Challenge League
Neues Abenteuer statt Rücktritt: Florian Stahel will den FC Wohlen prägen

Erst zog Florian Stahel als Vertragsloser einen Rücktritt in Betracht. Nun aber will der Neuzugang und Transfercoup des FC Wohlen im Freiamt einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Calvin Stettler
Merken
Drucken
Teilen
Schützt sich gegen alle Eventualitäten: Obwohl Stahel gegenwärtig mit der Herrichtung einer Wohler Abwehrfestung beschäftigt ist, denkt er auch an das Leben nach dem Fussball. Luis Hartl

Schützt sich gegen alle Eventualitäten: Obwohl Stahel gegenwärtig mit der Herrichtung einer Wohler Abwehrfestung beschäftigt ist, denkt er auch an das Leben nach dem Fussball. Luis Hartl

Luis Hartl

Dieser Moment, der ihn, den geachteten Abwehrpatron, zum Vertragslosen machte, ist Florian Stahel freilich noch präsent. Es war im Frühling dieses Jahres, das Saisonende war schon in Sicht, da erwarteten ihn die Verantwortlichen des FC Vaduz zum Gespräch. Sportlich sei er stets den Erwartungen gerecht geworden, heisst es. Was nach einer Floskel tönt, ist purer Ernst.
Stahel, ein gelernter Hochbauzeichner, der im Fussball seit je her als Maurer fungiert, sprich fürs Befestigen der Abwehrreihe verantwortlich ist, enttäuscht selten. Auch deshalb haben sie ihn einst ins Ländle gelotst. Der auslaufende Vertrag könne leider nicht verlängert werden. Aus wirtschaftlichen Gründen. Eine Mitteilung, die Stahel früher persönlicher genommen hätte. Heute weiss der 31-Jährige aber, dass das eben vorkommen kann, in diesem Business, wo Sentimentalitäten keinen Platz haben.
Stahel sitzt in der Stadion-Lounge des FC Wohlen, lehnt sich zurück und sagt, dass sich in solchen Fällen dafür immer wieder neue Türen öffnen. Die jüngste Tür, die sich öffnete, ist jene zur Garderobe des FC Wohlen. Gut zwei Wochen ist es her, seitdem er seine Unterschrift unter den Vertrag setzte, der ihn zwei Jahre an den FC Wohlen bindet.

Zum Wohle der Familie

Im Freiamt spricht man von einem Coup. Ein Begriff, der in den letzten Jahren sonst nur Leute mit fehlenden Fachkenntnissen im Zusammenhang mit Wohler Spielerverpflichtungen benutzten. Stahel weiss, dass seine Verpflichtung eine spezielle ist, zelebriert es jedoch nicht. Vielmehr geht es darum, seinem eigenen Anspruch, eine Führungsposition innezuhaben, gerecht zu werden. Er will prägen.

Dass Stahel dereinst darüber sinnieren wird, was er dieser jungen Freiämter Mannschaft weitergeben will, war zu Beginn dieses Transfersommers noch nicht absehbar. Als Vertragsloser machte sich Stahel Gedanken. Ob er überhaupt noch Teil dieses Geschäfts sein wolle, war so einer. Schnell kam er zum Entschluss: ja, er will.
Aber nicht unter allen Umständen. Wer mit dem FC Zürich, Luzern und Vaduz insgesamt zwölf solide Super-League-Saisons ausweisen kann, hat Vorstellungen. Solche, die über das Finanzielle hinausgehen. Stahel spricht oft vom Gesamtpaket, das stimmen müsse. Früh versuchte der FC Wohlen, ihn zu bezirzen. Vorerst erfolglos. Stahel leugnet nicht, dass er noch immer gerne das Super-League-Logo auf dem rechten Oberarm tragen würde. Angebote aus obersten Schweizer Liga gab es aber keine.
Eine Rückkehr zu seinem Herzensklub, dem FCZ, stand kurz im Raum. Auch eine Anfrage aus Deutschland erreichte ihn, doch das hätte einige Veränderungen in seinem und dem Leben seiner Familie bedurft. Zu viele für einen Florian Stahel, der mittlerweile nicht mehr alles dem Fussball unterordnet. Seit etwas mehr als sieben Monaten ist er Vater eines Sohnes. Er handelt mit Weitsicht – zum Wohle der Familie.

Im Camp der Vertragslosen

Auch darum schloss er diesen Sommer einen Rücktritt nicht aus. Er hielt sich in Dietikon fit, in einem Trainingscamp für vertragslose Fussballer. Eine hervorragende Sache, findet Stahel. Trainer, Physiotherapeut, Laufbahnberater, alles wird einem zur Verfügung gestellt.
Dass dieses Camp gerne belächelt wird, lässt ihn kalt. Als ihn das Staatsfernsehen an einem Trainingstag besuchte, sagte Stahel, dass er nur dann weiter als Profi aktiv sein werde, wenn das Angebot wirklich passe. Die Verantwortlichen des FC Wohlen suchten das Gespräch erneut, mit einem verbesserten Angebot. Diesmal passte es.

Er wäre nicht zu jedem Challenge-Ligisten. Allein des Weges wegen. Ein Umzug kam nicht infrage, sagt Stahel, der seit je her eine Mauer zwischen dem Fussballerleben und seinem Privatleben hochzieht. Er, der Zürcher Junge, hat seine Heimat nämlich nie verlassen. Noch immer wohnt er in Zürich, dort, wo sich sein ganzes Umfeld tummelt. Das Vertraute behagt ihm, die Freunde, die in ihm nicht nur den Fussballer sehen, geben ihm Halt.

Stahel weiss, dass er sich mit diesen Gedanken, was nach dem Leben als Fussballer kommt, schon bald wieder konfrontiert sieht. Der Sommer 2016 wird dann eine Erfahrung sein, die ihm helfen wird. Vorerst aber will er noch einmal tief in seine Leidenschaft eintauchen und dafür sorgen, dass die Wohler Mauer niemals fällt.