NLA-Handball
Der HSC Suhr Aarau verliert sich beim Heimdebüt des neuen Trainers in der Hektik des Gegners

Der HSC unterliegt Wacker Thun mit 27:30. Trainer Aleksandar Stevic sieht bei seinem ersten Spiel in der Schachenhalle eine Niederlage, die «vermeidbar» gewesen wäre.

Frederic Härri
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45 Minuten lang hat die Mannschaft von Aleksandar Stevic das Geschehen im Griff. Doch dann verliert sie den Faden.

45 Minuten lang hat die Mannschaft von Aleksandar Stevic das Geschehen im Griff. Doch dann verliert sie den Faden.

Alexander Wagner / FOTO Wagner

Die Schlussviertelstunde bricht an, und Manuel Zehnder richtet seinen Fuss an der Siebenmeter-Linie aus. Wir sind mitten in einer Phase, in der die Tore nicht mehr am Ende raffinierter Spielzüge stehen. Eine Phase, in der die Treffer mehr herausgekämpft als herausgespielt sind. Es sind Minuten wie gemacht für Wacker Thun.

Nach drei erfolgreichen Versuchen steht Zehnder in dieser 47. Minute erneut zum Penalty bereit. Doch nun misslingt ihm der Wurf. Der Ball segelt an der oberen Lattenkante vorbei und hält den Spielstand ausgeglichen. Im Grunde ist der Fehlversuch Vorbote für eine Dernière, in welcher der HSC Suhr Aarau «den Faden verliert», wie Kreisläufer Martin Slaninka später anmerken wird. Mit der abermals hereinbrechenden Hektik kam die Heimmannschaft zuvor gut zurecht, dieses Mal aber wird sie überwältigt davon. Die Thuner hingegen finden im gesteigerten Chaos zur Ruhe. Es ist das Paradox, das die Gäste letztlich zum Sieg geleitet. Von den zehn Würfen, die Wacker in den finalen Minuten abgibt, finden neun den Weg ins Tor. Der HSC trifft lediglich fünf weitere Male.

Die überhitzte Atmosphäre ist ansteckend

Spiele gegen Wacker Thun sind für den Gegner anspruchsvoll. Körperlich wie für die Psyche. Auch im neuerlichen Aufein­andertreffen streuen die Gäste Nickligkeiten und Diskussionen ein, die zur Zermürbung bei­tragen – auch abseits der Platte. Die Schachenhalle ist laut und überhitzt. So als habe sie sich von der Atmosphäre einnehmen lassen. Die Zuschauer pfeifen, fluchen, enervieren sich. Ins­gesamt sprechen die Schiedsrichter zwölf Zeitstrafen aus. HSC-Trainer Aleksandar Stevic wird verwarnt, weil er zu vehement reklamiert.

Zu vehement reklamiert: Stevic bekommt die gelbe Karte gezeigt.

Zu vehement reklamiert: Stevic bekommt die gelbe Karte gezeigt.

Alexander Wagner / FOTO Wagner

Das 27:30 ist Stevic’ Heimdebüt als Coach, die Spiele zuvor bestritt er allesamt auswärts. Am Ende muss er eine Nieder­lage erklären, die nach seinem Dafürhalten «vermeidbar» gewesen wäre. «Wir hätten die Möglichkeiten gehabt, das Spiel voll auf unsere Seite zu drehen», sagt er.

Nach unsteten Startminuten hat der HSC das Geschehen in der Tat im Griff. Er führt mit 10:6, auch kurz nach der Halbzeitpause beträgt der Vorsprung vier Tore. Doch Suhr Aarau geht nicht haushälterisch mit den Chancen um, vielmehr werden beste Gelegenheiten schlichtweg verschwendet. Stevic hat mitgezählt: «Wir lassen ge­samthaft 15 Hundertprozentige aus.» Dadurch eröffnen die Gastgeber den Thunern den Raum, um zurückzukehren in dieser Partie. «Das Momentum kehrte», wie auch Stevic anmerkt. Erschwerend kommt hinzu, dass die Abwehr des HSC mit fortwährender Spieldauer an Sicherheit verliert.

