Der letzte Penalty für Xamax! Geoffroy Serey Die trifft. Die Entscheidung ist gefallen. Die Neuenburger gewinnen das Penaltyschiessen 5:4, bleiben also in der Super League. Einer steht auf der Haupttribüne im Stadion Brügglifeld und kann sein Glück kaum fassen. Der wegen einer roten Karte im Hinspiel gesperrte Raphaël Nuzzolo lässt seinen Emotionen freien Lauf. Er hat Tränen in den Augen. Mehr noch. Er weint still und leise vor sich hin. Und niemand weiss genau, ob es Tränen der Freude sind oder ob sich bei ihm ganz einfach die Anspannung löst.

«Die letzten Minuten waren grausam», sagt Nuzzolo. «So etwas habe ich in meiner langen Karriere als Profi noch nie erlebt. Und so etwas möchte ich in meiner Karriere auch nie mehr erleben. Dieser Nervenkitzel war ein Horror. Ich bin völlig am Ende. Und jetzt bin ich erleichtert. Mehr noch. Es ist eine Erlösung. Mir fallen Steine vom Herzen. Aber ganz ehrlich, mir tut der FC Aarau leid. Es kann doch nicht sein, dass eine Barrage im Penaltyschiessen entschieden wird. Das ist schlicht und einfach unmenschlich.»

Xamax war am Boden

Nach diesen Worten schüttelt Nuzzolo den Kopf. «Wissen Sie was», sagt er. «Ich kann nicht glauben, was da passiert ist. Im Fussball scheint es wirklich nichts zu geben, was es nicht gibt. Wenn ich die vergangenen vier Tage Revue passieren lasse, kommt nochmals alles hoch.» Was ist denn genau passiert?

«Nach dem 0:4 im Hinspiel am vergangenen Donnerstag waren wir am Boden», blickt Nuzzolo zurück. «Die ganze Mannschaft sass bis nachts um zwei Uhr in der Umkleidegarderobe. Wir diskutierten und diskutierten. Wir analysierten und analysierten. Und irgendwann war dem Hintersten und Letzten klar. So können, so wollen wir uns nicht aus der Super League verabschieden. Wir waren es alleine schon unserem Trainer Stéphane Henchoz schuldig, dass wir im Rückspiel im Brügglifeld nochmals alles geben und uns mit aller Macht gegen den Abstieg wehren.»

Liverpool als Vorbild

Henchoz selbst liess sich vor dem Spiel in Aarau etwas Besonderes einfallen. Der scheidende Xamax-Trainer zeigte seiner Mannschaft ein Video vom Champions-League-Halbfinal zwischen Liverpool und Barcelona. Die Spanier hatten das Hinspiel im heimischen Camp Nou 3:0 gewonnen. Liverpool lag am Boden, schien geschlagen. Nichts da! Im Rückspiel an der Anfield Road spielten sich die «Reds» in einen Rausch und gewannen 4:0.

«Für mich und meine Teamkollegen war dieses Video, das Henchoz selbst zusammengestellt hatte, eine grosse Motivationsspritze», sagt Nuzzolo. «Die Mannschaft von Liverpool wurde für uns zu einem Vorbild. Wir spürten, dass trotz der 0:4-Pleite noch etwas möglich ist. Wir glaubten plötzlich wieder an unsere Chance. Und jetzt haben wir diese Chance gepackt.»

Eine Herzensangelegenheit 

Ein Blick auf die Karriere von Nuzzolo zeigt, wie wichtig für ihn der Ligaerhalt mit Xamax ist. Der heute 35-Jährige lancierte seine Profikarriere 2001 bei den Neuenburgern. Nach zehn Jahren wechselte er zu den Young Boys. 2016 kehrte er zu Xamax zurück. Und erlebte in dieser Saison so etwas wie den zweiten Frühling. Mit seinen 14 Toren lieferte Nuzzolo den Beweis, dass er noch längst nicht zum alten Eisen gehört.

«Mag sein, dass ich im Herbst meiner Karriere nochmals so richtig aufblühe», sagt Nuzzolo. «Aber es geht nicht um mich. Es geht um Xamax. Dieser Verein ist für mich eine Herzensangelegenheit. Und weil ich durch und durch Neuenburger bin, werde ich auch in der nächsten Saison alles für Xamax geben.»

Raphael Nuzzolo (l.) und Charles Pickel jubeln mit den mitgereisten Fans.

Raphael Nuzzolo (l.) und Charles Pickel jubeln mit den mitgereisten Fans.