesen ist.

Marathon-Siegerin Franziska Inauen aus Windisch.

  

Um eine neue persönliche Bestmarke handelt es sich. Diese hatte sie nach einer geglückten Vorbereitung zwar im Hinterkopf gehabt. Doch die Zuversicht und das gute Gefühl vor dem Start traten plötzlich in den Hintergrund: «Bei diesem Wetter wird es wohl nichts werden mit den zeitlichen Ambitionen.» Die Freude und die Leichtigkeit liess sich Inauen aber nicht nehmen. Sie stellte das Aufbauende des Augenblicks ins Zentrum. Und das funktionierte:«Es war wunderbar. Diese vielen Leute, diese Unterstützung auf der ganzen Strecke, diese Stimmung. Das hat Flügel verliehen.»

Oberschenkel wie Eisklötze

In den Schoss gefallen ist der Triumph der 32-Jährigen aber keineswegs. Auch sie hatte mit den Bedingungen zu kämpfen. «Die Kälte und die Nässe forderten», sagt sie. Dagegen halfen die positive Grundeinstellung und eine bemerkenswerte Kopfarbeit. «Ich mag jedes Wetter», sagt sie und frohlockt: «Vor dem Start war es trocken, so fühlte sich der Körper angenehm warm an.» Das änderte unterwegs schnell. Mit direkten Folgen: «Auf der zweiten Halbmarathon-Runde fühlten sich die Oberschenkel an wie Eisklötze.»

Verunsichern liess sich die erfahrene Läuferin indes nicht. «Das Unangenehme war kein Thema, ich lenkte mich bewusst ab und dachte an anderes.» Impulse von aussen nahm sie dankbar auf. «Ich leistete Kopfarbeit, und diese gelang vorzüglich», sagt sie. Es war die Basis für das erstklassige Ergebnis. Auf Platz 8 der aktuellen Schweizer Jahresbestenliste schob sie sich – trotz Witterungsunbill und obwohl Luzern nicht als schnelle Strecke gilt.

Mit dem Sieg in Luzern rückte Franziska Inauen auf Platz 8 der Schweizer Jahresbestenliste vor.

  

Training ohne Verein, ohne Coach und ohne Plan

Ehrgeiz und Willen, das Bestmögliche zu leisten, kennt Franziska Inauen gut. Zuoberst in der persönlichen Gewichtung kommen die Zeiten, Zahlen und Ränge allerdings nicht. «Für mich steht die Freude am Wettkampf, am Laufen und an der Bewegung im Zentrum», betont sie. Dieses Empfinden sorgt für den inneren Antrieb, die Motivation. Und gelernt hat sie, dass es besser kommt, wenn sie sich keinen allzu grossen Druck auferlegt. «Schliesslich», so sagt sie, «sind wir keine Maschinen, welche die vorprogrammierte Leistung jederzeit abrufen können».

Mitunter zeigt sich Franziska Inauens Philosophie auch darin, wie sie trainiert: ohne Verein, ohne Coach, ohne Plan. «Bei mir geschieht vieles aus dem Bauch heraus», sagt die Ergotherapeutin, die in Baden-Dättwil mit körperbehinderten Kindern arbeitet. Sport wie Beruf sind ihr wichtig. Nach ihrem Befinden und dem Gefühl richtet sie sich bei ihren sportlichen Aktivitäten. Vor diesem Hintergrund lässt sich auch nachvollziehen, dass sie nur nebenbei von Ambitionen und Fortschritten spricht. «Das Lustprinzip scheint zu mir zu passen», sagt sie lachend.