Im Rückzugsverhalten bekunden die Spieler Probleme mit den schnellen Gegenstössen der Thuner. Und auch gegen die gefährlichen Kreisanspiele und schnellen Füsse von Nicolas ­Suter – Wackers Bestem – findet die Verteidigung immer weniger Mittel. Stevic ist dieser Mangel freilich nicht entgangen. Nach Spielschluss merkte er an, dass gegen Thun der Ausfall des verletzten Tim Aufdenblatten zu spüren gewesen sei. «Seine Erfahrung und Aggressivität haben uns gefehlt.»

Mit ihm hatte der HSC seine Probleme: Wacker-Spielmacher Nicolas Suter.

Mit ihm hatte der HSC seine Probleme: Wacker-Spielmacher Nicolas Suter.

Marc Schumacher / freshfocus

Als Ausrede will das Stevic jedoch nicht verstanden wissen. «Wir müssen einfach weiterarbeiten und das besser hinbekommen», sagt er. Anderes wird dem Trainer auch nicht übrig bleiben. Aufdenblatten wird bis Ende Jahr nicht mittun können. Und in der Liga warten Gegner, die mindestens so kaltschnäuzig sind wie Wacker Thun.

Telegramm

Suhr Aarau – Wacker Thun 27:30 (15:13)

Schachenhalle Aarau. 613 Zuschauer. SR Meier/Henning. 5 Zeitstrafen gegen Suhr Aarau, 7 Zeitstrafen plus rote Karte (Linder) gegen Wacker Thun.


Suhr Aarau: Grazioli (8 Paraden)/Scheidiger (1); Willecke (1 Tor), Reichmuth (1), Zehnder (11/4), Ferraz (8), Attenhofer (2), Silva (2/1), Parkhomenko, Pejkovic (1), Laube, Muggli (1), Strebel, Slaninka.


Wacker Thun: Winkler (12 Paraden)/Wick; Linder (1 Tor), Felder (5), Dähler, Sorgen (2), Römer, Guignet (7), Schwab (2), Huwyler, Chernov (3), Suter (10/5), Delhees.

Das Spiel in der Zusammenfassung

Das Spiel zwischen Suhr Aarau und Wacker Thun startete rasant. Schon nach wenigen Sekunden erfolgten die ersten Abschlüsse. Sowohl Leonard Grazioli im HSC-Tor als auch sein Gegenpart Marc Winkler zogen ihre ersten Paraden ein. Für die Thuner traf im Anschluss Gabriel Felder, während der HSC seine weiteren Versuche vergab und so auch nach fünf Minuten noch torlos blieb. Dann aber brach Joâo Ferraz den Bann mit einem Gewaltswurf in den Winkel.

Jetzt war Suhr Aarau im Spiel angekommen. Die Mannschaft nutzte ihre Chancen nun zu einer Führung, die sie in den Folgeminuten verwalten konnte. Möglichkeiten für einen grösseren Vorsprung wären reichlich vorhanden gewesen, doch die Abschlüsse gerieten oftmals zu ungenau. Und so blieben die Thuner weiterhin im Spiel.

Doch auch die Gäste sündigten ein ums andere Mal im Angriff und verpassten es mehrmals zu verkürzen. Dies wusste der HSC nach 15 Spielminuten zu nutzen: Er führte mit 9:5. Wer nun dachte, es kehre allmählich Ruhe ein in die Partie, der irrte. Thun rückte wieder näher heran, verkürzte bis auf einen Treffer und zwang HSC-Trainer Aleksandar Stevic seinerseits zur ersten Auszeit. Die gewünschte Wirkung brachte das Timeout nicht. Die Hausherren agierten weiterhin nervös und in den Angriffen zu umständlich. Die Konsequenz: Wacker glich in der 25. Minute aus. Gleichwohl behielt der HSC bis zur Pause die Oberhand. 15:13 hiess es bei der Halbzeitunterbrechung.

Den besseren Start in den zweiten Umgang erwischten die Gastgeber. Schnell legte der HSC Tore nach und baute die Führung auf vier Tore aus. Die Thuner aber erwiesen sich weiterhin als zähe Gegner. Abermals kam Wacker heran, abermals glich es aus – und kehrte den Spielstand. In der 51. Minute warf Nicolas Suter seine Thuner in Führung. Bis dahin hatte der HSC das Spiel mehr oder weniger im Griff.

In den finalen zehn Minuten wechselten sich die Tore beinahe im Sekundentakt ab. Der HSC versuchet, das Defizit auszugleichen, doch das Glück war dieses Mal nicht auf seiner Seite. Abgezockte Thuner verteidigen ihre Führung und gewinnen mit 30:27.

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