Herr Bürgy, was hatten Sie vom FC Wohlen für ein Bild, als sie letzten Sommer ins Freiamt gekommen sind.
Ein gutes. Dazumal als Uli Forte noch YB-Trainer war, sagte er mir, dass der FC Wohlen eine gute Adresse sei und seine Philosophie, Rohdiamanten aufzunehmen und zu schleifen, konsequent durchziehe. Deshalb bin ich gekommen.

Diese überdurchschnittliche Saison unter Sforza hatte bestimmt auch einen Einfluss.   
Klar, ich habe Spiele verfolgt, einiges gelesen und auch vom Umbruch erfahren. Weil mit Pnishi und Bühler gleich zwei Innenverteidiger den Verein verliessen, erkannte ich meine Chance. Ich wollte mich von Beginn weg etablieren und wenn möglich mit Wohlen solch eine tolle Saison wiederholen. Letztlich wurde mir aber auch klar, dass es bedingt durch die gewichtigen Abgänge schwierig würde, oben mitzumischen.

Also hat sich Ihr Bild vom Verein nicht verändert.
Nein, Wohlen ist ein anerkannter Ausbildungsverein.

Einen Umbruch – wenn auch nicht im selben Ausmass – droht auch diesen Sommer. Inwiefern ist das ein Thema in der Kabine?
Untereinander diskutiert man die Situation schon zwischendurch. Letztlich muss ich aber den Fokus auf meine Person legen und nicht darauf, was mit dem Team geschieht. Das ist die Angelegenheit des Vereins.

Unruhe entsteht in der Kabine wegen Personalfragen keine?
Nein, gar nicht. Letztlich weiss man auch, dass viele Spieler, die nach Wohlen kommen hier das Sprungbrett nutzen wollen, um auf diesem Weg in die Super League zu kommen.

Die Young Boys haben entschieden, Sie im Sommer zurückzuholen. Wäre ein Verbleib in Wohlen für Sie infrage gekommen?
Ich konnten in den vergangenen Monaten viele Fortschritte machen und dafür bin ich dem FC Wohlen sehr dankbar. Ich fühle mich aber bereit für die Herausforderung YB und freue mich sehr darauf, was nun kommt.

Die YB-Innenverteidigung ist - wenn man den verletzten Wüthrich ausklammert – überaltert. Es scheint der perfekte Moment für Sie.
Die Young Boys haben es sich schon zum Ziel gesetzt, einen guten Ausgleich aus Arrivierten und Jungen zu finden. Die Innenverteidiger in Bern sind grosse Persönlichkeiten, davon kann ich einiges profitieren. Ich werde auf jeden Fall angreifen, einen Ablösung wird es aber nicht gleich geben (lacht).

Trainingserfahrung mit den Profis haben Sie ja schon.
Genau, ich konnte vor meiner Zeit in Wohlen schon als U21-Spieler beinahe ein Jahr mit der ersten Mannschaft trainieren. Das machte es mir auch einfacher, mich schneller in der Challenge League zurechtzufinden.

Vor allem die Physis stellt viele U21-Spieler vor Probleme.
Das stimmt, aber technisch sind die U21-Spieler oftmals bereits auf demselben Niveau anzusiedeln. Fest steht: In dieser Liga steckt je länger je mehr Qualität. Vor ein paar Jahren hätte ich mir eine Ausleihe in die Challenge League nicht vorstellen können. Heute ist das viel attraktiver.

Wo steht der FC Wohlen heute in einem Jahr?
Hoffentlich wie in diesem Jahr irgendwo im Mittelfeld und frei von jeglichen Abstiegssorgen. Gleichzeitig glaube ich aber auch, dass wir in einem Jahr wieder über neue junge Talente sprechen werden, die sich in den Fokus spielen.

Es zeichnet sich jedoch ab, welche Teams nächste Saison um die Klasse kämpfen, kommen mit dem designierten Promotion-League-Aufsteiger Servette und einem Super-League-Absteiger doch zwei weitere ambitionierte Equipen in die Liga.   
Eine Prognose zu wagen, ist schwierig. Fussballerisch konnten wir in dieser Saison mit allen Teams mithalten. Das macht Mut.

Ursprünglich wollten Sie einmal Medizin studieren, ist das noch ein Thema?
Ich habe gerade gestern einen Bericht von einem Fussballer gelesen, der seine Karriere nun in der 2. Bundesliga beendet hat und mit 31 Jahren ein Medizinstudium in Angriff nimmt. Kann sein, dass das dereinst auch machen werde. Ich hätte gerne etwas neben dem Fussball, das den Kopf beschäftigt. Aber jetzt, wo ich zurück zu YB in die erste Mannschaft kann, werde ich mich weiterhin zu 110 Prozent dem Fussball widmen und versuche meine Chance zu packen.

Aber Sie machen sich Gedanken darüber, was nach dem Fussball sein wird?
Ja, aber ich habe mit der gymnasialen Matura ein gutes Fundament. Ich mache mir im Moment keine Sorgen.

Es verfügen nicht alle Fussballer über Ihren Bildungsstand.
Es kommt nicht darauf an, was man in der Schule für Noten schreibt, sondern, welche Leistung man auf dem Platz abliefert. Die Spielintelligenz korreliert meines Erachtens nicht mit der schulischen Intelligenz. Ich würde sagen, dass die Lernfähigkeit ein Faktor ist. Je schneller du lernst, desto mehr Fortschritte machst du. Man muss aber auch sehen, dass es schwierig ist, eine passende Lösung in Sachen Ausbildung zu finden, wenn man in den jungen Jahren alles für den Fussball gibt. Ich habe wirklich viel recherchiert und Abklärungen getroffen - geblieben sind für mich Möglichkeiten der sprachlichen Weiterbildung.

Fehlt es an Flexibilität?
Im Sportgymnasium war das kein Problem. Danach fehlte es an geeigneten Optionen. Das Fussballerdasein verträgt sich schlecht mit einem Studium. Profifussballer zu werden ist mein erklärtes Ziel. Aber manchmal wäre es der willkommene Ausgleich, manchmal eine Belastung, wenn man nach Hause käme und noch hinter die Bücher müsste.

Haben die verschiedenen Bildungsstände innerhalb einer Mannschaft Einfluss auf die Gruppenbildung oder das Zusammenleben?
Weniger. Ich denke, dass man das so nicht direkt übertragen kann. Deshalb mache ich da keine Unterschiede.