Es läuft die dritte Trainingseinheit seit der Hiobsbotschaft. Und hätten wir vor dem Besuch in der Niedermatten die Szenerie malen müssen – es wäre in etwa das Bild herausgekommen, das wir an diesem Donnerstagnachmittag antreffen: Schwarz-grauer Himmel, der Regen peitscht quer über den Kunstrasen. Der Wind ist so stark, dass die Bälle von selber rollen. Ja, Untergangsstimmung.

Das Training dauert eine gute Stunde. Etwas früher als seine Teamkollegen verlässt Alain Schultz den Platz und flüchtet in den warmen Kabinentrakt. Erst nach einigen Sekunden willigt er zum Gespräch ein. Ihm, dem Captain und Urgestein, der vor 15 Jahren seine Profikarriere in Wohlen lancierte, gehen die Ereignisse besonders nah. «Ich denke an nichts mehr anderes, es tut weh. Das ist mein Verein», sagt er.

Als Spieler mit Sonderstatus, der engen Kontakt zur Klubspitze um Lucien Tschachtli und René Meier pflegt, ist Schultz schon länger in deren Gedanken eingeweiht. Er hat Verständnis. Von Groll keine Spur. «Das bringt nichts mehr. So ein Aufwand, Jahr für Jahr – und dann kommen 500 Zuschauer an die Heimspiele. Es ist himmeltraurig. Die Region weiss leider nicht mehr zu schätzen, was hier geleistet wird.»

Es endet früher als geplant

Der 34-Jährige hätte im Sommer gerne eine weitere Saison angehängt, so gut fühle er sich nach den jahrelangen Hüftproblemen wieder. Nun endet das Leben als Berufsfussballer schon in einem halben Jahr, denn: «Ich habe immer gesagt: Die Profikarriere beende ich in Wohlen. Dabei bleibt es. Aber ich werde mich jetzt nach einem ambitionierten Amateur-Klub umschauen, ich will weiter Fussball spielen.» Ist es eine Option, den FC Wohlen beim Neuanfang zu begleiten? «Ja. Aber ich schaue mich auch nach Alternativen um.»

Als Captain muss Schultz gemeinsam mit dem Trainerteam und den anderen Führungsspielern dafür sorgen, dass der Laden nicht auseinanderfällt. Sprich: Den anderen Spielern klarmachen, dass sie sich in erster Linie selber schaden, wenn sie unmotiviert in die Rückrunde gehen. Keine einfache Aufgabe, wenn die eigene Lust gerade ganz weit weg ist.

Der FC-Wohlen-Captain Alain Schultz gehen die Ereignisse besonders nah

Der FC-Wohlen-Captain Alain Schultz gehen die Ereignisse besonders nah

Schultz: «Die Stimmung ist im Keller, bei mir, bei allen im Team. Den Schalter umlegen und befreit aufspielen, das ist einfacher gesagt als getan. Abwarten, was passiert.»
Aber eben: Nur wer entweder einen listigen Berater hat oder sportlich positiv auffällt, hat im Sommer gute Chancen auf eine Weiterbeschäftigung als Profi. Es geht um Existenzen, auch um solche von Familien. Goalie Flamur Tahiraj etwa weiss gerade nicht, wo ihm der Kopf steht.

Schwierige Zeiten

Eigentlich gebe es für den 31-Jährigen gerade nur Grund zur Freude, denn im Sommer wird er erstmals Vater. Doch ist dies eben auch die Zeit, in der die siebeneinhalb Jahre beim FC Wohlen enden. Und in der er arbeitslos würde, wenn bis dahin keine andere Tür aufgeht. Er sagt: «Einfach irgendwo unterschreiben, um weiter Profi zu sein, werde ich nicht. Ich habe keine hohen Ansprüche, aber eine Familie ernähren, das kostet Geld.»

«Einfach irgendwo unterschreiben, um weiter Profi zu sein, werde ich nicht. Ich habe keine hohen Ansprüche, aber eine Familie ernähren, das kostet Geld.»

«Einfach irgendwo unterschreiben, um weiter Profi zu sein, werde ich nicht. Ich habe keine hohen Ansprüche, aber eine Familie ernähren, das kostet Geld.»

Keine einfache Situation in Zeiten, in denen bei den meisten Schweizer Fussballklubs der Sparhammer niedergeht. «In der Challenge League muss ein Spieler jung sein und darf nichts kosten. Als Goalie, von denen es am wenigsten braucht, habe ich es besonders schwer. Wenn ich keinen passenden Verein finde, werde ich im Sommer erst mal normal arbeiten gehen – kein Problem.» Tahiraj weiter: «Aber jetzt sind wir noch Sportler im Dienst des FC Wohlen. Wir sind es uns und dem Klub schuldig, wenigstens den sportlichen Abstieg zu verhindern.»