Fussball
Neuer Aarau-Goalie Lars Unnerstall: «Leider war ich das arme Schwein»

Der ehemalige Schalke-Goalie Lars Unnerstall kommt am Samstag zu seinem ersten Super League-Einsatz mit dem FC Aarau. Im Interview erzählt er von seinem Kulturschock in der Schweiz – und weshalb er ausgerechnet nach Aarau wechselte.

François Schmid-Bechtel
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"Das ist doch alles nur Kopfsache" - Goalie Lars Unnerstall vor dem ersten Spiel in der Super League beim FC Aarau.

"Das ist doch alles nur Kopfsache" - Goalie Lars Unnerstall vor dem ersten Spiel in der Super League beim FC Aarau.

Emanuel Freudiger

Kennen Sie Sandro Wagner?

Lars Unnerstall: Ja, vom Namen her.

Es gibt eine Geschichte mit ihm und dem FC Aarau...

... die kenne ich schon.

Also wissen Sie, dass der frühere Nachwuchsspieler von Bayern München einst in Aarau verhandelt und bei der Besichtigung des Brügglifelds gefragt hat: «Wo ist das Stadion?»

Natürlich ist der Unterschied zwischen Schalke 04 und dem FC Aarau riesig. Aber das Stadion hier erinnert mich an jenes aus Münster, wo ich früher gespielt habe. Wenn alle da waren, war es ziemlich cool. So wird es wohl auch im Brügglifeld sein.

Wir denken: Wenn einer aus der Glitzerwelt Bundesliga zum FC Aarau wechselt, wird er irgendwann Motivationsprobleme haben.

Ich hatte es schwer, bei Schalke zu spielen. Aber ich wollte unbedingt spielen. In Aarau habe ich nun die Möglichkeit, bis Mitte Mai 19 Spiele zu absolvieren und mich so für andere Klubs interessant zu machen. Motivationsprobleme befürchte ich jedenfalls nicht.

Kann so ein Abstecher auch hilfreich sein, um zu erden?

Jeder, den Sie fragen, wird Ihnen sagen, dass ich bodenständig geblieben bin. Klar, es ist ein Unterschied, ob man bei Schalke spielt und alles hinterhergetragen kriegt oder hier in Aarau ist. Mal kurz raus aus der Glitzerwelt würde gewissen Bundesligaspielern vielleicht guttun. Aber bei mir ist das kein Thema. Ob mir einer die Sachen hinlegt oder ich das selber tun muss, spielt keine Rolle.

Also mussten Sie nicht lange überlegen, als der Anruf von Trainer René Weiler kam.

Nein. Ich musste nur kurz nachschauen, wo Aarau liegt, und mir Informationen über die Liga besorgen.

In Aarau werden Sie die Erfahrung machen, dass man aus Kostengründen erst am Spieltag zu einem Auswärtsspiel reist und nicht schon am Tag zuvor.

Betreffend Kasernierung wird manchmal übertrieben. Bei Champions-League-Heimspielen mit Schalke mussten wir jeweils im Hotel übernachten. Ich denke, das könnte man auch mit einem Tageshotel regeln. Was jetzt Aarau betrifft: Das sind alles Sachen, auf die man sich einstellen kann. Wenn man von vornherein sagt, dass man keinen Bock hat, kommts nicht gut. Das ist doch alles nur Kopfsache.

Am 27. November 2012 haben Sie nach einer 1:3-Niederlage gegen den Hamburger SV den Stammplatz verloren. Dabei waren Sie an keinem Gegentor schuldig. Viel eher haben Sie eine Kanterniederlage verhindert. Hadern Sie heute noch mit diesem Tag?

In jener Phase ist es uns nicht wirklich gut gelaufen. Trainer Huub Stevens wollte nach dem 1:3 beim HSV etwas verändern. Leider war ich das arme Schwein, das dranglauben musste. Wirklich nachvollziehen konnte ich die Massnahme nicht. Schliesslich hatte Schalke mit mir im Tor den besten Saisonstart aller Zeiten.

Haben Sie damals befürchtet, dass Sie bei Schalke nie mehr eine Chance erhalten würden?

Ich habe gehofft, nochmals reinzukommen. Aber schliesslich ist mir nichts anderes übrig geblieben, als mich mit guten Trainingsleistungen wieder aufzudrängen.

Was nicht gelungen ist.

Das ist das harte Los vieler Torhüter dieser Welt.

Haben Sie jemals bereut, Torhüter geworden zu sein?

Nein. Wenn ich bei den C-Junioren nicht ins Tor gewechselt hätte, sässe ich heute nicht hier. Selbst dem Torhüter Unnerstall hat kaum einer zugetraut, jemals Bundesliga und Champions League zu spielen.

Warum?

Weil ich nie das herausragende Talent war.

Ist es für den Trainer einfacher, einen Arbeiter statt ein Talent zu opfern?

Ich habe mich schon häufig damit auseinandergesetzt, welche Vor- und Nachteile der Fussballarbeiter hat.

Arbeiter akzeptieren eher eine Statistenrolle.

Gut möglich. Mir war immer klar, dass ich mir und dem Team schade, wenn ich Stunk mache.

Mit Fabian Giefer hat Schalke für nächste Saison bereits einen weiteren Torhüter verpflichtet. Welchen Einfluss hat dieser Transfer auf Ihre Planung?

Ich muss mir im Sommer sowieso überlegen, ob Schalke noch der richtige Verein für mich ist. Und was Giefer betrifft: Warum sollte man einen neuen Torhüter holen, wenn man ihn auf die Tribüne setzt? Für mich ist dieses Thema erst mal zweitrangig. Nicht ganz einfach ist die Situation hingegen für Ralf Fährmann, der jetzt zwar Stammtorhüter ist, aber damit rechnen muss, nächste Saison von Giefer verdrängt zu werden.

Was wäre aus Ihnen geworden, wenn Sie Feldspieler geblieben wären?

Wahrscheinlich hätte ich Maschinenbau studiert. Oder ich wäre zur Polizei gegangen.

Wann war klar, dass Sie auf Fussball setzen?

Eigentlich nie. Auch als 2008 das Angebot von Schalke kam, habe ich keine reelle Chance gesehen, Profi zu werden. Das erste Mal, als ich dachte, dass es klappen könnte, war ein Jahr später, als ich hin und wieder mit den Profis mittrainieren durfte. Aber so richtig darauf gesetzt habe ich noch nicht.

Ihr Bundesliga-Debüt am 15. Oktober 2011 war speziell. Ihr Konkurrent Ralf Fährmann flog in der 30. Minute mit Rot vom Platz. Welche Bilder haben Sie noch im Kopf?

Erst habe ich gar nicht richtig registriert, dass ich rein musste. «Langer, du musst dein Trikot anziehen. Du musst jetzt rein.» Hätte mich mein Mitspieler Joel Matip nicht angetippt, würde ich wohl jetzt noch auf der Bank sitzen. Wir haben gegen Kaiserslautern 1:2 verloren. Doch das Resultat war für mich eher zweitrangig. Wichtiger war das Erlebnis. Da waren diese 61 600 Zuschauer. Diese unbeschreibliche Stimmung.

Pusht das, oder ist diese Schalker Kulisse eher beängstigend?

Vor meinen ersten Einsätzen war ich jeweils so krass nervös, dass ich dachte, ich würde keinen Ball fangen können. Aber mit Spielbeginn war die Nervosität jeweils weg.

Wann war für Sie klar, dass Sie Schalke verlassen werden?

Mein Management hat schon im Sommer nach Alternativen gesucht. Doch das Leihgeschäft mit Kerkrade ist nicht zustande gekommen. Danach wollten wir im Winter weiterschauen. Und es sah wieder danach aus, als würde sich keine Lösung ergeben. Bis René Weiler angerufen hat.

Irritierend finde ich, dass Ihr Management auch Fabian Giefer vertritt, der im Sommer von Düsseldorf zu Schalke wechselt.

Giefer hat ein anderes Spielerprofil als ich. Schalke hat so oder so einen Torhüter gesucht. Ob jetzt der Giefer kommt oder ein anderer, spielt eigentlich keine Rolle. Erst recht nicht, weil ich mit Giefer gut klarkomme.

Am Samstag geben Sie gegen St. Gallen Ihren Einstand. Müssen Sie noch Videostudium betreiben, um die Gegner kennen zu lernen.

Zugegeben: Ich kenne bis jetzt noch keinen Spieler von St. Gallen. Zwei Tage vor dem Spiel muss ich mich mit dem Trainer mal hinsetzen, um die Gegner zu studieren. Ich muss nicht die ganze Mannschaft kennen. Aber sicher die Stürmer, den Zehner, die Aussen, und wenn es einen Mittelfeldspieler gibt, der einen Schuss wie ein Pferd hat, auch diesen.

Wie schätzen Sie Ihre neue Mannschaft ein?

Wir haben ein kleines Kader. Deshalb müssen wir höllisch aufpassen, dass wir nicht zu viele Ausfälle haben. Aber es ist ein Team mit einem guten Geist. Ein Team auch, das willig ist und schnell umschalten kann.

Das letzte Saisonspiel ist auf den 18. Mai terminiert. Warum ziehen Sie trotz Ihres kurzen Aufenthalts in Aarau eine Wohnung dem Hotelzimmer vor?

Ich mag es nicht, zu lange im Hotel zu bleiben. Dann kommt mal Besuch, von meiner Freundin, der Familie oder Freunden, und die will ich nicht im Hotel einquartieren. Nein, das passt mir nicht. Ausserdem koche ich gerne selbst.

Haben Sie sich an die Preise in der Schweiz schon gewöhnt?

Ich musste dreimal leer schlucken, als ich die ersten Wohnungen angeschaut habe. Dafür bezahlt man in der Schweiz etwas weniger Steuern.

Müssen Sie durch den Wechsel Lohneinbussen in Kauf nehmen?

Ein bisschen schon. Aber das macht mir nichts aus. Schliesslich wollte ich unbedingt spielen. Mir ist klar, dass Aarau nicht viel bezahlen kann. Ausserdem war für den Wechsel entscheidend, dass Schalke mitgespielt hat.

Schalke scheint sich Ihnen gegenüber sehr fair verhalten zu haben.

Das stimmt. Das ist vielleicht auch der Dank dafür, dass ich mich auch als Ersatztorhüter stets loyal verhalten und nie Radau gemacht habe.